StoP

Häusliche Gewalt aus der Tabuzone holen

Nicht nur den Fernseher laut stellen, wenn nebenan „Möbel gerückt werden“.

Nicht nur den Fernseher laut stellen, wenn nebenan „Möbel gerückt werden“.

Foto: picture-alliance/ ZB / dpa-Zentralbild

Glinde. Das StoP-Konzept soll Nachbarn schulen, dadurch Leben retten und Gewalt reduzieren – die Politik berät über die Einführung.

Glinde.  Eine aufgeklärte und handlungsfähige Nachbarschaft kann Leben retten und häusliche Gewalt reduzieren, wie Studien belegen. Leider ist das ist nicht die Regel. Vielmehr lähmen Scham und Angst. Wie kann das Tabu um häusliche Gewalt geknackt werden? Wie können Nachbarn gestärkt und fortgebildet werden, dass sie Mut zum Einschreiten oder zum Hilfe holen bekommen?

Ein Ansatz ist „Stadt ohne Partnergewalt“, kurz StoP. Das geschützte Konzept hat Prof. Sabine Stövesand (HAW Hamburg) entwickelt. Auch in Hamburg- Horn wird danach erfolgreich gearbeitet. „Weil auch Glinde kein Paradies ohne häusliche Gewalt ist“, will Gleichstellungsbeauftragte Kerstin Schoneboom das Konzept in Glinde einführen. Am Dienstag, 6. März, berät der Sozialausschuss (19 Uhr, Bürgerhaus, Markt 2) darüber, ob das unterstützt werden soll. Schoneboom plädiert dafür, unter Trägerschaft der Sönke-Nissen-Park Stiftung eine Vollzeit/zwei Teilzeitstellen einzurichten. StoP würde knapp 70 000 Euro kosten.

Kontakt zur Nachbarschaft aufbauen

Worum geht es genau? Eine nach StoP ausgebildete Sozialarbeiterin soll, ähnlich einem Streetworker, mit den Menschen auf dem Markt, am Spielmobil, im Park ins Gespräch kommen, niedrigschwellig Gesprächsangebote machen, für das Thema sensibilisieren. „Sie soll verlässliche Ansprechpartnerin sein“, sagt Silke Löbbers von der Sönke-Nissen-Park Stiftung.

„Ziel ist es, sogenannte Küchentische zu gründen“, sagt Kerstin Schoneboom, die gerade die StoP-Ausbildung durchläuft. „Dort können sich Nachbarn mit Freunden, mit der Familie zusammenschließen und sich von der StoP-Mitarbeiterin erläutern lassen, wie Hilfe aussehen kann. Damit sie wiederum aktiv werden und aufklären können, wenn sie mitbekommen, dass zum Beispiel in einer Wohnung hörbar Gewalt angewendet wird, dass eine Frau plötzlich bei grauem Wetter mit Sonnenbrille auftritt, sich zurückzieht oder dass Kinder verstört sind.

Ziel ist nicht Spitzelei, sondern Aufklärung

Die StoP-Agentin soll Nachbarn stärken, Netzwerkerin, Verbindungsglied zu Organisationen, Vereinen und Verbänden, im Zweifel auch zur Polizei sein. Sie ist Anlaufstelle, auch für Opfer. Sie kann sie an die richtige Stelle empfehlen. „Ich habe StoP 2015 kennengelernt und bin beeindruckt, was kompetente Nachbarn erreichen. Ziel ist nicht Spitzelei und soziale Kontrolle, sondern Aufklärung. Häusliche Gewalt ist stark tabuisiert. Statt den Fernseher lauter zu machen, wenn es bei den Nachbarn ungemütlich wird, kann man klingeln und um ein Ei bitten“, sagt Schoneboom.

Im Zweifel die Polizei rufen

Polizeikommissar Frank Weber, in Glinde zuständig für den Bereich, würde StoP begrüßen, sagt aber: „Immer, wenn etwas bei Nachbars nicht geheuer ist, es klingt, als würden die Möbel gerückt, die Polizei rufen. Lieber einmal mehr, als einmal zu wenig. Täter sollen merken, dass sie beobachtet werden.“ Er geht bei häuslicher Gewalt von einer hohen Dunkelziffer aus. 2017 zählte er in Glinde sieben Einsätze und eine Wegweisung gegen gewalttätige Männer: „2018 sind es schon drei Einsätze und eine Wegweisung.“