Vortrag im Ausschuss

Immer mehr Notrufe – Rettungsdienst ist überlastet

Kai Steffens von der Kreisverwaltung berichtete in Lauenburg über den Rettungsdienst im Kreis.

Kai Steffens von der Kreisverwaltung berichtete in Lauenburg über den Rettungsdienst im Kreis.

Foto: Karin Lohmeier / BGZ/Karin Lohmeier

Lauenburg. Es gibt immer mehr Notrufe, die Zahl der Einsätze ist drastisch gestiegen. Der Kreis streitet für die Rettungswache in Lauenburg.

Lauenburg.  Vor einem Jahr war die Empörung in Lauenburg und Büchen groß: Gutachter Dr. Emil Betzler empfahl, die Rettungsnebenwachen in beiden Kommunen nicht weiter zu betreiben. Der Standort in Basedow reiche aus, um beide Orte und die Region in Notfällen zu versorgen, urteilte Betzler. Der Kreis Herzogtum Lauenburg sieht dies anders: Er will die Standorte erhalten – und streitet zurzeit mit den unwilligen Krankenkassen über die Finanzierung.

„Wir rechnen damit, dass die zuständige Schiedsstelle im Oktober entscheidet“, berichtete Kai Steffens von der Kreisverwaltung jetzt im Lauenburger Ausschuss für Wirtschaft Rettungswesen, Tourismus und Kultur.

Steffens überraschte die Ausschussmitglieder mit Zahlen über die Entwicklung des Rettungsdienstes. So haben sich die Zahlen der Herzinfarkte und Schlaganfälle in Schleswig-Holstein zwischen 2009 bis 2016 kaum verändert, auch bei den schweren Unfällen gab es keinen deutlichen Anstieg. Wohl aber bei den Rettungseinsätzen: 2010 waren es noch rund 9500, im Jahr, 2018 bereits 16.800. Auch die Zahl der Krankentransport ist gestiegen: von 13.000 auf 16.500. „Insgesamt sind das 31.000 Einsätze im Jahr, also fast 100 am Tag“, so Steffens.

Schlechtere Versorgung im ländlichen Bereich

Einen Grund für diesen Anstieg sieht er in der schlechteren medizinischen Versorgung, gerade im ländlichen Bereich: „Außerhalb der regulären Praxiszeiten sind im Kreisgebiet gerade mal zwei Ärzte der Kassenärztlichen Vereinigung unterwegs“, so Steffen. Das reiche bei weitem nicht – und die Notfallpraxis im Geesthachter Krankenhaus sei vielen Menschen nicht bekannt. Die Telefonnummer 11 61 17, unter der bei Notfällen Rat gesucht werden kann, halten übrigens viele für zwei Telefonnummern: Sie wählen 116 oder 117, bekommen keine Hilfe, und landen dann doch bei der Notfallnummer 112.

Doch auch eine gesellschaftliche Entwicklung sieht Steffens hinter dem Anstieg der Einsatzzahlen: „Heute ruft man schneller den Rettungswagen, um sich abzusichern.“ Immer mehr Menschen leben allein – sie bekommen bei Beschwerden Angst und haben niemanden, der sie versorgt oder zum Arzt fährt. In manchen Fälle hätten die Patienten auch die Hoffnung, schneller versorgt zu werden, wenn sie mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht werden. Doch auch dort werde nach genauen Kriterien über die Dringlichkeit entschieden.

Manchmal ist kein Rettungswagen verfügbar

„Wir erleben ein völlig verändertes Anspruchsverhalten der Gesellschaft“, so Steffens. Wenn Rettungssanitäter dann einer besorgten Mutter den Tipp gäben, Wadenwickel bei ihrem fiebernden Kind anzuwenden, würden sie manchmal sogar ausgelacht. „Und besteht der Bürger darauf, dass er ins Krankenhaus gebracht wird, müssen wir das durchführen.“

Ergebnis: Der Rettungsdienst wird der Situation laut Steffens kaum noch Herr. Weil manchmal kein Rettungswagen verfügbar ist, kann immer öfter die Hilfsfrist von 12 Minuten nicht eingehalten werden. 2010 bekamen noch über 90 Prozent der Notfallpatienten innerhalb dieser Frist Hilfe, 2017 waren es nur noch 86 Prozent. Und das obwohl die zur Verfügung stehenden Wochenstunden immer mehr ausgeweitet wurden: Von 1807 im Jahr 2013 auf 2102 im Jahr 2018. Dadurch haben sich die Kosten seit 2010 fast verdoppelt. Steffens: „Für 2018 sind wir jetzt bei 18 Millionen Euro“. Für 2019 rechne man mit 200 Mitarbeitern. Ein großes Problem ist dabei der Fachkräftemangel: „Es sind kaum Leute zu bekommen“, berichtete Steffens.

Christian Asboe, stellvertretender Leiter des Amtes für Stadtentwicklung, bestätigte, dass die Hemmschwelle für Notrufe deutlich gesunken sei. „Das bemerken wir auch bei der Feuerwehr, da wird manchmal schon bei Bagatellen angerufen.“ Bei körperlichen Beschwerden könne heute außerdem das Internet Angst bereiten: „Wenn man dort Symptome überprüft, ist man ganz schnell bei schlimmen Krankheiten.“

Einig waren sich die Ausschussmitglieder darüber, dass die Notfallpraxis und die Nummer 11 61 17 der Kassenärztlichen Vereinigung noch bekannter werden müssen. Und natürlich hofft man in Lauenburg auf eine positive Entscheidung zur hiesigen Rettungswache. „Wir haben dafür gute Argumente“, meinte Kai Steffens. Falls die Krankenkassen für Lauenburg und Büchen nicht zahlten, müsse nämlich die Wache in Basedow umgebaut werden.