Milchbetrieb aufgegeben

Havighorster Landwirt: „Man kann auch ohne Kühe leben“

Die beiden acht Jahre alten Zwillinge Melina und Melissa und ihre Mama Yvonne Bohlens freuen sich, dass ihre braunweiße Lieblingskuh „Trudi“, die sehr bald Nachwuchs bekommen soll, bleiben darf

Die beiden acht Jahre alten Zwillinge Melina und Melissa und ihre Mama Yvonne Bohlens freuen sich, dass ihre braunweiße Lieblingskuh „Trudi“, die sehr bald Nachwuchs bekommen soll, bleiben darf

Foto: Florian Büh

Havighorster Landwirt Merten Bohlens gibt die Milchwirtschaft auf und konzentriert sich auch den ertragreicheren Ackerbau – ein harter Schnitt.

Oststeinbek. Seit 1894 steht das Bauernhaus an der Dorfstraße 59 – direkt an der Kurve in Havighorst. Auch Rinder gab es hier wohl schon immer, erklärt Merten Bohlens mit einer Spur Wehmut. „Opa hatte Kühe, dann hat mein Vater den Hof übernommen. Aber seins war das nicht so, mit dem Kalben.“ Nachvollziehbar.

So entschied er sich dafür, nur noch Bullen als Mastvieh zu halten. Inzwischen ist er Rentner. Die Milchwirtschaft auf dem Hof schlief Ende der 1970er-Jahre ein. Als 1984 die Milchquote von der damaligen Europäischen Gemeinschaft eingeführt wurde, stiegen die Bohlens wieder ein. Vor gut 20 Jahren wurde der Stall modernisiert.

„Milchviehwirtschaft bedeutet viel Arbeit“

2008 übernahm Merten Bohlens alles. Der Bestand an Schwarzbunten wuchs auf bis zu 70 Tiere an. Erfolgreich etablierte er eine ganz besondere Kreuzung mit Fleckvieh-Rindern. Seit kurzem sind die Eltern Inge und Hans-Peter nun in Rente, leben weiterhin im Altenteil auf dem Hof.

Kurz darauf kam die Frage auf, wie es weitergehen soll. Bisher hatten alle gemeinsam die Arbeiten erledigt. Unterstützt höchstens durch einen Erntehelfer. Freizeit gab es so gut wie nie: „Nur eine Woche pro Jahr sind Yvonne und ich in den Urlaub gefahren“, erzählt Merten Bohlens. Ehefrau Yvonne hilft zwar so gut es geht auf dem Hof mit, doch die vier Kinder der Familie (8, 8, 11 und 13 Jahre alt) wollen auch versorgt werden. „Zudem müssen wir betriebswirtschaftlich denken, das ist ja kein Hobby. Die Milchviehwirtschaft bedeutet viel Arbeit, auch wenn unsere Tiere im Sommer immer draußen waren.“

Nachfrage „gerade so“ gedeckt

Für Landwirte mit Milchkühen scheint jeder Tag gleich: 5.45 Uhr zum Melken, um 16.30 Uhr wieder. Davor, danach, dazwischen: Futter heranfahren, sich um die Tiere und die kleinen Kälber kümmern. Egal zu welcher Zeit, auch nachts. Jeden Tag, immer wieder.

55 Cent pro Liter kostete die Milch beim Verkauf auf dem Hof, dazu wurde einmal im Monat Fleisch verkauft – aus Schlachtungen der eigenen Tiere: „Etwa 30 Kunden kamen jeden Tag für die Milch. Auch der Fleischverkauf, den wir weiterhin anbieten, läuft gut. Wir können gerade so die Nachfrage decken“, erklärt Merten Bohlens.

Harter Schnitt für Familie Bohlens

Doch am Ende des Monats blieb trotz der vielen Arbeit nicht so viel Geld übrig, als dass es für die anstehenden Investitionen gereicht hätte: „Ob unsere Kinder den Betrieb übernehmen wollen, steht nicht fest. Für solche Entscheidungen sind sie zu jung“, sagt der 44-Jährige. Sehr intensive und lange Gespräche mit seiner Frau Yvonne, die eigentlich Controllerin ist, folgten. Im Jahr 2000 hatten sie sich kennengelernt, 2004 geheiratet.

Auch für Yvonne Bohlens bedeutete das Ende der Milchviehwirtschaft einen harten Einschnitt. „Die Führungen über den Hof, die ich oft gemacht habe, gibt es genauso nicht mehr wie den täglichen Hofverkauf der Milch von 17 bis 18 Uhr“, sagt sie. Melkroboter, Milchtankstelle, Anstellung von Mitarbeitern – all diese Optionen waren für den kleinen Betrieb – bei näherer Betrachtung – gar keine: „Es gab viele Ideen. Doch am Ende haben wir uns für diesen Schritt entschieden“, resümiert Merten Bohlens.

Ackerbau wird ausgebaut

Vor gut anderthalb Jahren fiel die Entscheidung gegen die Milch: „Ich stand einfach nicht mehr dahinter.“ Das ist bei dem weiteren Geschäft anders: „Der Ackerbau wird weitergeführt und sogar ausgebaut.“ Brotgetreide wird für Abnehmer in ganz Norddeutschland angebaut. „Wir bringen die Ernte direkt zu den Kunden“, sagt Bohlens: „Darauf habe ich richtig Lust und endlich wieder Spaß an der Arbeit. Da stehe ich einhundert prozentig hinter. Das ist genau meine Welt.“

Immer habe er sich gut um die Tiere gekümmert, doch der Bezug zur Pflanze, zur Technik liege ihm wohl mehr.

Sorge um politische Unsicherheit

Zudem scheint die politische Unsicherheit Merten Bohlens auch schwer zu belasten. „Wir wissen ja gar nicht, was noch alles kommt. Aber ich will nicht jammern. Jetzt erst Recht nicht mehr.“

Merten Bohlens und seine Familie haben sich aktiv für ein anderes Leben entschieden, ohne Milchkühe – dafür mit mehr Freiheit und Freizeit: „Jetzt merke ich: Man kann auch ohne Kühe leben“, meint Merten Bohlens. Etwa 30 Tiere gibt es – auch für den Fleischverkauf – noch bei Bohlens. Aber nur eine trächtige Kuh. Die braungefleckte ist der Familie so sehr ans Herz gewachsen, dass sie zusammen mit ihrem Kalb weiterhin auf dem Hof leben kann.

Die Plastikkuh bleibt

Viele andere Kühe sind an Betriebe in der Umgebung verkauft worden und sollen – so die Bohlens – woanders nun weiterleben können. „Und die Plastikkuh bleibt vor dem Hof erst einmal stehen“, sagt Yvonne Bohlens lächelnd.