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„Alles ist Wechselwirkung“

Alexander von Humboldt Der schillernde Wissenschaftler wäre in diesem Jahr 250 Jahre alt geworden

Geniale Forscher werden oft mit einer revolutionären Erkenntnis in Verbindung gebracht: Charles Darwin zum Beispiel mit der Evolutionslehre, Albert Einstein mit der Relativitätstheorie. Bei Alexander von Humboldt (1769-1859) ist das nicht so. Auch wenn er mit fast manischer Besessenheit Daten sammelte: Um einzelne Phänomene ging es ihm weniger. Vielmehr wollte er übergeordnete Zusammenhänge ergründen. „Alles ist Wechselwirkung“, schrieb er 1803.

Tobias Kraft von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften betont: „Wenn es eine Humboldt-Formel gibt, dann ist es dieser Satz.“ Humboldt, dessen Geburtstag sich 2019 zum 250. Mal jährt, ist eine der prominentesten Personen der Wissenschaftsgeschichte. Schon zu Lebzeiten war er weltberühmt – auch wegen seiner schillernden Persönlichkeit.

„Die Humboldtsche Wissenschaft ist eine Vernetzungswissenschaft“, betont auch Ottmar Ette von der Universität Potsdam. Die Tendenz zum Querdenken zeigt sich früh. In Berlin in eine wohlhabende Familie geboren, werden Alexander und sein Bruder Wilhelm auf Schloss Tegel von Hauslehrern unterrichtet.

An Universitäten bildet er sich in Wirtschaft, Biologie, Medizin, Physik und Bergbau fort. Später besucht er etliche Länder Europas und startet 1799 sein größtes Projekt: die Amerikareise. Mit dem französischen Botaniker Aimé Bonpland bereist er fünf Jahre lang weite Teile des spanischen Kolonialreichs. „Humboldt finanzierte seine Reise selbst und war damit völlig unabhängig von Geldgebern“, sagt Kraft. „Das war äußerst ungewöhnlich.“

Beladen mit einem Arsenal an Messinstrumenten erkunden die Männer Gebiete in den heutigen Ländern Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru, Kuba, Mexiko und in den USA. „Meine Gesundheit und Fröhlichkeit hat trotz des ewigen Wechsels von Nässe, Hitze und Gebirgskälte sichtbar zugenommen“, schreibt Humboldt nach Europa.

Humboldt und Bonpland entdecken die Verbindung zwischen den Flusssystemen von Orinoco und Amazonas, beschreiben die Zubereitung des Pfeilgiftes Curare, erkunden die Anden, verorten den magnetischen Äquator, bestimmen die Bläue des Himmels. Sie besteigen etliche Vulkane und erkunden den knapp 6300 Meter hohen Chimborazo, der damals als höchster Berg der Welt gilt.

Zurück in Berlin hält Humboldt öffentliche Vorträge – für Forscher, den König und das einfache Volk. „Ideen können nur nützen, wenn sie in vielen Köpfen lebendig werden“, schreibt er einmal. Die Resultate seiner Amerikareise veröffentlicht Humboldt zudem in rund 30 Bänden.

„Humboldt ging es darum, Wissen zu teilen und zirkulieren zu lassen“, sagt Kraft. Mit seinem Enthusiasmus strahlt Humboldt auf junge Wissenschaftler aus, nicht zuletzt auf den jungen Darwin, der die Schriften des Preußen auf seiner Reise mit der „Beagle“ sorgfältig studiert. „Humboldt kann man sich als einen sehr dynamischen Menschen vorstellen, geistreich, quicklebendig, sehr kommunikationsfreudig, der mit Witz bis hin zu Schärfe auftrat“, sagt Ette.

In Deutschland wurde es zeitweilig still um Humboldt. Das änderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg: Die DDR vereinnahmte ihn als Anwalt für die Rechte der Unterdrückten, die BRD als Repräsentant eines weltoffenen Deutschlands. Wie populär Humboldt heute wieder ist, zeigt der Erfolg vieler Biografien. „Humboldt hat viel thematisiert, was heute von großer Bedeutung ist“, sagt Kraft.

Überzeugt von der Gleichheit aller Menschen

Humboldt prangerte etwa soziale Missstände und die Unterdrückung der indianischen Bevölkerung an. „Die Humboldtsche Ethik ist von einer fundamentalen Überzeugung der Gleichheit aller Menschen getragen“, sagt Ette.

Die letzten Jahrzehnte lebte Humboldt, der sein ganzes Vermögen für seine Reisen und die Veröffentlichung des amerikanischen Reisewerks ausgegeben hatte, in finanzieller Abhängigkeit vom preußischen König. Als „Republikaner am Königshof“, wie Ette sagt. Tragik seines Lebens – aber zugleich ein weiteres Symbol seiner Größe. Denn, so Ette, von seinen Positionen sei er auch bei Hofe trotz Anfeindungen nicht abgerückt.

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