Kündigung

Jugendamt muss Rathaus verlassen

Regionalleiter Gerald Wunderlich ist froh: Der Allgemeine Sozialdienst kann noch sechs Monate länger im Rathaus bleiben.

Regionalleiter Gerald Wunderlich ist froh: Der Allgemeine Sozialdienst kann noch sechs Monate länger im Rathaus bleiben.

Foto: dörte hoffmann / Dörte Hoffmann

Glinde. Allgemeiner Sozialdienst sucht neue Räume. Die Sozialarbeiterinnen beraten und bieten Familien verschiedenste Hilfen an.

Glinde.  Der Sozialausschuss ist sich einig: Der Allgemeine Sozialdienst (ASD) des Kreises leistet in der Stadt und in Südstormarn wertvolle Arbeit. Streitpunkt waren die sechs Räume im Rathaus, die Bürgermeister Rainhard Zug ihm bis Jahresende gekündigt hat, weil er sie für eigene Mitarbeiter braucht. Glindes Politik aber will, dass der ASD (früher Jugendamt) Glinde erhalten bleibt. Regionalleiter Gerald Wunderlich berichtet, dass der ASD noch keine passenden Räume gefunden habe.

Was der ASD hinter der Glastür im dritten Stock des Rathauses für Aufgaben erfüllt, ist vielen Bürgern nicht klar. „Manchmal steht plötzlich eine ältere Dame bei uns an der Tür und sucht Hilfe, weil sie sich um eine Nachbarin sorgt, die zu verwahrlosen droht“, erzählt Sozialarbeiterin Annemarie Häußler. Ihre Kollegin Kathrin Schröder ergänzt: „Wir hören uns erstmal alles an, vermitteln dann mit den Kontaktdaten an die richtigen Stellen.“ Denn sie und die Kollegen haben trotz des Begriffs „Allgemeiner“ Sozialdienst zuerst das Wohl von Kindern und Jugendlichen sowie die Unterstützung von Familien im Blick.

Ein typischer Fall für den ASD

Die beiden Sozialarbeiterinnen schildern, wie ein typischer Fall aussehen könnte: Nachbarn hören einen lauten Streit nebenan, ein Kind schreit. Da sie fürchten, es wird geschlagen, rufen sie die Polizei. Die schaut nach dem Rechten. Ist das Kind unverletzt und alles okay, schreibt sie einen Bericht und macht umgehend eine Mitteilung an den ASD. „Dann laden wir die Eltern ein oder rufen sie an, um zu prüfen, wie es der Familie geht“, sagt Annemarie Häußler. „Zeigt sich, dass eine Trennung der Eltern ansteht, bieten wir unsere Beratung dazu an. Oder vielleicht unsere Erziehungsberatung, wenn sich ergibt, dass es oft Streit gibt.“ Schröder ergänzt: „Vielleicht gibt es auch keinen Bedarf. Ein lauter Streit kann immer vorkommen und Kindern schnell Angst machen.“

Sie stellt fest: „Unser Beruf ist so vielfältig, wir wissen morgens nie, was passiert.“ Annemarie Häußler zählt auf: „Dazu gehört ein bunter Mix von Beratungen über die Vermittlung von Projekten und Unterstützungen, wie durch eine Familienhilfe oder einen Erziehungsbeistand. Es reicht bis hin zur Inobhutnahme eines Kindes.“ Das heißt, es wird in einer Notlage vorläufig untergebracht. Kathrin Schröder resümiert: „Ziel ist immer, unsere Unterstützung überflüssig zu machen. Wir wollen die Familien so stärken, dass sie auch allein klarkommen.“

Ausnahme: Der ASD nimmt ein Kind mit

Ständig klingelt das Telefon, das Team ist schwer zu erreichen. „Am besten spricht man auf den AB“, sagt Häußler. Im Notfall ist ein Anruf bei der Polizei unter Telefon 110 richtig, wer sich um die eigene Familie, ein Kind oder einen Jugendlichen sorgt, erreicht unter (04531) 160 13 32 den ASD. Die Sozialarbeiterinnen rufen zurück, lassen niemand lange allein. Jeder kann Hilfen beantragen, die der ASD prüft.

Bis Oktober 2018 hat der ASD insgesamt 105 Kinder und Jugendliche in Glinde und Oststeinbek unterstützt. Diese Fälle haben sich von 2016 von 101 auf 105 Fälle leicht erhöht. 66 Familien bekamen staatliche „Hilfen zur Erziehung“: Es gab 22 Familien, die Unterstützung von einem Erziehungsbeistand bekommen haben, 17 Familien werden von einer Sozialpädagogischen Familienhilfe unterstützt. Zwölf Kinder oder Jugendliche kamen in eine Pflegefamilie unter, 14 in ein Heim, für elf mit einer seelischen Behinderung wurde eine passende Einrichtung gefunden. Vier Heranwachsende erhielten ambulante Betreuung für ihre Persönlichkeitsentwicklung, einer eine stationäre. Nur ein Kind musste der ASD in Obhut nehmen.

Aufschub um ein halbes Jahr

Genau dieser Fall, den viele Familien fürchten, sei also die Ausnahme. „Wir hören das als ,Jugendamt‘ oft zuerst, wenn wir eine Mitteilung überprüfen müssen“, erzählt Annemarie Häußler: „Nehmen Sie mir bitte nicht die Kinder weg!“ Da seien viele Ängste und Vorurteile im Spiel. „Aber viele Eltern sagen auch: ,Zum Glück bin ich zu Ihnen zur Beratung gekommen.’ Weil wir tatsächlich helfen können.“

Wenn Leib und Seele eines Kindes in Gefahr sind, „und die Eltern nicht mithelfen wollen, müssen wir handeln und es in Sicherheit bringen“, betont Kathrin Schröder. Ziel bleibe aber, „auch, wenn wir es unterbringen müssen, dass es in die Familie zurück kann“.

Auf Wirken der Politik kommt Rainhard Zug Gerald Wunderlich entgegen: Der ASD erhält Aufschub, muss erst Ende Juni 2019 ausziehen.