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Wenn das Kind nicht atmet

Wiederbelebung Experten bemängeln fehlendes Wissen bei Eltern

Die Abstände zwischen den Geburtswehen werden immer kürzer, als Christian Flask* seine hochschwangere Frau ins Krankenhaus bringt. Der Notfallarzt steht seiner Frau im Kreißsaal als Vater und nicht als Arzt zur Seite. Nach mehr als zwölf Stunden erblickt seine Tochter das Licht der Welt. Dann Schreckenssekunden. „Meine Tochter war aschfahl, bewegte sich nicht, atmete nicht“, erinnert sich Flask. Fruchtwasser war in die Lunge gelangt.

Der Gynäkologe und die Hebamme schienen überfordert. Kaum war die Nabelschnur durchtrennt, reanimierte Flask sein Neugeborenes, bis es seinen ersten Atemzug machte. „Auch wenn Eltern in aller Regel nicht ihr Neugeborenes reanimieren, sondern ein Kind, das schon mitten im Leben steht, zeigt mein Beispiel, dass schnelles Handeln unverzichtbar ist“, sagt Christian Flask.

Das Gehirn beginnt nach drei bis fünf Minuten abzusterben

Jedes Jahr werden nach Schätzungen des Deutschen Rates für Wiederbelebung bis zu 4000 Kinder in Deutschland reanimiert, davon bis zu 1000 außerhalb eines Krankenhauses. Genaue Statistiken gibt es keine. „Wie bei Erwachsenen gehen wir davon aus, dass nur maximal 40 Prozent der Menschen, die in der Lage sind, zu reanimieren, das auch tun“, sagt Professor Bernd Böttiger, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Rates für Wiederbelebung.

Die Überlebenschancen der Betroffenen liegen bei gut zehn Prozent. Diese Rate könnte verdoppelt bis verdreifacht werden. „Würden mehr als 50 Prozent der Menschen reanimieren, dann könnten wir 10 000 Menschenleben jedes Jahr zusätzlich retten, auch zahlreiche Kinder“, ist sich der Arzt sicher. Besonders häufig müssen Kinder nach Verkehrs- und Badeunfällen reanimiert werden.

Lebensrettend ist Handeln vor Eintreffen des Notarztes – im Schnitt braucht er acht Minuten. „Das Gehirn beginnt nach drei bis fünf Minuten abzusterben. Deshalb muss vor dem Eintreffen des Notarztes sofort gehandelt werden“, erklärt Böttiger. „Im Großteil der Fälle müssen Kinder wegen eines Atemversagens reanimiert werden. Ein Herzstillstand ist sehr selten“, weiß Dr. Daniel Schachinger, Leiter der Zentralen Notaufnahmen der DRK Kliniken Berlin.

Auch bei der Reanimation von Kindern gilt: „prüfen, rufen, drücken“. Doch Besonderheiten sind zu beachten. Bei dem ersten Schritt der Reanimation, dem Überprüfen der Bewusstseinslage, dürfe das Kind auf gar keinen Fall geschüttelt werden, sagt Schachinger. Beatmen ist bei Erwachsenen wünschenswert, bei Kindern Pflicht. „Bei bewusstlosen Kindern ist in den allermeisten Fällen kein Sauerstoff mehr im Blut“, erläutert Böttiger. Wenn der Erwachsene beatmet, umschließt er bei kleineren Kindern Mund und Nase. Bei größeren bewusstlosen Kindern soll die Nase zugehalten und in den Mund ausgeatmet werden – so empfehlen es die Reanimationsleitlinien des Deutschen Rates für Wiederbelebung.

Wenn das Kind bewusstlos erscheint, soll es zunächst fünfmal beatmet werden. Jeder Atemzug sollte eine Sekunde dauern, so dass sich der Brustkorb hebt und senkt. Kommt der Atem des Kindes nicht in Gang, sollte eine Herzdruckmassage erfolgen. „Bei Säuglingen wird die Herzdruckmassage mit zwei Fingern durchgeführt, bei älteren Kindern mit dem Handballen. Etwa zwei bis drei Zentimeter tief soll bei Kindern der Brustkorb eingedrückt werden“, sagt Schachinger. Idealerweise folgen bei Kindern auf 15 Kompressionen zwei Beatmungen.

Für Eltern ist es nicht einfach einzuschätzen, wann ihr Kind ernsthaft krank oder nur stark erkältet ist. Denn Kinder können ihr Empfinden oft nicht richtig beschreiben, auch wenn sie bereits sprechen. „Gerade jüngere Kinder sagen häufig, sie hätten Bauchschmerzen, auch wenn sie ganz andere Symptome haben“, sagt Schachinger.

Erwachsene müssen deshalb verschiedene Elemente in Beziehung zueinander setzen. „Wenn das Kind schnell atmet, ein graues Munddreieck hat, dann weist das auf eine schwere Erkrankung hin“, sagt der Notfallmediziner. Ein weiterer Hinweis: Das Kind wirkt teilnahmslos, lässt sich ohne Widerstand versorgen. „Das ist ein großes Alarmsignal, weil jüngere Kinder solche Situationen ablehnen, wenn es ihnen gut geht.“

Erwachsene müssen besonders aufmerksam sein, weil das Wohlbefinden von Kindern sich schlagartig ändern kann. Sie haben eben noch gespielt und plötzlich hängen sie bei den Eltern schlaff auf dem Schoß, sind grau und atmen vielleicht nur noch sehr langsam. „Kinder können über einen längeren Zeitraum ihre Körperfunktionen aufrechterhalten, auch wenn sie angeschlagen sind. Dann verschlechtert sich ihr Zustand abrupt“, sagt Schachinger.

„Eltern sollten am besten Kurse zur Wiederbelebung von Kindern besuchen, damit die nötigen Abläufe in Fleisch und Blut übergehen“, fordert Schachinger. Ganz entscheidend sei, in der ersten Minute zu handeln.

Eltern sollten Kurse zur Wiederbelebung besuchen

Tanja Knopp, Leiterin einer Grundschule in Bochum, pflichtet ihm bei. Sie ist überzeugt, nicht nur Eltern, sondern auch Kita-Mitarbeiter und Lehrer sollten solche Kurse machen. „Wir haben 360 Schüler. Zehn Eltern machen im Jahr einen Reanimationskurs.“ Tanja Knopp rettete selbst mithilfe ihrer Kollegen einen Zehnjährigen aus einem Teich und reanimierte ihn. Der Junge überlebte. „Wenn man was tut, besteht immer noch die Chance, dass es gut geht, beim Nichtstun aber nicht“, sagt Knopp, die ehrenamtlich als Rettungssanitäterin beim Deutschen Roten Kreuz arbeitet.

Christian Flask und seine Frau fühlten sich nach der Wiederbelebung über Wochen bewegt. „Dieses Gefühl, das schwer zu benennen ist, brauchte Zeit, um seinen richtigen Platz zu finden. Dann geht es einem wieder gut und man ist besonders dankbar für das Geschenk, eine so wunderbare Tochter zu haben“, sagt Flask. (* Name geändert)

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