Prozess

"Hitlergruß" kostet Glinder 1000 Euro

Foto: Undine Brandt / Brandt

Glinde/Reinbek. Ein 23 Jahre alter Glinder muss 1000 Euro Geldstrafe für das "Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen" zahlen. Er hatte vor dem umstrittenen rechten Modeladen Tønsberg den "Hitlergruß" gezeigt. Die Demonstranten, die den Mann angezeigt hatten, sind zufrieden mit dem vom Amtsgericht Reinbek gefällten Urteil.

„Mit Nazis habe ich nichts zu tun“, beteuerte Kai. B. gestern kleinlaut im Amtsgericht Reinbek. Genützt hat es ihm nichts. Der 23 Jahre alte Glinder war angeklagt, am 26. September 2011 vor dem Geschäft Tønsberg an der Möllner Landstraße den rechten Arm zum Hitlergruß erhoben und „Heil“ gerufen zu haben. Das hatten mehrere Teilnehmer der Mahnwache gesehen, die seit Monaten vor dem umstrittenen Modegeschäft gegen Rechtsextremismus und für ein buntes Glinde demonstrieren.

Kai B. allerdings bestritt diese Vorwürfe. „Ich habe weder die Hand ausgestreckt, noch Heil gerufen“, sagte er. Der Angeklagte, der sich im Prozess vor den Blicken der Zuschauer unter einer Kapuze versteckte, räumte aber ein, dass er sich von den Pfiffen der Demonstranten und ihren Rufen „Nazis raus“ provoziert gefühlt und den Arm gehoben habe – allerdings nicht mit ausgestreckter Hand, sondern zur Faust geballt. Das aber hatten die Glinder Lothar Tappe-Adelholz (60), Johannes Ratzek (56) und Lothar Schulz (58) noch ganz anders in Erinnerung: Alle drei sagten aus, dass die Hand eindeutig gestreckt war.

„Erschüttert“ sei er gewesen, als er das sah, sagte Tappe-Adelholz. Kurz zuvor hatte Kai. B. das Geschäft mit einer Tüte in der Hand verlassen, sich demonstrativ vor die Protestgruppe gestellt und den Arm zum verbotenen Gruß erhoben, erinnerte sich der Zeuge gestern. Anschließend sei er zur Ampel gegangen und habe die Tüte „wie eine Trophäe in die Luft“ gehalten, ergänzte der Zeuge Johannes Ratzek.

Tappe-Adelholz war dem Angeklagten hinterher gelaufen und erst da habe er ihn wieder erkannt – als TSV-Übungsleiter hatte er ihn früher mal betreut. Damals kümmerte er sich in der Fußballabteilung ehrenamtlich um Kinder, die in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung zurückgeblieben waren. Kai B. gehörte dazu.

Seit acht Monaten protestieren die Demonstranten täglich vor dem Geschäft. Viele „Vorfälle“ haben sie in der Zeit schon erlebt – Kunden des Geschäftes zeigten ihnen den Stinkefinger oder beschimpften sie, vorbeifahrende Autofahrer warfen mit Steinen gefüllten Dosen auf sie – „doch Kai B. war bislang der Einzige, der den Hitlergruß machte“, sagte Tappe-Adelholz.

Für das „Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“ wurde der Angeklagte mit einer Geldstrafe in Höhe von 1000 Euro verurteilt. Für den ausgebildeten Lageristen, der bei einer Zeitarbeitsfirma angestellt ist, ist das eine Menge Geld. Derzeit verdient er 850 Euro Netto und lebt noch bei seinen Eltern.

Allerdings blieb die Richterin unter den Forderungen der Staatsanwältin– einer Geldstrafe in Höhe von 1500 Euro. Das Gesetz sieht in besonders gravierenden Fällen sogar eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren vor. Zugute kam dem Angeklagten, dass er bislang nicht einschlägig vorbestraft ist. Im vergangenen Jahr stand er zum ersten Mal vor Gericht: wegen Sachbeschädigung im Glinder Stadtgebiet.

„Dass durch Buhrufe oder Trillerpfeifen bei dem ein oder anderen die Sicherungen schneller durchbrennen, das ist nachvollziehbar“, sagte die Richterin mit Blick auf den Angeklagten. „Das ist aber keine Rechtfertigung für einen Hitlergruß.“ Auch wisse, wer in dem Geschäft einkauft, dass angesichts der anhaltenden Proteste ein dickeres Fell gefragt ist – oder aber er greift zu legalen Mitteln.

Bei den Demonstranten kam das Urteil gut an: „Das ist mehr, als wir erwartet haben“, sagte Tappe-Adelholz.