Kriseninterventionsteam

Wer dringend Hilfe braucht, bleibt auf der Strecke

Das Kriseninterventionszentrum in Lauenburg muss schließen.

Das Kriseninterventionszentrum in Lauenburg muss schließen.

Foto: Elke Richel / BGZ / Elke Richel

Lauenburg. Menschen in psychischer Ausnahmesituation müssen künftig bis nach Geesthacht fahren. Kriseninterventionszentrum schließt.

Lauenburg.  Sie treffen sich im Café Klönschnack an der Hamburger Straße, weil ihnen zuhause die Decke auf den Kopf fallen würde: Menschen mit Lebensgeschichten, die irgendwann zu einer psychiatrischen Diagnose geführt haben. Das ist hier kein Makel, wenn jemand gerade mal wieder ganz unten ist, gibt es nicht selten den Tipp: „Geh’ doch rüber ins Kiz!“ Das Kiz liegt gleich um die Ecke in der Grünstraße und heißt offiziell Kriseninterventionszentrum.

Hier werden seit etwa zehn Jahren Menschen in psychischer Ausnahmesituation betreut – 300 Patienten pro Quartal. Die Lauenburger Einrichtung gehört zur psychiatrischen Abteilung des Johanniterkrankenhauses in Geesthacht und soll jetzt geschlossen werden.

Kiz als Rettungsanker

Die Nachricht hat sich rumgesprochen. Am Tisch im Klönschnack wird heftig diskutiert. Sie alle haben bereits ihre Unterschrift auf die Liste gesetzt, die Christian Elster ausgelegt hat – über 170 Namen stehen darauf. Der Diplom-Psychologe hatte selbst zwei Jahre im Kiz gearbeitet. Er hat außerdem einen offenen Brief an Behörden, soziale Dienste, Ärzte und Medien geschrieben, um gegen die Schließung zu protestieren. „Zu mir sind Menschen gekommen, die sich am nächsten Baum aufhängen wollten. In solchen psychischer Ausnahmesituationen setzt sich niemand in den Bus, um ins Krankenhaus nach Geesthacht zu fahren“, weiß er auch aus eigener Erfahrung.

Im Klönschnack nennen sich alle beim Vornamen. Man merkt Thorsten an, wie ihn die Nachricht von der bevorstehenden Schließung der Einrichtung aufwühlt. „Das Kiz ist mein Rettungsanker gewesen, sonst hätte ich damals Schluss gemacht“, sagt der 55-Jährige. Damals – das war die Zeit, kurz nachdem sein dreijähriger Sohn überfahren wurde. „Ich konnte keine fremden Menschen ertragen, habe nur im Dunkeln gelebt. Erst im Kiz fing ich an zu reden. Von da an ging es langsam wieder aufwärts“, erzählt er. Eines weiß er genau: „Nie hätte ich mich in dieser Zeit mit anderen Menschen in einen Bus gesetzt.“

Elisabeth musste nach Jahren häuslicher Gewalt, ebenfalls den Tod ihres Kindes verkraften. Drei Monate war die 54-Jährige danach in der Psychiatrie, später in einer Tagesklinik. Nach regelmäßigen Gesprächen im Kiz fand sie schließlich Beschäftigung beim Verein Arbeit nach Maß. „Mittlerweile brauche ich keine Medikamente mehr“, sagt sie und ist überzeugt: Auch für sie war das Lauenburger Kiz der Rettungsanker.

Bewilligte Stellen können nicht besetzt werden

Im Lauenburger Kiz arbeiten derzeit eine Ärztin und in Teilzeit zwei Sozialarbeiter und zwei Pflegekräfte. Niemand von ihnen möchte sich öffentlich zur Schließung äußern.

Christine Hilper ist Chefärztin der psychiatrischen Abteilung am Johanniter-Krankenhaus. Sie teilt die Sorgen: „Wir müssten das Angebot eigentlich noch erweitern.“ Problem: Um das Kiz weiter betreiben zu dürfen, müsste in Lauenburg eine Tagesklinik geschaffen werden. So sehe es der Krankenhausbedarfsplan vor.

„Die Stellen sind genehmigt. Es gibt aber kein Fachpersonal“, bedauert sie und betont: „Wir haben das Kiz nur vorübergehend stillgelegt. Die bisherigen Mitarbeiter betreuen die Lauenburger Patienten weiter, allerdings von Geesthacht aus“ Ob sich die personelle Situation in absehbarer Zeit ändert, wisse sie allerdings nicht.