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Teestunde im Doppeldecker

London Die britischste aller Traditionen erlebt ein variantenreiches Comeback

Erst ist die Handtasche von Prada nach drei Bissen verschwunden. Dann folgt zu einer Kanne Tee Stück für Stück auch noch der Rest der aktuellen Kollektion. Diese Modenschau en miniature, die im silbrig spiegelnden Collins Room des Londoner Luxushotels The Berkeley serviert wird, ist zum Anbeißen: Der Bikini und der Stiletto sind detailliert verzierte Kekse. Die Kleider – unter anderem im Design von Stella McCartney – kommen in Form kleiner Biskuit-Küchlein oder stecken als fruchtig-leichte Creme mit Merengue in Shot-Gläsern. Insgesamt neun der exquisiten Konditorenköstlichkeiten findet man beim sogenannten Prêt-à- Portea auf der Etagere, allesamt inspiriert von Trends und Kreationen berühmter Designer. „Ich dekonstruiere die Designs und interpretiere sie für den Afternoon Tea neu“, sagt Chef-Konditor Mourad Khiat im Berkeley über seine Variante des Nachmittagstees, der seit jeher weit mehr ist als nur eine Pause mit der Tasse Tee, die die Briten ja so lieben.

Einige Ältere mögen ihren Tee dennoch lieber traditionell

Zwar sitzen im Collins Room vor allem Frauen verzückt beim „Prêt-à-Portea“, viele nicht älter als 40. Hier sieht man, dass die wohl britischste aller britischen Tradi­tionen längst nicht mehr nur genussvoller Zeitvertreib älterer Ladys ist. In den vergangenen Jahren erlebte sie auch bei der jüngeren Generation ein Comeback. Auch die extravaganteren Ideen wie im Berkeley sind keine Ausnahme. Mittlerweile buhlen zahlreiche Varianten um die Genießerfraktion, die keine Angst vor Kalorien hat. In London sind moderne, exzentrische und experimentelle Afternoon Teas im Angebot. Mal mit „Alice im Wunderland“ als Thema, mal mit Einflüssen der neuen baskischen oder sogar japanischen Küche.

Bei all den Köstlichkeiten, die am Nachmittag serviert werden, scheint es un­vorstellbar, dass der Afternoon Tea vor nicht ganz 200 Jahren als Zwischenmahlzeit erfunden wurde: Die Tradition soll zurückgehen auf die Hof­dame Anna, die 7. Herzogin von Bedford und Freundin von Queen Victoria. Sie begann, die Hungerstrecke zum Dinner mit Tee und einem Snack zu überbrücken.

Bis heute unterscheidet man unterschiedliche Varianten: Eine abgespeckte Version ist der sogenannte Cream Tea. Der beschränkt sich beim Gebäck auf die runden Scones, die kuchen­artigen Brötchen, die mit Marmelade und Clotted Cream bestrichen werden, also jenem dicken Rahm, der leicht, sahnig und damit reichlich trügerisch ist. Der High Tea hingegen, den es vor allem zu besonderen Anlässen gibt und zu dem auch warme Gerichte gehören, ist näher am Dinner. Dazwischen liegt der Afternoon Tea mit seiner Abfolge kleiner Köstlichkeiten in deftig und süß.

Die dekadentesten Nachmittagstees starten mit Rosé-Champagner, erst dann kommt der Tee. Im Nobelhotel Dorchester fällt die Wahl auf den Dorchester Blend, der in mintfarbenes Porzellan gegossen wird. „Die Auswahl des Tees ist eine persön­liche Sache. Ich beispielsweise mag am liebsten den normalen English Breakfast Tea mit etwas Milch und Zucker“, sagt Restaurantleiter Petar Loncar. „Der beste Tee ist der, der schmeckt und Vergnügen bereitet.“

Vergnügen bereitet im Dorchester außerdem alles, was den Tee begleitet. Es beginnt mit exquisiten Amuse-Bouches: Lachs mit Kaviar und Fois Gras mit einem Blattgoldblättchen. Es folgen Finger-Sandwiches. Zwischen den präzise geschnittenen Weißbrotscheiben befindet sich ganz klassisch Ei mit Kresse, ebenso Gurke mit Frischkäse, Räucherlachs und Hühnchen. „Das ‚Coronation Chicken‘-Sandwich ist heute noch eines der Lieblingssandwiches der Queen.“

Die Bustour ist in Sachen ­Britishness schwer zu toppen

Wenn Afternoon Teas zum Repertoire von Fünf-Sterne-Hotels wie dem Dorchester gehören, findet man sie heute an verschiedensten Orten – sogar in einem Bus. Im Afternoon-Tea-Bus ist alles durchdacht: Nichts kann wackeln, herumrutschen oder herunterfallen. Die Happen holt man sich von der Etagere auf einen Plastikteller, und damit der Tee in einer Kurve nicht brühend heiß über die Finger schwappt, wird er in Trinkbecher mit Deckel eingeschenkt.

Natürlich ist dieser Afternoon Tea nicht so stilvoll und raffiniert wie in den Luxushotels. Dafür hat man die Möglichkeit, diese Tradition mit Sightseeing zu kom­binieren. Im Trend um immer ausgefallenere Ideen hatten die französischen Betreiber der B Bakery den Einfall, den Afternoon Tea in diese ungewöhnliche Umgebung zu verlagern. „Wir haben nach einem Twist gesucht, anders als die an­deren zu sein, und überlegt, wie wir es noch britischer machen können“, sagt Jean-Philippe Boriau, der Guide an Bord. Und tatsächlich ist der Trip in Sachen ­Britishness schwer zu toppen: Der 90-minütige Tee-Klatsch findet schließlich in einem alten knallroten Routemaster-Doppeldecker aus den 50er-Jahren statt, wie man sie nur noch selten auf Londons Straßen sieht. Nach dem Start an der Victoria Station arbeitet sich der Bus im dichten Verkehr zu den touristischen Sightseeing-Hotspots vor: Royal Albert Hall, Harrods, Trafalgar Square, Buckingham Palace, Piccadilly Circus.

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