Magazin

Vorfreude ist die spürbar schönste Freude

Zählen Sie schon die Tage bis zum Sommerurlaub? Wenn nicht, sollten Sie vielleicht damit anfangen – denn Vorfreude ist sprichwörtlich die schönste Freude und macht nachweislich glücklich.

Wenn wir in unserem Kopfkino auf die imaginäre Vorspultaste drücken, uns gedanklich in die Zukunft katapultieren und an einem Sandstrand faulenzen, arbeitet zeitgleich unser Gehirn auf Hochtouren. Dann werden vom limbischen System verschiedene „Glückssignale“ an andere Bereiche des Hirns und des ganzen Körpers weitergeleitet. Dass jene Reize an ihr Ziel kommen, verdanken wir den Neurotransmittern, allen voran dem Dopamin – auch als „Glücksbotenstoff“ bekannt. Doch wie hängt das genau mit der Vorfreude zusammen?

„In dem Moment, in dem uns ein Reiz eine Art Belohnung in Aussicht stellt, steigt die Aktivität von Dopamin im mesolimbischen System – jenem Bereich des Hirns, in dem unsere Glücksgefühle entstehen“, sagt Neurowissenschaftler Michael Deppe. Dieses Hochgefühl kennen wir als Vorfreude, und es mache tatsächlich sogar ein wenig high. Dennoch – oder gerade deshalb – hat unser Belohnungssystem eine wichtige Funktion: „Auch schon in der Steinzeit sorgte diese Freude, noch ehe man etwas erreicht hat, dafür, dass Menschen den nötigen Antrieb hatten, um Wild zu jagen oder Beeren zu pflücken.“ Am anschließenden Genuss kann es nicht gelegen haben: „Wenn die Belohnung, der Anlass der Vorfreude, eintritt, steigt das Dopamin tatsächlich kaum noch an.“

Ein berauschendes Gefühl, das gegen Depressionen wirkt

Dass Vorfreude die schönste Freude ist, belegen auch viele Experimente. Wegweisend war die Befragung des amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers und Psychologen George Loewen­stein 1987. Die 30 Befragten sollten sich entscheiden, wie viel Geld sie zahlen würden, wenn sie gewisse hypothetische Ereignisse entweder sofort oder erst in der Zukunft erleben könnten. Die Mehrheit der Befragten wollte etwa einen Elektroschock so schnell wie möglich hinter sich bringen. Zugleich waren die meisten bereit, das Doppelte für einen Kuss des Lieblingsstars hinzublättern, wenn er nicht unmittelbar, sondern erst in drei Tagen stattfindet. So könnte man sich den Kuss in allen Einzelheiten ausmalen.

An diesem Prinzip hat sich über die Jahre nichts geändert: Forscher aus Stanford erweiterten und wiederholten die Studie 2012. Das Ergebnis blieb dasselbe: Je schöner das in Aussicht stehende Erlebnis, desto eher sei man bereit, eine gewisse Zeit darauf zu warten – und es vorab in vollen Zügen auszukosten. Vielleicht sehnen wir uns oft mehr nach dem berauschenden Gefühl der Vorfreude als nach einer Sache an sich.

Es ist erwiesen, dass die Endorphine und Hormone, die der Körper im Moment der Vorfreude produziert, gegen Depressionen wirken und unser Immunsystem stärken. Umso wichtiger, dass wir uns auch in schwierigeren Zeiten bewusst auf das Schöne, das kommt, besinnen.

Der emeritierte Psychologieprofessor Jörg Fengler empfiehlt in seinem Ratgeber „Das kleine Buch gegen Burnout“, den positiven Effekt der Vorfreude gezielt zu nutzen: Dazu setzt man eine Liste mit zehn Ereignissen auf, etwa Feiern oder Begegnungen, auf die man sich in den nächsten zwölf Monaten freut. An diese Ereignisse, so rät der Experte, soll man sich erinnern, „wenn die Gegenwart einmal recht düster aussieht“. Und wer länger darüber nachdenkt, wird bestimmt ein Detail finden, worauf er sich auch schon morgen freuen kann.

Auch Tiere empfinden ähnliche Vorab-Glücksgefühle wie der Mensch

Braut und Bräutigam kennen sie, werdende Eltern sowieso, und auch Schülern kurz vor dem Abschluss ist sie vertraut: Vorfreude ist bei vielen Menschen vor großen Meilensteinen des Lebens besonders ausgeprägt. Auch eine künftige Reise, ein wichtiges Fußballspiel oder der Start eines Films können dieses Gefühl auslösen. Bei einigen hartgesottenen Filmfans geht das so weit, dass sie tatsächlich bereits Tage vor einem eigentlichen Filmstart ihre Zelte vor Kinos aufschlagen.

Jeder, der schon einen Hund mit einer Leine und aufgeregt wedelnder Rute gesehen hat, meint es zu wissen – doch ist es eigentlich wissenschaftlich erwiesen, dass Tiere Vorfreude empfinden? Gemeinhin bekannt ist die Verhaltensweise des „pawlowschen Hundes“: dass Tiere körperlich reagieren, sobald ihr Hirn einen Reiz mit einer Belohnung verbindet. Aber freuen sich Bello und Co. auch, wenn sie diesen verheißungsvollen Reiz wahrnehmen? Eine Studie der Universität Michigan ergab zumindest, dass bei konditionierten Ratten in einer vielversprechenden Situation dieselben Regionen im Gehirn aktiviert werden wie später, wenn sie tatsächlich die in Aussicht gestellte Belohnung erhalten.

Ähnliche Tests wurden auch bei anderen Tierarten durchgeführt und zeigen: Auch Vierbeiner empfinden ähnliche Vorab-Glücksgefühle wie der Mensch.

© Bergedorfer Zeitung 2018 – Alle Rechte vorbehalten.