Berlin/Köln.

Schlag gegen die Mafia

Razzia  Hunderte Polizisten durchsuchen Wohnungen und nehmen Beschuldigte fest

Berlin/Köln..  Sie tragen einen süßen Namen. Falabella. Argentinische Ponys, gerade 70 bis 90 Zentimeter groß. Sie gelten als intelligente Tiere, menschenfreundlich zudem. Viele sagen, es seien die kleinsten Pferde der Welt, winziger als Shetlandponys.

Doch klein ist die Sache nicht, als Kripobeamte in Köln ihrer Ermittlergruppe einen Namen geben: Falabella.

Pferde stehen am Anfang eines jahrelangen Verfahrens – mit dabei Polizisten und Staatsanwälte aus Deutschland, Italien, Belgien und den Niederlanden. Erst ermitteln die Beamten verdeckt, hören Telefonate ab, observieren. Am Mittwoch dann, noch bevor die Sonne aufgeht, starten Polizisten ihre große Razzia, nehmen Beschuldigte fest, durchsuchen 65 Wohnungen, Büros und Restaurants, auch eine Pizzeria in Pulheim bei Köln, einen Eisladen in Viersen, ein Café in Duisburg.

Im Visier: die ’Ndrangheta. Manche sprechen davon, dass es in Europa noch nie einen so gewaltigen Schlag der Sicherheitsbehörden gegen eine Mafia-Organisation gegeben habe. Nicht nur in Nordrhein-Westfalen, Berlin, Thüringen und Bayern schlagen die Fahnder zu, sondern auch in den anderen EU-Staaten. Zeitgleich, damit die mutmaßlichen Täter sich nicht warnen können. 440 Beamte sind allein in Deutschland im Einsatz, darunter die Anti-Terror-Einheit GSG9. Als die Spezialkräfte abfahren, lagern in den Wagen der Polizei 4000 Kilogramm Kokain und Hunderte Kilo anderer Drogen wie Ecstasy-Pillen. Europaweit nehmen die Fahnder 84 Personen fest, darunter ranghohe Mitglieder der ’Ndrangheta. In Deutschland werden 14 Verdächtige in Gewahrsam genommen, 47 Menschen sind beschuldigt.

Nicht alle Beschuldigten sind Mitglieder der Mafia, doch alle sollen in das kriminelle Netzwerk der ’Ndragheta eingebunden gewesen sein. Für Experten wie Sandro Mattioli ist die Gruppe derzeit die mächtigste italienische Mafia, die sogar als „Dienstleister“ für andere Organisationen wie die Cosa Nostra fungiere, etwa als Kokain-Lieferant. Mattioli ist Vorsitzender des Vereins „Mafia? Nein, danke!“. Für die US-Polizeibehörde FBI ist die ’Ndrangheta eine der größten kriminellen Vereinigungen weltweit, beheimatet im Süden Italiens. Sie dominiert den globalen Drogenhandel mit, verdient ihr Geld aber auch mit Waffenhandel und Geldwäsche. Experten schätzen, dass die ’Ndrangheta jährlich einen Umsatz zwischen 50 und 100 Milliarden Euro macht. Sie soll weitweit 6000 Mitglieder haben.

Doch Ende 2015 machen Kriminelle aus dem Netz der Mafia einen Fehler. Ihre Tarnung fliegt auf. Im Hafen von Harwich stoppen Fahnder einen Transporter, im Laderaum stehen zwei Pferde – und in einem Versteck liegen 80 Kilogramm Kokain. Die Spur führt über den niederländischen Hafen in Rotterdam bis in die Provinz am Rande von Köln, zu einer Pizzeria.

Mafiosi leben unauffällig

Im Visier der Fahnder sind Deutsche und Italiener, zwischen 33 und 68 Jahre alt. Hauptbeschuldigter ist der Gastwirt der Pizzeria, 45 Jahre alt. Er wohnt 100 Meter entfernt von dem Restaurant, Spezialkräfte reißen ihn am Morgen aus dem Schlaf, legen dem Mann Handschellen an.

Die Beschuldigten sollen im Auftrag der ’Ndrangheta gehandelt haben und von November 2015 bis März 2016 in mindestens 23 Fällen Kokain von Deutschland über die Niederlande bis nach England geschmuggelt haben, jeweils 80 Kilogramm. Jeweils in einem Pferdetransporter. Die Kölner Polizisten geben deshalb ihrer Ermittlergruppe den Namen Falabella – der Beginn internationaler Ermittlungen.

Am Mittwoch nehmen Beamte einen 55-jährigen Kaufmann aus Sizilien im nordrhein-westfälischen Solingen fest. Der Mann habe, berichtet LKA-Ermittlungsleiter Oliver Huth unserer Redaktion, für die ’Ndrangheta eine Import-Export-Firma in Düsseldorf gegründet, die sich darauf spezialisiert, über niederländische Häfen, Holzkohle aus Guinea zu importieren. Alles ganz legal – doch die Gruppe tränkt die saugfähige Kohle mit verflüssigtem Kokain. Ist die Ware am Ziel, trennen die mutmaßlichen Täter Kohle und Kokain mithilfe von Chemikalien wieder.

Das Mafia-Verfahren wächst über die Jahre an – und Ermittler setzen die Taten der Mafia zusammen wie ein Puzzlestück, erkennen ein Netzwerk. Thomas Jungbluth vom LKA in NRW sagt: „Die Beteiligten fliegen lieber unter dem Radar der Öffentlichkeit.“ Keine Limousinen, keine Bargeldbündel in der Hosentasche – Mafiosi agieren anders als etwa viele Straßenkriminelle, die zu arabischen Clans gehören. Ermittler sprechen von einer „Kriminalität mit weißem Kragen“.

Wer jedoch glaube, die Mafia sei damit geschlagen, irre. Das sagt Giovanni Bombardieri, ein erfahrener Anti-Mafia-Staatsanwalt aus Kalabrien. „Dafür müssten wir Tausende Mafiosi festnehmen.“

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