Callboy-Prozess

Henning K. hat keine seelischen Störungen

Foto: Habermann / H

Glinde. Auch am dritten Verhandlungstag im Callboy-Prozess zeigte der Angeklagte Henning K. keine sichtbaren Gefühlsregung. Mit gesenktem Kopf saß er im Verhandlungsraum des Lübecker Landgerichts. "Fehlendes Einfühlungsvermögen, Selbstbezogenheit und Mangel an Empathie" bescheinigte ihm der psychiatrische Gutachter.

Auch am dritten Verhandlungstag zeigte Henning K. keine sichtbaren Gefühlsregung. Mit gesenktem Kopf, den Blick nach unten, saß er im Verhandlungsraum des Lübecker Landgerichts. „Fehlendes Einfühlungsvermögen, Selbstbezogenheit und Mangel an Empathie“ bescheinigte ihm der psychiatrische Gutachter, der Neurologe Dr. Wolf-Rüdiger Jonas. Sein Ergebnis nach vielen Untersuchungen und drei verschiedenen Persönlichkeitstests: Weder krankhafte seelische Störungen noch Bewusstseinsstörungen oder Drogen können seiner Meinung nach die Tat beeinflusst haben, die Henning K. im vergangenen Dezember begangen hat. Der 24-jährige Glinder hatte zugegeben, den 73-jährigen Horst O. mit einem Zimmermannshammer erschlagen zu haben.

Die Beziehung zu Horst O. war nicht von Emotionen geprägt. Mehrmals hatte er sich mit dem homosexuellen Mann getroffen und sich für sexuelle Dienste bezahlen lassen. „Der Angeklagte war beziehungsunfähig. Alle seine Beziehungen waren dadurch geprägt, dass er sich besser dargestellt hat als es der Realität entspricht.“ Er sei nur auf den eigenen Nutzen aus und beurteile andere Menschen danach, welchen Wert sie für ihn haben. Für die Gefühle anderer Menschen habe der junge Glinder „keine Antennen“ gehabt. Er neige zum Lügen, habe geringe Schuldgefühle, fehlendes Mitgefühl und geringes Verantwortungsbewusstsein.

Der Angeklagte hatte ausgesagt, in Horst O. den Mann erkannt zu haben, der sich an ihm vergangen haben soll, als K. zwölf Jahre alt war. Dennoch traf er sich mehrmals mit dem 73-Jährigen. Über den Vorfall habe er nie mit jemandem geredet. Laut Gutachter gab es nach der unauffälligen frühkindlichen Entwicklung des Glinders keinen deutlichen Leistungsknick. „In solchen Fällen gibt es Hinweise wie Einnässen oder Angst im Dunkeln.“ Bei K. gab es das nicht. „Andere Menschen mit solchen Erlebnissen leiden und meiden den Täter. Sein Leiden hat sich mir nicht erschlossen. Dass er sich wieder mit seinem mutmaßlichen Vergewaltiger trifft, ist höchst ungewöhnlich.“

Dazu kommt die Neigung des 24-Jährigen, zum Lügen und Täuschen. Er hatte sich für verschiedene Personen verschiedene Lügengeschichten zurechtgelegt. „Den Wahrheitsgehalt dieser Tat zu beurteilen, ist deshalb schwer für mich“, so der Gutachter.

In seiner Jugend führte Henning K. ein Leben als Einzelgänger, spielte exzessiv Computer und wurde in der Schule gehänselt. Liebe? Mit diesem Begriff könne er nichts anfangen, hatte er dem Gutachter gesagt. Verliebt sei er nie gewesen. Andererseits verfüge er über eine normale Urteilsfähigkeit, könne Gut von Böse, Falsch von Richtig unterscheiden. Seine Persönlichkeit zeichne sich durch eine gewisse Kühle und durch geringe Betroffenheit bei bestimmten Themen, etwa die Tatvorgeschichte, aus. Henning K. habe einen guten durchschnittlichen Intelligenzquotient von 108, „ein begabter junger Mann“.

Ein Rechtsmediziner bestätigte, dass Horst O. infolge stumpfer Gewalteinwirkung starb. Auch was K. bisher aussagte, stimmt mit seinen Untersuchungen überein: Dass er zunächst versuchte, die Leiche zu vergraben, und anschließend den Körper von Horst K. vermutlich mit einer Säge zerteilen wollte. Die Leiche hatte laut Gutachter „mehrere Wochen oder mehrere Monate“ im Kofferraum seines Autos gelegen, bevor sie in der Tiefgarage an der Möllner Landstraße gefunden wurde.

Die Anklagevorwürfe wegen Besitzes von Kinderpornografie wurden auf Beschluss des Landgerichtes gestern vorläufig eingestellt. „Im Hinblick auf die zu erwartende Strafe, die im Falle einer Verurteilung wegen Totschlags auf den Angeklagten zukommt, fällt dies nicht ins Gewicht“, sagt die Staatsanwältin Ulla Hingst. Auf dem PC von Henning K. waren sieben Bilder und 171 Minuten Videomaterial sichergestellt worden. Die Plädoyers werden am 17. September verlesen.