Prozessauftakt

Neun Hammerschläge töten Horst O.

Foto: TVR-news

Glinde. In Lübeck hat am Dienstag der Prozess um die Leiche in der Tiefgarage begonnen. Henning K. aus Glinde wird vorgeworfen, am 26. Dezember 2011 den 73 Jahre alten Horst O. mit einem Zimmermannshammer erschlagen zu haben. Zudem ist der 24-jährige wegen Besitz kinderpornografischer Schriften in neun Fällen angeklagt.

„Der sieht gar nicht so aus“, kommt es Sigrid Schmidt über die Lippen, als der Angeklagte Henning K. gestern Morgen in Jeans, grauem Kapuzenpullover und Turnschuhen den Saal des Landgerichts Lübeck betritt. Dem 24-Jährigen aus Glinde wird vorgeworfen, am 26. Dezember 2011 den 73 Jahre alten Horst O. mit einem Zimmermannshammer erschlagen sowie kinderpornografische Schriften in neun Fällen besessen zu haben. Schmallippig und mit gesenktem Kopf sitzt Henning K. da, als die Staatsanwältin Ulla Hingst die Anklage verliest. Den Totschlag gesteht er, den zweiten Tatvorwurf streitet er ab.

Sigrid Schmidt muss während der Verhandlung immer wieder den Kopf schütteln, so unfassbar sind für sie die Details, die da zu Sprache kommen. Die 50-Jährige ist extra für die Verhandlung aus der Nähe von Neumünster angereist, ihr vor wenigen Monaten verstorbener Vater war mehr als 60 Jahre mit dem Opfer Horst O. befreundet.

Dass dieser eher zierlich wirkende Henning K. mit seiner 1,74 Meter und seinen 80 Kilogramm ein brutaler Totschläger sein soll, kann sich Sigrid Schmidt schwer vorstellen. „Der wirkt eher wie ein Milchbubi mit seinen blonden Haaren“.

Mindestens neunmal soll der Glinder mit einem Zimmermannshammer auf Horst O. eingeschlagen haben – und hat auch dann nicht aufgehört, als der schon lange am Boden lag. Auf die Frage des Richters, warum er überhaupt zugeschlagen habe, antwortet K. kleinlaut: „Ich hatte Angst, dass er wieder so schlimme Sachen mit mir macht. Ich wollte ihn nicht töten.“

Auch glaubte er in Horst O. seinen Vergewaltiger wiedererkannt zu haben. Der habe ihn, als er zwölf Jahre alt war, auf dem Weg von Neuschönnigstedt nach Oststeinbek abgefangen und sich in seinem Wagen an ihm vergangen. Horst O. habe er an seinem Geruch und an seiner Aussprache vom „Ja“ wiedererkannt. Das Problem ist nur: Henning K. hat die Tat nie angezeigt, mit niemandem darüber gesprochen – auch mit seinen Eltern nicht. „Warum haben sie sich mit diesem Verdacht immer weiter mit O. getroffen“, will Richter Christian Singelmann wissen. „Ich war mir nicht sicher. Außerdem brauchte ich das Geld.“

Der Vorwurf der Vergewaltigung sei absurd, sagt Peter Stegelmann, ein langjähriger Freund von Horst O. aus. „Horst stand nicht auf Kinder. Seine Geschlechtspartner mussten mindestens 18 Jahre alt sein.“ Stegelmann sagt, dass Horst O. seine Sexualpartner vornehmlich im Internet fand – auch Henning K. Der bot auf einer Internetplattform für Schwule seine Escortdienste an. Um interessanter zu wirken, machte er sich fünf Jahre jünger und gab an, er sei Medizinstudent. Dabei hatte er nur einen Hauptschulabschluss und mehrere abgebrochene Lehren vorzuweisen. Sich mit Lügen wichtiger machen, als er war, ist etwas, das sich wie ein roter Faden durch sein Leben zieht. „Mein ganzes Leben ist ein Lügengerüst, das bei meiner Festnahme zusammengebrochen ist“, gab er zu Protokoll. Nicht nur Horst O. habe er von Anfang an belogen, auch seinen Eltern und seinem Verlobten habe er etwas vorgespielt. So habe er letzterem verheimlicht, dass er sich noch mit anderen Männern traf.

