Sonder

„Wahrung des Wasserstands“

Stadtschreiber-Wettbewerb Mit dieser Kurzgeschichte ist Tilman Strasser „Hamburger Gast 2018“ geworden

Das Leben besteht manchmal aus ziemlich absurden Situationen. Etwa, wenn sich ein erfahrener Professor für eine junge Studentin begeistert. Wer das trotz #metoo-Debatte mit ironischer Distanz beobachtet, kann aus Alltäglichem eine wunderbare Kurzgeschichte machen. Tilman Strasser ist das gelungen: Die Jury hat ihm für „Wahrung des Wasserstands“ einstimmig zum „Hamburger Gast“ gekürt.

***

Dass Staub einen unendlich schwachen Eigengeruch haben muss, dass Blut aus kleinen Schnittwunden pulst, als würde es schmollen, dass ich noch Oliven, Rettich, Gurke zuhause habe, aber keine Milch, dass Jacketts im Grunde genommen lächerliche Kleidungsstücke sind und dass sie in Taiwan Stripperinnen auf Beerdigungen haben (wirklich, Stripperinnen!) – all das denke ich, bis Bernhard plötzlich diese Pause eintreten lässt, diese schreckliche Pause in unserem doch so wunderbar belanglosen Gespräch, währenddessen ich all das denken konnte, und dann denke ich nur noch:

Denken macht schön.

II

Den Satz habe ich ewig nicht mehr gedacht, schließlich ist es noch ewiger her, dass ich ihn zum ersten Mal dachte, damals mit kindlicher Entschlossenheit, angesichts einiger meiner Klassenkameradinnen, besonders einer, die sich der überwältigenden Anmut ihrer Erscheinung nicht einmal bewusst zu sein schien (und ich hörte meine Großmutter aus dem Grab raunen: Das Leben ist an die Lebenden verschwendet und die Schönheit an die Schönen), und ich weiß noch, wie mir die Ungerechtigkeit heiß in die Kehle schoss, weil Schönheit doch zweifellos die wuchtigste Eigenschaft überhaupt war und ist, und zugleich unmöglich zu kriegen mit Fleiß, Geduld, all diesen Dingen, weshalb ich beschloss, schlicht beschloss, dass ehrliches und intensives Nachdenken langfristig die Zähne bleiche, den Körper straffe, die Augen zum Funkeln bringe, vor allem aber jene unbezwingbare Mischung aus Aura und Teint, Geruch und Stimme, Unbekümmertheit und Eleganz und Sommersprossen verleihe, die wahre Schönheit auszeichnet (wie ich auch beschloss, schlicht beschloss, dass in Wirklichkeit jeder Mensch im Leben gleich viel Glück und Leid abbekäme, ungeachtet aller Katastrophen – eine Idee, die mir heute obszön erscheint, doch ohne die ich das Dasein damals kaum ertragen hätte: Ich war diese Art Kind).

III

Denken macht schön jedenfalls: Der Satz muss mir irgendwann ins Unterbewusstsein gerutscht sein, denn ich habe, wenn ich so darüber nachdenke, immer danach gehandelt, und zugleich stand er mir lange nicht mehr so quer im Kopf herum wie jetzt, jetzt, wo sich Bernhards Kopf meinem Kopf nähert, wie das ja immer passiert nach der schrecklichen Pause, weil die schreckliche Pause den schrecklichen Tanz einleitet, und weil im schrecklichen Tanz der Mann führen muss, abwarten muss,

bis es knistert

oder möglicherweise knistert

oder verdammt-noch-mal-dann-eben-nicht knistert,

und dann muss er sich nähern, muss die alltägliche Distanz der Geschlechter überwinden mit einem, vielleicht zwei beherzten Schritten, muss abbremsen und etwas in seinen Blick legen, dass er für glühend oder verrucht oder leidenschaftlich hält, und dann das eigene Gesicht dem anderen Gesicht entgegen schieben, vorzugsweise bis zur Berührung der Münder (dabei hat man auch schon allerhand Unfälle erlebt), und meiner leidvollen Erfahrung nach braucht er im Schnitt genau drei Sekunden dafür, obwohl!

IV

Obwohl ich in diesem Fall die Rechnung ohne Bernhard gemacht habe, den sandsteinspröden Bernhard in all seiner Bernhardhaftigkeit, der nun eine geschlagene Sekunde länger dafür braucht, was mir Gelegenheit gibt, eine geschlagene Sekunde länger dem Unvermeidlichen entgegenzusehen, dem Unvermeidlichen in Form seines sandsteinspröden Anblicks, jenes Anblicks, der nun nachdrücklich mein infantiles Postulat widerlegt –

kenne ich doch kaum jemanden, der so viel gedacht hat wie Bernhard, der immer noch so viel denkt, denkt und denkt und sich so verdacht, ausgedacht, durchgedacht hat, dass ihn das tägliche Auspressen von Theorien, das Drechseln von Thesen, das unendlich marternde Analysieren und Definieren zerfurcht, verbraucht, verhutzelt hat, und er also bei aller sprichwörtlichen Liebe wirklich das Gegenteil ist, von schön.

