Lütau

Hier gibt es den Führerschein für die Pferdekutsche

Während des Fahrschulunterrichts erklärt Ann-Marie Dieckmann, wie die Leine in den Händen gehalten werden muss, um die beiden Ponys zu lenken.

Während des Fahrschulunterrichts erklärt Ann-Marie Dieckmann, wie die Leine in den Händen gehalten werden muss, um die beiden Ponys zu lenken.

Foto: Violetta Sauer

Die „Kleine Fuhrhalterei“ in Lütau bietet Unterricht in Praxis- und Theorieunterricht auch für Kinder. Ein Schnupperkurs vor Ort.

Lütau. Während die meisten Menschen als Fortbewegungsmittel auf das Auto, die Bahn, den Bus oder das Fahrrad setzen, nutzt Ann-Marie Dieckmann (32) gern ihren Lipsmeier-Marathonwagen. Davor spannt sie zwei Ponys. Doch auch anderen bringt sie seit drei Jahren in ihrer eigenen Fahrschule „Kleine Fuhrhalterei“ in Lütau das Fahren mit einer Pferdekutsche bei.

Die Kulturanthropologin steht bereits auf der Hofeinfahrt (Katthof 14) und winkt herüber. Ihr Outfit: Knöchelhohe Schuhe, Ockerfarbene Hose, weiße Bluse, braune Weste, braune Lederhandschuhe und eine karierte Schirmmütze. „Das trage ich auch immer bei der Fahrprüfung“, sagt sie und lacht. „Und ein Messer an der Hüfte“, ergänzt sie. Das sei Pflicht, falls man in Notfällen Geschirrteile durchtrennen müsste.

Auf dem Gelände hinter dem Hof gibt es mehrere Ställe, Freilaufflächen und Wiesen für die drei Pferde und drei Ponys. Zur Begrüßung gibt es ein lautes Wiehern. Dann erzählt Dieckmann, dass sie verschiedene Abzeichenkurse der Vereinigung der Freizeitreiter und -fahrer in Deutschland (VFD) anbietet. Zum Beispiel den Kursus für den Fahrpass I und II sowie für Wanderfahrten. Auch Kinder und Jugendliche bis 15 Jahren können einen Sachkundenachweis erwerben. „Allerdings dürfen die dann nur in Begleitung fahren. Wie beim Autoführerschein mit 17“, sagt Dieckmann und baut zwei kleine Holzpferde samt Leinen auf.

40 Übungsstunden sind für den Fahrerpass I Pflicht

Die Schulungen werden sowohl in Lütau, als auch bei den angehenden Fahrern vor Ort angeboten. Es hänge davon ab, ob die Schüler bereits ein eigenes Trainingspferd oder -pony und eine Kutsche hätten oder nicht. Für die Ausbildung zum Fahrerpass I sind 40 Übungsstunden vorgeschrieben. „Wir mischen dann in einer Einheit immer Theorie und Praxis“, sagt die Lütauerin.

Dann geht es an die Holzpferde – oder im Fachjargon zu den patentierten Fahrlehrgeräten zur Grifftechnik Benno von Achenbachs. Dieckmann zeigt verschiedene Handgriffe, die beim Führen der Tiere an der Kutsche zum Einsatz kommen. Sie sagt: „Am Modell üben wir die korrekte Grifftechnik und das sichere Zusammenspiel der Hilfen, von Stimme, Leine, Peitsche und Bremse.“ Es sei sehr wichtig, dass nicht unnötig an der Leine herumgezogen werde: „Wir müssen den Tieren respektvoll begegnen.“

Da die heutige Einführung nur ein kleiner Crashkursus ist, geht es nach den Trockenübungen direkt an die echten Ponys. Das Shetland-Pony-Wallach Clyde und der Welsh-A-Wallach Olly warten schon und wollen gestriegelt werden. Denn bevor das Brustblattgeschirr angelegt werden kann, ist ein sauberes Fell wichtig. „Ansonsten können die Gurte später scheuern“, sagt die 32-Jährige, während nun die Hufe der beiden Ponys ausgekratzt werden.

Der Beifahrer übernimmt die Aufgabe des Blinkens

Nach dem Striegeln geht es weiter zum Marathonwagen, der gern für den Fahrunterricht in Lütau genutzt wird. Das Gewicht: rund 185 Kilogramm. Jetzt werden Olly und Clyde vor die Kutsche gespannt. In weniger als zehn Minuten hat die erfahrene Fahrlehrerin alles startklar. Ihre Schüler brauchen dafür natürlich sonst deutlich länger. „Alles Übungssache. Ich weiß auch noch, wie schwierig das am Anfang für mich war“, sagt Dieckmann und steigt auf die Kutsche. Es geht los, der Wagen setzt sich in Bewegung. Noch eine Anweisung: „Der Beifahrer übernimmt die Aufgabe des Blinkens.“ Immer, wenn nach links oder rechts abgebogen wird, muss ich also die Kelle heraushalten.

Wir fahren die Dorfstraße in Lütau entlang, dann in ein kleines Neubaugebiet hindurch bis in die Feldmark. Herrlich, denke ich, und genieße die Ausfahrt. Und dann bin ich plötzlich an der Reihe: Ann-Marie Dieckmann und ich wechseln die Plätze und ich lenke die Kutsche.

Ich merke schnell, dass das nicht so einfach ist, wie es immer aussieht. Und als uns schließlich auf der Straße ein Auto entgegenkommt, wird mir mulmig. Doch ich bewege meine Hand leicht nach rechts und die beiden Ponys gehorchen. Ein ungewohntes Gefühl, doch es macht Lust auf mehr.

Rund um den Pferdekutschen-Führerschein:

Ein „Pferdekutschen-Führerschein“ (Fahrerpass I) kostet rund 500 Euro zuzüglich Prüfgebühr. Die Kosten für eine gebrauchte Pferdekutsche beginnen bei etwa 1500 Euro. isa​