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Ein Hauch Fünfziger Jahre

Helgoland Die Nachkriegs-Architektur verleiht der Insel besonderen Charme

Wer nach Helgoland aufbricht, begibt sich auch auf eine Zeitreise. Der Neuankömmling merkt es gleich nach dem Anlegen, wenn er die Kurpromenade entlangspaziert. Eigentümlich schlicht und etwas bieder wirken die einheitlich gestalteten Hotelfassaden, auf denen Namen wie Seeblick oder Hanseat stehen und antiquiert wirkende Tafeln anzeigen, ob Zimmer frei oder belegt sind.

Helgoland ist nicht nur Deutschlands einzige Hochseeinsel mit der Langen Anna, dem Felsen aus Buntsandstein, sondern so etwas wie Deutschlands einziges Freiluftmuseum für die Architektur der 1950er- und 60er-Jahre. Fast jedes Haus auf der Insel steht unter Denkmalschutz. „Jahrzehntelang war das ein absoluter Hemmschuh für die touristische Entwicklung“, sagt Detlev Rickmers, dem auf der Insel sieben Hotels und einige Apartmenthäuser gehören. Doch jetzt gebe es eine Trendwende, „die Architektur wird für uns ein Alleinstellungsmerkmal“. Erste Gäste kämen nicht trotz, sondern gerade wegen des besonderen Ortsbildes.

Ein frischer Nordseewind weht, und die Sonne scheint, als wir Max Mailänder, Jahrgang 1961, an der Kurpromenade treffen. Für Touristen bietet er regelmäßig Führungen zur Baugeschichte an. Aus seiner Tasche holt er einige Schwarz-Weiß-Fotos, die eine Mondlandschaft mit Kratern zeigen – es ist Helgoland nach dem „Big Bang“, wie er sagt. Damals, am 18. April 1947, sprengte die britische Armee das unterirdische Bunkersystem der Insel in die Luft. Es war die größte nichtnukleare Sprengung aller Zeiten. In den Jahren darauf war Helgoland Übungsziel für die Bomberpiloten der Royal Air Force. 1952 kam die Insel an die Bundesrepublik zurück, die sich an den Wiederaufbau der zerstörten Insel machte. „Es war die Chance, alles von Grund auf neu zu machen“, sagt Mailänder. Ein symbolträchtiges Vorzeigeprojekt für die Regierung Adenauer.

Die Helgoländer Palette zeigt die 14 Farbtöne der Fassaden

Eine Kommission unter der Leitung von Otto Bartning plante die Neubebauung – dieser war Präsident des Bundes Deutscher Architekten und hatte 1918 mit Walter Gropius die Ideen des Bauhauses formuliert. „Genau diese Ideen lassen sich heute auf Helgoland besichtigen“, sagt Max Mailänder.

Er führt uns zur Bremer Straße, die ein Stück abseits der Touristenströme liegt. Hier stehen die „Versuchshäuser“, betont funktional gestaltete, schlichte Rotklinker-Häuser mit asymmetrischen Giebeln. Der Hamburger Architekt Georg Wellhausen konzipierte sie für die ersten Helgoländer, die auf die Insel zurückkehrten. „Achten Sie auf die Dachschrägen“, sagt Mailänder. „Die haben genau 32 Grad.“ In alle Zimmer der dahinterliegenden Häuser sollte die ausreichende Dosis Tageslicht fallen, der Philosophie des Bauhauses folgend.

Wir gehen weiter in die Friesenstraße, hier stehen die Versuchshäuser der zweiten Generation, deren Gestaltung – nach heftigen Protesten – schon etwas konventioneller ausfiel. Dem Zufall überlassen wurde aber auch hier nichts. Mailänder zeigt das Bild einer Farbpalette, hält es an eine taubenblaue Fassade. „Diese 14 Farbtöne, das ist die Helgoländer Palette. In diesen Farben sind alle Häuserfassaden auf der Insel gestaltet“, sagt Mailänder. Der Hamburger Künstler Johannes Ufer hatte das Farbspektrum entwickelt: eher zarte Töne für das Oberland und kräftige Töne für das Unterland. Ein Resultat sind die bunten „Hummerbuden“ im Hafen, heute Wahrzeichen der Insel.

Wir fahren mit dem Fahrstuhl – auch er steht unter Denkmalschutz – ins Oberland und nehmen den Spazierweg, der zum Lummenfelsen führt. Halt machen wir aber am Leuchtturm, dem „ältesten Gebäude der Insel“, wie Mailänder sagt. Denn in Wahrheit sei es ein Flakbunker aus dem Zweiten Weltkrieg, der den „Big Bang“ überstand und später umfunktioniert wurde.

Ein Haus, das den Mythos der Aufbaujahre gezielt nutzt, ist das Hotel Helgoländer Klassik. Hier sind auch die Innenräume ganz im Stil der 50er und 60er gestaltet, im Erdgeschoss gibt es etwa eine „Sixties Lounge“, mit Nierentischen und Tütenlampen. „Die Möbel haben wir zum Teil extra anfertigen lassen“, sagt Besitzer Detlev Rickmers. Im Speisesaal hängen Kinoplakate der 50er-Jahre, in den stilecht gestalteten Zimmern stehen „Kaffeezubereiter“, wie zu Zeiten des Wirtschaftswunders.

Die Aura der Nachkriegsjahre können Übernachtungsgäste auch anderswo spüren – zum Beispiel in der Jugendherberge. Sie entstand in den späten 50er-Jahren, Teile der Inneneinrichtung – wie eine ganze Wand mit hölzernen Spindschränken – stehen unter Denkmalschutz. Und dann ist da natürlich noch die Düne, jene vorgelagerte Mini-Insel mit zwei Stränden, zu der Badegäste mit einem kleinen Boot übersetzen. Hier begann nach dem Krieg der Tourismus mit Zelten, schicke Restaurants sucht man auch heute vergebens.

Aber es gibt noch den Campingplatz und hölzerne, mehrere Jahrzehnte alte Bungalows, die sich hinter die Dünen kauern. Seit 2006 ist zudem ein neues „Bungalowdorf“ auf der Düne entstanden, dessen bunte Holzhäuser den heutigen Standards in puncto Größe und Ausstattung entsprechen. Entschleunigung, Urlaub, wie er vielleicht früher einmal war – wer das sucht, findet es hier.