Bergedorf

Drei runde Tische – eine Lösung?

Stuhlrohrquartier Bis Ende Mai wird entweder eine Einigung erzielt – oder es droht ein Bürgerentscheid

Bergedorf.  Mit mehr als 1400 Unterstützern hat die Initiative gegen eine zu dichte Bebauung des Bergedorfer Stuhlrohrquartiers die für die erste Stufe geforderten knapp 1000 Unterschriften deutlich übertroffen. Bis Ende Mai müssen die Initiatoren knapp 2900 Unterschriften vorlegen, können damit dann eine politische Befassung in der Bezirksversammlung erzwingen. Kommt es zu keiner Einigung zwischen Initiative und Bergedorfer Politik, könnte ein Bürgerentscheid folgen. Im Gespräch mit bz-Lokalchef André Herbst setzt Bezirksamtsleiter Arne Dornquast darauf, dass es soweit nicht kommt.

Herr Dornquast, wie schätzen Sie die Chancen ein für einen Kompromiss, den alle Beteiligten tragen können? Reicht der Spielraum der Buwog, angesichts der hohen Grundstückskosten die ins Auge gefassten 1100 Wohnungen deutlich zu unterschreiten?

Die Tatsache, dass das Unternehmen sich mit an den runden Tisch gesetzt hat, stimmt mich optimistisch. Es ist klar, dass man aus solchen Gesprächen anders hinauskommt, als man hineingeht.

Halten sie einen Kompromiss für denkbar, für den sich in Bergedorf dann eine politische Mehrheit findet, die den Bebauungsplan beschließt?

Es liegt derzeit nichts auf dem Tisch, das einer roten Linie gleichkäme, die auf keinen Fall überschritten werden darf. Das erste Treffen am runden Tisch hat dem Ziel gedient, zunächst die Positionen der jeweiligen Gegenseite wie die Grundzüge des Projektes zu verstehen. Dazu gehört die Schleusengraben-Achse. An ihr entwickeln sich mehrere Baugebiete, von Weidensteg und Schilfpark nahe der A25 über die Glasbläserhöfe bis zu Stuhlrohrquartier und Bergedorfer Tor. Eine zentrale Idee ist, dass die Baudichte und Gebäudehöhen Richtung Bergedorfer Innenstadt wachsen.

Ein 20-geschossiges Hochhaus würde aber sowohl das Bergedorfer Tor wie auch den CCB-Wohnturm deutlich überragen. Auch über die sogenannten Punkthäuser mit zehn bis zwölf Stockwerken gehen die Meinungen aus-
einander.

Ich persönlich halte 20 Geschosse für zu hoch, denke eher an CCB-Maßstäbe. Was die zentralen Punkthäuser in der Mitte oder die anderen Gebäude anbelangt, würde man die später kaum sehen. Von der Innenstadt oder der B 5 aus gesehen, würden sie weitgehend hinter dem Bergedorfer Tor verschwinden. Mit seinem neungeschossigen Turm ist es für Planer inzwischen Realität, alle Baugenehmigungen sind erteilt. In den Gesprächen ist deutlich geworden, dass viele Kritiker und Bürger so nicht denken.

Viele können sich nicht vorstellen, in einem mit maximaler Dichte bebauten Wohngebiet zu leben.

Das hängt vom jeweiligen Betrachter ab. Die drei Vertrauensleute der Initiative sind aus Nettelnburg. Wer dort im Einfamilienhaus mit eigenem Garten lebt, hat eine andere Wahrnehmung als ein Hochhausbewohner in Hamburg-Mitte.

Die Initiative fordert nicht nur eine Reduzierung der Geschosshöhen im Stuhlrohrquartier auf maximal fünf, sie will auch deutlich mehr Platz für Handel und Gewerbe.

