Glinde

Handarbeits-Gen über Generationen weitergereicht

Familie Bergmann/Roeser hat Hobby zum Beruf gemacht

Glinde. . Schuld an allem ist Uroma Natalie. „Mit ihr hat wohl alles angefangen“, sagt Karin Bergmann mit einem Augenzwinkern. Die Oma mütterlicherseits war Schneiderin und hat damals in Ostpreußen aus selbstangebautem Flachs Kleidung gefertigt. Seitdem ist das Handarbeits-Gen in der Familie, wird es seit vier Generationen weitergereicht. „Das ist aber nur halb so schlimm, wir haben jede Menge Spaß damit“, sagt Karin Bergmann, Inhaberin des Bauernstübchens am Markt. Es ist die Anlaufadresse für alle, die gern nähen, stricken oder sticken. Für Letzteres ist die 63-Jährige die beste Ansprechpartnerin. Sie hat neun Stichtechniken erlernt und dafür bundesweit Seminare besucht.

Schon als Jugendliche bestickte sie in den 1970er-Jahren ihre Flower-Power-Blusen und später als junge Mutter die Kleidung ihrer Kinder. „Beim Handarbeiten schalte ich am besten ab“, sagt sie. Kein Abend, in dem sie nicht Strick- oder Sticknadeln in der Hand hat, kein Urlaub ohne Leinenstoff und Wollgarn im Gepäck.

Dass aus dem leidenschaftlichen Hobby mal ein Beruf werden wird, war bei der gelernten Datenverarbeitungskauffrau lange nicht abzusehen. Erst 1994, als in Reinbek ein Handarbeitsladen einen Nachfolger suchte, wagte sie den Sprung ins kalte Wasser. 2006 zog die Reinbekerin mit ihrem Geschäft auf den Glinder Markt.

Tochter Jennifer Roeser hingegen wusste schon als kleines Mädchen, dass sie Modedesignerin werden will, saß stets fasziniert neben ihrer Oma, wenn die die Nähmaschine bediente. Früh hat sie Kleider für ihre Puppen selbst genäht. Ihr Ziel verfolgte sie zielstrebig: Mit 13 Jahren nähte Roeser ihr erstes Kostüm in der Schneiderei des Deutschen Schauspielshauses, absolvierte eine Lehre zur Segelmacherin und ein Studium für Bekleidungstechnik. Vor vier Jahren stieg die 37-jährige Glinderin ins Geschäft ihrer Mutter ein und baute die Nähschiene aus. Die junge Mutter kennt sich nicht nur bestens mit Stoffen und Nähmaschinen aus, sondern leitet auch Nähkurse, in denen die Teilnehmer Taschen, Kleider oder Jacken aus Funktionsstoffen fertigen. „Die meisten gehen danach beschwingt nach Hause“, sagt Jennifer Roeser. Und dann kommt ihre Zeit, setzt sie sich an die Maschine und ist so vertieft, dass sie gar nicht merkt, wie die Zeit vergeht. Ihr Mann ruft sie dann weit nach Mitternacht nach Hause.

„Wir haben nicht nur das Glück, unsere Leidenschaft zum Beruf gemacht zu haben, sondern es macht uns unser Beruf auch glücklich“, sagt Jennifer Roeser. Denn erwiesenermaßen sind Menschen, die kreativ sind, zufriedener.

Für die einen ist es das Nähen, für andere die Gartenarbeit, das Tanzen oder die Chorprobe. Alle Hobbys zusammen aber führen zum selben Ergebnis: Sie bereiten Freude, setzen positive Neurotransmitter wie Dopamin und Serotonin frei.

Karin Bergmann und ihre Tochter Jennifer Roeser sind mittlerweile süchtig nach den positiven Gefühlen. „Das ist wie ein Fieber, das nicht aufhört“, sagt Karin Bergmann. Gefährlich ist es aber nicht, im Gegenteil. „Wir haben immer neue Idee, die darauf warten, umgesetzt zu werden“, ergänzt Jennifer Roeser.

Und auch auf die nächste Generation hat sich das Gen vererbt. Tochter Elly hat mit ihren knapp drei Jahren schon erste Nähversuche an der Maschine absolviert.