Dass er sich mehr zu Männern hingezogen fühlt, wurde dem Angeklagtem erst spät bewusst – mit 21 Jahren. Danach lebte er seine Sexualität umso intensiver aus. Bei den Treffen mit Horst O. in dessen Hamburger Wohnung, im Wald oder im Auto sei es von Anfang an rabiat zugegangen, so der Angeklagte. So soll Horst O. ihn an Händen und Füßen gefesselt sowie auf den Hintern gehauen haben. Der Geschlechtsverkehr war immer ungeschützt. Erst in Haft hat Henning K. erfahren, dass Horst O. HIV positiv war.

70 Euro hat Henning K. für seine Dienste bekommen. Dem wollte er nach eigenen Aussagen am 26. Dezember ein Ende setzen. Er verabredete sich um 20 Uhr mit Horst O. auf dem Parkplatz am Friedhof in Oststeinbek und versprach einen dritten Sexualpartner, einen 16-jährigen Daniel, mitzubringen. Der allerdings war frei erfunden. Sein Plan war, Horst O. solange warten zu lassen, bis er müde wurde und wieder nach Hause wollte. Doch O. „wollte erst noch die Dinge erledigen“. Henning K. griff zum Zimmermannshammer, um O. einzuschüchtern – es kam zum Handgemenge, K. schlug zu. Als er merkte, dass O. tot war, stand er ein paar Minuten regungslos da. Dann versuchte er, den Leichnam im angrenzenden Waldstück zu vergraben, dann zu verbrennen und anschließend erneut auf dem Acker beim Gut Domhorst zu vergraben. Da das ausgehobene Loch nicht groß genug war, fuhr er nach Hause, um aus dem Keller eine Bügelsäge zu holen. Damit wollte er sein Opfer in mehrere Stücke zerteilen. Mehrmals setzte er am rechten Oberschenkel an. Dann gab er den Plan entkräftet auf. „Was geht in einem vor, wenn man einen Menschen verbrennen oder zersägen will“, fragt die Staatsanwältin. „Ich weiß nicht. Ich wollte ihn nur schnell wegschaffen“, antwortet der Angeklagte. Die Leiche hievte er zurück in den Kofferraum des Wagen von Horst O. und parkte diesen an der Kampstraße in Oststeinbek. Das wurde ihm nach acht Wochen zu brenzlig, auf den Namen seines Freundes mietete er einen Stellplatz in der Tiefgarage Am Weg an der Gutsmauer an und stellte den Wagen ohne Kennzeichen ab. Täglich fuhr er vorbei, um nachzusehen, ob das Auto noch da ist.

Dass sein Sohn zu so etwas fähig ist, habe er nie gedacht, sagt sein Vater Norbert K. (60) aus. „Henning war ein ganz normaler Junge, nie auffällig.“ Ab wann in seinem Leben etwas schief gelaufen ist, könne er nicht genau sagen. Er habe immer viel gearbeitet, war eigentlich kaum Zuhause. Um die Erziehung der drei Kinder habe sich seine Frau gekümmert. Seit 2004 leben die Eltern getrennt.

„Henning war ein fröhliches Kind, hat schnell laufen gelernt, nur mit dem Sprechen hatte er so seine Schwierigkeiten“, ergänzt die Mutter Irmgard K. (57). In der Grundschule hielt er noch gut mit, dann kam der Wechsel auf die Real- und ein Jahr später auf die Hauptschule. Da schaffte er seinen Abschluss gerade so. „Ich habe keinen Bock. Schüler und Lehrer hänseln mich“, waren seine Ausreden. Doch da kamen die Eltern schon nicht mehr an ihren Sohn heran. Statt für die Schule zu lernen, saß der lieber bis zu 20 Stunden am Tag vor dem Computer. „Henning war richtig süchtig“, sagt seine Mutter. Lange Gespräche habe es in der Familie nicht gegeben. Seine Sorgen konnte er mit niemandem besprechen. Dass Henning K. Schulden hatte, wussten seine Eltern genauso wenig, wie von seiner Arbeit als Callboy und seinen Selbstmordversuchen. Der 24-Jährige hatte mehrmals versucht, sich das Leben zu nehmen.

Henning K. stand lange Zeit allein da – Freunde hatte er kaum, Eltern oder Geschwister hatten mit sich zu tun. „Ich weiß bis heute nicht, was Liebe ist“, sagt er. „Irgendwie ist er auch ein armes Schwein“, sagt Sigrid Schmidt. Der Prozess wird am 7. September fortgesetzt.