Lauenburg.

Mit Musik zurück ins Leben

Neuanfang Franco Tex Kokerbeck schmiedet wieder Pläne

Lauenburg.  Die karierten Hemdsärmel hoch aufgekrempelt, den Lederhut in den Nacken geschoben – sobald Franco Tex Kokerbeck die Saiten seiner Gitarre anschlägt, wirkt er gelöst, sein Lächeln offen. Das war nicht immer so. „Es gab Zeiten in meinem Leben, da bin ich monatelang keinen Schritt aus dem Haus gegangen. Vor anderen Menschen zu singen, wäre für mich undenkbar gewesen“, erzählt er. Seit Mai wohnt er in einer Lauenburger Wohngruppe des Vereins Anker, der sich um psychisch kranke Menschen kümmert. Seitdem hat er wieder Pläne. Irgendwann wieder eine eigene Wohnung zu beziehen, ist einer davon.

„Lass’ mal das Sie weg, redet sich besser“, bittet er. Die Offenheit, mit der der 50-Jährige über sein bisheriges Leben spricht, berührt und macht gleichermaßen betroffen. Da war der Lehrer, der nicht nur das Vertrauen des kleinen Franco missbrauchte. „Ich konnte jahrzehntelang keinem Mann zur Begrüßung die Hand geben.“ Immer, wenn die Erinnerungen wieder hochkamen, erzählt Franco, dann habe er sich selbst geschnitten, bis die körperlichen Schmerzen die seelischen für kurze Zeit verdrängten. „Autoaggression“ haben die Ärzte später diagnostiziert.

Aber da war eben auch die Musik. Schon als Franco Kind war, konnte er sich nicht vorstellen, irgendwann mal etwas anderes zu tun, als auf der Bühne zu stehen. Sechs Instrumente spielt er mittlerweile, eine Musikschule hat er nie besucht. „Mein Opa war Klavierlehrer. Vielleicht ist da ein bisschen Talent auf mich abgefärbt“, sagt er bescheiden. Und so tingelte er von Festival zu Festival, wartete auf den musikalischen Durchbruch – irgendwann. Doch immer wieder kamen die quälenden Erinnerungen seiner Kindheit hoch, und der Zwang, diese mit Schmerzen zu betäuben.

Und auf einmal war da diese Frau. „Mein Engel, auch wenn es kitschig klingt“, sagt Franco. Sie war es von da an, die seine Lieder als erste hörte, in denen er sich seine Erinnerungen von der Seele schrieb. Sie war auch bei ihm, als sich seine Familie zeitweise abwendete. „Es war nicht leicht mit mir, aber sie blieb an meiner Seite“, erzählt er. Das gemeinsame Ziel: Eine CD, auf deren Cover „Franco Tex Kokerbeck“ steht. „Sie hat mich vor mir selbst gerettet“, ist er sich sicher. Im Juni 1996 dann Hochzeit, Jahre später die Diagnose: Brustkrebs, unheilbar gestreut. „Wir wussten beide, dass wir nicht mehr viel Zeit haben werden und unsere Träume begraben müssen“, sagt Franco. Als seine Frau starb, kam der Zwang zurück, sich mit Schmerzen zu betäuben – bis schließlich der große Zusammenbruch kam.

Mit dem Verein Anker kam Franco erstmals auf einem alten Resthof in Lütau in Berührung. Dort werden Menschen in einer akuten psychischen Ausnahmesituation betreut. Inzwischen lebt er eigenständig in der Lauenburger Wohngruppe an der Elbstraße – sein Rettungsanker, wie er selbst sagt. Mit Hilfe des Vereins hat er seine erste CD „Ich muss wieder auf die Bühne“ produziert, eine zweite bringt er im nächsten Monat heraus.

Franco Tex Kokerbeck hat wieder viel vor. „Du kannst eine Hand annehmen, aber helfen musst du dir selbst“, ist er überzeugt.