Dies macht es nicht einfacher. Abgesehen davon, dass wir zunächst klären müssen, was die Initiative mit fünf Etagen meint, fünfgeschossig, vielleicht auch mit Staffelgeschoss? Oder doch fünf Etagen? Die Initiatoren verlangen zudem, dass Eindrittel der Fläche Gewerbe und Handel vorbehalten sein soll. Wir reden da von mindestens 25 000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche, wenn wir die derzeit gerechnete Bebauungsdichte zugrunde legen sogar das Doppelte. Schon die Überlegungen der Buwog, große Teile der Stuhlrohrhallen und Zweidrittel aller Erdgeschossflächen für Gewerbe und Einzelhandel vorzusehen, würden 10 000 Quadratmeter bedeuten. Zum Vergleich: Die Fläche, die das Bezirksamt über dem neuen CCB nutzt, misst etwa 8000 Quadratmeter. Wir können bisher nicht erkennen, wo sich entsprechende Nutzer für das Stuhlrohrquartier finden lassen. Es ist ein Termin mit dem Projektentwickler geplant.

Manche Kritiker sehen in mehr Geschäften und Handel aber die Lösung.

Das ist komplex. Einzelhandel, der die benachbarte Innenstadt stören würde, ist durch Bergedorfs Einzelhandelskonzept ausgeschlossen. Und großflächiger Einzelhandel zieht zusätzlichen Verkehr an. Den genau will die Buwog jedoch nicht.

Vielleicht passen Plan und Wirklichkeit einfach nicht zusammen? Ein weitgehend autofreies Wohnquartier mit Büros, Gewerbe und auch Nahversorgern?

Wer künftig im Stuhlrohrquartier wohnt, benötigt eher kein eigenes Auto, hat viele öffentlichen Verkehrsmittel und Einkaufsmöglichkeiten vor der Tür. Für die Kunden von Handel und Gewerbe lassen sich Lösungen denken, etwa das CCB-Parkhaus an der Stuhlrohrstraße. Probleme könnte der Lieferverkehr bereiten. Es mangelt uns in Bergedorf jedoch an Wohnungen, nicht an kleinteiligen Einzelhandelsflächen, die haben wir etwa im Sachsentor. Dennoch will dort niemand Hand anlegen. Wir wollen den Charakter Bergedorfs bewahren, dazu gehört aber auch Entwicklung. Es ist auch künftig kaum anzunehmen, dass Hamburger in Strömen zum Einkaufen ins Sachsentor kommen. Wir brauchen weiter Bevölkerungswachstum in Hamburgs bevölkerungsärmstem Bezirk. Daher verwundert es etwas, dass verschiedene Geschäfte als Anlaufstellen für die Unterschriftensammlung der Initiative fungieren.

Dass die Initiatoren die für den nächsten Schritt geforderten knapp 3000 Unterschriften zusammenbringen, scheint angesichts der aktuellen Entwicklungen um die Buwog und den diskutierten Verkauf des Unternehmens sehr wahrscheinlich. Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass es noch vor einem Bürgerentscheid zu einer Einigung kommt?

Von allen Seiten wird ein Verhandlungsergebnis angestrebt. Mit 2877 Unterschriften würde die Initiative förmliche Beratungen in politischen Gremien des Bezirks erzwingen. Dann gibt es drei Möglichkeiten: Die Bezirksversammlung formuliert einen Gegenentwurf zum Initiativen-Text, beide werden im Bürgerentscheid zur Abstimmung gestellt. Oder, das Gegenteil – die Bezirksversammlung übernimmt den Initiativen-Text. Schließlich könnte die Initiative ein Beratungsergebnis erzwingen, das ihren Erwartungen entspricht.

Dazu bedarf es aber doch der notwendigen Unterschriftenzahl, um notfalls einen Bürgerentscheid erzwingen zu können.

Uns wäre lieber gewesen, wie hätten zuerst gesprochen. Wir reden jetzt zunächst einmal am runden Tisch. Geplant sind drei Termine zu den Schwerpunkten Wohnen und Städteplanung, zu Gewerbe und Einzelhandel und Verkehr und Mobilität. Dieser Themenbereich ist der komplexeste, er wird nicht als erster auf die Tagesordnung kommen.

Von Mai an müsste geklärt werden, ob ein Bürgerentscheid über das Stuhlrohrquartier stattfindet. Die Zeit drängt also.

Wir wollen bis dahin alle Gutachten vorliegen haben und die runden Tische absolviert haben. Damit wir auf gesicherter Basis beraten können, ob wir zu einer gemeinsamen Lösung finden.