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Corona-Angst im Friseursalon – klare Ansagen gefordert

Abstand halten ist für Ricardo Spiegel (mit Sohn Luca) und seine Mitarbeiter Jessica Fantasia (v.l.), Angelina Kiss, Robin Schulz und Natalia Kirchkessler derzeit besonders wichtig.

Abstand halten ist für Ricardo Spiegel (mit Sohn Luca) und seine Mitarbeiter Jessica Fantasia (v.l.), Angelina Kiss, Robin Schulz und Natalia Kirchkessler derzeit besonders wichtig.

Foto: Ann-Kathrin Schweers / BGZ

Betreiber und Angestellte der Friseursalons sind in großer Sorge: um die Gesundheit und um finanzielle Unterstützung.

Glinde/Reinbek.  So leer wie derzeit ist der Parkplatz am Glinder Markt nur selten. Menschenmassen vermeiden klappt hier wunderbar, niemandem muss man zu nahe kommen. Nur ein paar Schritte entfernt liegt Ricardo Spiegels Friseursalon. Ein „aufstrebendes Unternehmen“, wie der Chef selbst erklärt, und in bester Lage. Eigentlich kein Ort, um Abstand zu halten, wozu die Regierung ihre Bürger derzeit auffordert.

Trotzdem schneiden die sieben Mitarbeiter von Ricardo Spiegel auch am Freitagvormittag neue Frisuren, trimmen Bärte und shampoonieren Haare. Fragt sich nur, für wie lange noch. Geschäftsführer, Mitarbeiter und auch die Kunden von Friseursalons sind aufgrund der Corona-Krise verunsichert. Betriebe fühlen sich allein gelassen und fordern klare Ansagen von der Regierung.

Wie hält man Abstand beim Haareschneiden?

Schleswig-Holsteins Regierung verkündete am Dienstag, Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe könnten ihrer Tätigkeit weiterhin nachgehen, sollten dabei jedoch die vom Robert-Koch-Institut empfohlenen Hygienemaßnahmen befolgen. Ein bis zwei Meter Abstand zu Kunden halten? Unmöglich, weiß Ricardo Spiegel.

Paradox findet die aktuelle Situation auch Jonas Wahdat, Geschäftsführer von IQ-Cut mit Filialen in Hamburg, Geesthacht und Glinde. Er erinnert an die Worte von Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher: „Bärte und Haare sind ein mikrobiologisches Eldorado“. Und obwohl die Betriebe Kunden auffordern, ihre Hände zu waschen, die Flächen und die Arbeitsutensilien großzügig und regelmäßig desinfizieren – der Körperkontakt bleibt, und eine Ansteckungsgefahr kann nicht ausgeschlossen werden.

Viele Kunden bleiben aus Angst fern

Aus Angst bleiben deshalb Kunden reihenweise fern. Oder halten es wie ein Mann, der Ricardo Spiegels Salon mit einem Mundschutz betrat. Kundin Gudrun, die anonym bleiben möchte, erklärt: „Man überlegt schon, ob der Friseurbesuch sein muss – gerade, wenn man chronisch krank ist.“ Sie komme trotzdem, aus Solidarität zu ihrem Stammfriseur. Ricardo Spiegels Mitarbeiter Robin Schulz verrät: „Auch ich bin verunsichert, versuche aber, meinen Chef zu unterstützten.“

Den Rückhalt seines Teams und der Kunden schätzt Ricardo Spiegel sehr. Denn schon jetzt sind immense Verluste absehbar. Spiegel, der auch einen Salon in Schwarzenbek betreibt, sieht sich ob seiner Rücklagen noch gut aufgestellt bis Ende April. „Doch in unserer Branche sind viele nicht so liquide, um mehrere Monate schließen zu können“, weiß er. Den Salon dicht machen? Weiter öffnen, trotz geringer Einnahmen? „Ich selbst bin hin- und hergerissen“, sagt Ricardo Spiegel.

Bei freiwilliger Schließung keine Hilfe vom Staat?

Daniela Werpup betreibt ihren Salon an der Sophienstraße in Reinbek seit 18 Jahren, davor leitete sie zehn Jahre lang einen Salon Am Holländerberg. In all den Jahren habe sie nie eine Krise so getroffen wie jetzt. „Ich bin schuldenfrei“, sagt sie. Und das soll so bleiben. Doch am Donnerstag empfingen sie und ihre sechs Mitarbeiter nur drei Kunden, aus Angst bleiben viele fern. „Am liebsten würde ich komplett schließen“, sagt die Unternehmerin. Doch ob sie dann finanzielle Hilfen vom Staat erhält?

Vor dieser Frage steht sie nicht allein. Vorerst hat Daniela Werpup für ihre Mitarbeiter Kurzarbeit bei der Arbeitsagentur beantragt. Ab kommender Woche dünnt sie die Besetzung aus. Die Öffnungszeiten beschränkt sie vorerst auf 9 bis 14 Uhr.

Inhaber fordern zwangsweise Schließung

Betreiber von Friseursalons in der Region richten ihren Blick nun auf die Regierung von Bund und Ländern. Jonas Wahdat und seine Kollegin in der Geschäftsführung von IQ-Cut wandten sich bereits in mehreren Schreiben an verschiedene Bundes- und Landesministerien mit der Bitte, eine Schließung von Friseurbetrieben zu verfügen. Oder zumindest, Voraussetzungen zu schaffen, dass Salons, die freiwillig schließen, trotzdem Kurzarbeitergeld beanspruchen können.

Anja Schomakers von der Handwerkskammer in Lübeck erklärt: „Wir setzen uns auf allen Ebenen für finanzielle Soforthilfe für in Not geratene kleine Unternehmen ein. Wir plädieren außerdem für Sicherstellung der Liquidität durch flexible Kredite, Darlehen und Bürgschaften.“