Holocaust-Überlebende

Eva Szepesi - Kindheit in der Hölle von Auschwitz

Eva Szepesi mit Zehntklässlern der Gemeinschaftsschule Wiesenfeld. Ausführlich, offen und sehr bewegend erzählte die 86-Jährige ihre Lebensgeschichte.

Eva Szepesi mit Zehntklässlern der Gemeinschaftsschule Wiesenfeld. Ausführlich, offen und sehr bewegend erzählte die 86-Jährige ihre Lebensgeschichte.

Foto: Susanne Tamm

Glinde. Eva Szepesi berichtet Zehnklässlern der Gemeinschaftsschule Wiesenfeld von den Gräueln ihrer Kindheit.

Glinde.  Zwölf Jahre war sie alt, als sie die Gräuel von Auschwitz erfahren musste, jünger als die Zehntklässler der Gemeinschaftsschule Wiesenfeld, die nun vor ihr sitzen und Fragen stellen. Eva Szepesi, die 86-jährige Überlebende, antwortet ausführlich, offen und freundlich. Auch auf unbedarfte Fragen: „Woran erkennt man denn, ob jemand Jude ist?“, will ein Schüler wissen.

Die 86-Jährige, ganz ladylike mit Perlenkette und Glitzer-Sneakers, lacht kurz auf: „Sehen kann man das nicht“, sagt sie. „Aber wir mussten die Religion angeben und die stand im Ausweis.“ Ihre ältere Tochter Judith habe erst im Alter von sieben Jahren erfahren, dass sie Jüdin sei. Heute tut dies Eva Szepesi leid. „Aber ich hatte Angst, dass sie Ausgrenzung und Verletzungen erfährt.“ So wie es ihr als Siebenjähriger ergangen war, als vormalige Freunde sie plötzlich von einem Tag auf den anderen anfeindeten und beschimpften.

50 Jahre lang hat sie alles verdrängt

Leicht fällt es ihr nicht, über ihre Kindheits-Erlebnisse zu sprechen. „Ich konnte 50 Jahre nicht darüber reden, ich hatte alles verdrängt“, erzählt sie den Schülern. „Aber ich weiß, wie wichtig es ist. Mittlerweile habe ich das Gefühl, es ist meine Pflicht, darüber zu erzählen. Meine Mama, mein Vater und viele andere Menschen, die dort gestorben sind, haben keine Stimme mehr.“

Eigentlich wollte sie nie mehr nach Auschwitz zurückkehren, wo sie Anfang November 1944 nach einer grauenhaften Fahrt von Budapest in einem Viehwaggon auf der Rampe stand, allein, und vor Kälte und Angst zitterte. „Wir mussten in eine Baracke gehen und uns dort nackt ausziehen“, berichtet sie. „Wir bekamen Sträflingskleidung und rohe Holzpantinen. Was dann folgte, war das Schlimmste, was mir bis dahin zugestoßen war: „Ich spürte plötzlich eine Schere an meiner Kopfhaut – eine Aufseherin schnitt mir meine langen Zöpfe ab. Es war, als ob die Frau mir den allerletzten Schutz genommen hätte.“ Sie habe ihre Zöpfe geliebt: „Meine Mama hatte sie mir jeden Tag geflochten.“ Sie und die anderen wurden kahl geschoren, und ihnen wurde eine Nummer in den Arm tätowiert, ihre ist die A26877: „Es brannte wie Feuer“, sagt sie.

Jeder dachte nur an das eigene Überleben

Sie habe weinend in der Schlange gestanden, als eine Aufseherin sie musterte und ihr auf slowakisch zuzischte: „Du bis 16!“ Die Kleine, die damals noch Eva Diamant hieß, verstand nichts, gab ihr Alter aber gehorsam mit 16 Jahren an, als sie an die Reihe kam. Möglicherweise habe ihr dies das Leben gerettet. Denn die Kinder seien häufig sofort nach der Ankunft in Auschwitz in die Gaskammern gekommen, ab 16 Jahren aber wurden sie als Arbeitskräfte gebraucht.

So kam die Zwölfjährige in eine Baracke für erwachsene Frauen und fand eine Beschützerin, die ihr manchmal etwas Brot abgab. „Das war das Einzige an Mitgefühl, was es dort gab“, beantwortet sie die Frage einer Schülerin. „Ansonsten dachte jeder nur an das eigene Überleben und nahm eher noch Brot weg. Die Aufseherinnen waren schlimm, einige wie Tiere.“ Sie habe gearbeitet, unter Hunger und Erfrierungen gelitten, die sie während der schrecklichen Appelle befielen, unter Verbrühungen an den Lippen, als sie sich vor Hunger auf einen Topf mit kochend heißer Suppe stürzte, unter Schlägen und Misshandlungen. „Ich lernte vor allem eines: nie auffallen und möglichst den Mund zu halten“, sagt sie.

Wunderschöne Pelzmütze mit Stern

Ihr Schweigen über diese traumatischen Erfahrungen brach Eva Szepesi erst 1995, als ihre Töchter sie überzeugten, mit ihnen zum 50. Jahrestag der Befreiung nach Auschwitz zu reisen. Dort erzählte sie zum ersten Mal Jugendlichen von ihrer Kindheit. Von der Befreiung am 27. Januar 1945 erinnert sie vor allem eines: „Eine wunderschöne runde Pelzmütze mit einem roten Stern und darunter ein lächelndes Gesicht beugten sich über mich. Ich versuchte, zurückzulächeln. Diese menschliche Zuwendung tat so gut.“

Erst 2015 entdeckte ihre Enkelin in Auschwitz die Namen von Eva Szepesis Mutter und ihres jüngeren Bruders unter denen der Ermordeten. „Das war schlimm.“ Doch die Gewissheit habe es ihr möglich gemacht, zum ersten Mal zu trauern und zu weinen. „Vorher habe ich immer noch irgendwie gehofft“, gesteht die 86-Jährige. „70 Jahre lang.“