V

Aber das hilft nun auch nicht weiter, denn nun ist es zu spät, viel zu spät,

ihn aufzuhalten,

ihm die Wange zuzudrehen,

ihn zu fragen, was ihm eigentlich einfällt,

ihm, dem vielmals älteren Professor, sich seiner vielmals jüngeren Doktorandin zu nähern, an einer Universität zudem, an der schon der Umstand, dass wir uns duzen, alle auf Seriosität bedachten Brauen gehoben hat, zu fragen, wie er überdies die Dreistigkeit besitzen könne, seine Annäherung auch noch in ebendieser Universität zu vollziehen, an einem Freitagnachmittag, an dem die Studierenden längst fort sind, die Putzkräfte aber längst noch nicht da, und der Flur vor der Bibliothek entsprechend vor peinlicher Leere glänzt (es ließe sich höhnisch anfügen, ob alle anderen Klischees etwa schon ausverkauft gewesen seien), noch dazu auf diese Art, in diesen Zeiten, in denen wir landauf landab über sexuelle Belästigung entwürdigender Natur in hierarchisierten Kontexten diskutieren (#ich auch!),

endgültig zu spät,

ihn einen Tölpel zu nennen, einen Schuft, ein Riesenarschloch, meinetwegen Fantasten,

Heuchler, Tunichtgut, auch Natter oder Wurm oder einen anderen Wirbellosen seiner Wahl (ausgenommen Maikäfer),

unleugbar zu spät,

zu erklären, dass mein Herz (dieses treulose Organ!) diesen unüberhörbaren Krawall nicht etwa aus Aufregung, gar Vorfreude veranstaltet, sondern aus Ungläubigkeit, gar Überforderung ob seiner Verzweiflung, gar Anmaßung, gar Chuzpe, wahrscheinlich sogar zu spät, die aus dem Muff von tausend Jahren hervorstoßende Zunge zu verhindern, die dort wie ein gelehrt vertrocknetes Reptil auf eine alle Äonen wiederkehrende Gelegenheit zum Speichelaustausch wartet, zu spät,

denn nun,

nun

nun

nun

ist die Berührung meiner Doktorandinnenlippen mit seinen Professorenlippen nur noch

Milli

milli

millimeter entfernt,

und er riecht zweifellos nach Staub,

und er trägt ein selbst unter den Jacketts besonders lächerliches Exemplar,

und das einzige, wofür es jetzt noch nicht zu spät ist, ist, ihn heftig am haarlosen Kinn zu packen,

und also packe ich ihn am Kinn.

VI

Und wo ich ihn schon am Kinn gepackt habe, kann ich ihn auch zurückstoßen, und stoße ihn denn auch zurück, was mir erstaunlich leicht fällt – zum Einen, weil Bernhard ein Mann des Geistes ist und aller Muskelkraft gegenüber skeptisch bis panisch eingestellt (einst erzählte er mir sogar, er habe einer Faserverletzung im rechten Bein, zugezogen wahrscheinlich auf dem unvermeidlichen Osterspaziergang, kraft Logik und Ratio statt mit Krankengymnastik beizukommen versucht), und zum Anderen, weil alles leicht ist, wenn man erstmal die Grundsätze verstanden hat, und verstanden habe ich auf einmal etwas vom Zurückstoßen wie vom Schönwerden, weil doch alles Denken stets auf Erkenntnis zielt, damit letztlich auf Wahrheit, und deshalb die Wahrheit im Gegensatz zur Schönheit steht, und deshalb sage ich:

VII

Bernhard

VIII

Bernhard, Bernhard

IX

Ich wünschte

X

schon so lange, Bernhard

XI

Ich begehre dich

XII

Ich verzehre mich nach dir

XIII

Deshalb können wir niemals

XIV

Ich würde verglühen

XV

An dir verglühen würde ich

XVI

An einem Mann wie dir

XVII

Und BernhardBernhard schließt die Augen, BernhardBernhard zieht den Kopf ein, und sieht zerfurcht aus, verbraucht, verhutzelt, verwirrt, ein bisschen ungläubig und ein bisschen erleichtert auch, und ich blicke ihn fest an, bleibe ruhig, habe das Herz im Griff (dieses leichtgläubige Organ!), das ist meine Rolle in diesem gar-nicht-mehr-so-schrecklichen Tanz, das und warten.

XVIII

Warten, bis er endlich seufzt und nickt und eine kleine Wolke nutzlosen Wissens von ihm aufsteigt, und weil er dann auf dem Absatz kehrt macht, weil Freitag ist und die Studierenden längst weg sind und die Putzkräfte längst noch nicht da, bringen es seine Schritte fertig, fast epochal auf dem Linoleum zu hallen, während ich meine Reflexion in der Glastür zur Bibliothek sehe und finde, dass das von nun an meine einzige Reflexion sein wird, dass ich genug habe vom Auspressen der Theorien, vom Drechseln der Thesen, vom unendlich marternden Analysieren und Definieren und der enervierenden Kletterei in fremder Leute Gedankenkonstrukte (und dem Gehangel in kläglichen eigenen Strukturen), Schluss damit,

weil das Spiegelbild, das ich sehe, zweifellos gestrafft ist, schmaler sogar, mit nie bemerktem Schwung im Haar, sogar die Nase scheint plötzlich kühn, und jetzt lächelt es sogar, und vielleicht macht die Lüge, je dreister sie ist, desto schöner, und das mit den Sommersprossen kriege ich auch noch hin.

XIX

Und als Bernhard um die Ecke biegt, denke ich, dass sie in Taiwan Stripperinnen auf Beerdigungen haben, weil ein bisschen Unwahrheit noch der hässlichsten Wahrheit steht,

und dass ich noch Milch kaufen muss.

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