Qual

Kranker Rehbock vom Jäger erlöst

Foto: Fischer-Cohen

Glinde. Der vierjährige Rehbock ist fast blind - ein Geschwür raubt ihm die Sicht und hindert ihn an der Futtersuche. Zudem ist es so schwer, dass der "Perückenbock" kaum noch den Kopf heben kann. Jetzt soll er von seinen Qualen erlöst werden.

Spaziergänger am Mühlenteich kennen den Rehbock. Auch bei Regina Fischer-Cohen schaut er regelmäßig vorbei. Der 1200 Quadratmeter große Garten an der Mühlenstraße grenzt direkt an den Mühlenteich. Seit zwei Jahren besucht sie das „mystische Tier“ fast täglich. Mystisch deshalb, weil der Rehbock ein verwachsenes Geweih hat. „Perückengeweih heißt das in der Fachsprache“, weiß der für Glinde zuständige Jagdaufseher Siegmund Meyer. Ursache für das Geschwür ist der Ausfall des Sexualhormons Testosteron durch eine Erkrankung oder Verletzung der Sexualorgane. Die Knochensubstanz des Geweihs beginnt zu wuchern. „Das ist nicht lebensbedrohlich, doch das Tier wird in seiner Nahrungsaufnahme behindert und kann sich nicht fortpflanzen“, sagt Meyer.

Doch bei dem vier Jahre alten Bock ist das Geschwür mittlerweile so groß, dass er auf einem Auge blind ist. „Für das Tier ist es eine Quälerei. Es kann kaum noch den Kopf halten“, hat Fischer-Cohen beobachtet. Außerdem werde es regelmäßig von frei laufenden Hunden am angrenzenden Mühlenteich aufgespürt und gehetzt.

„Vor wenigen Tagen schoss es in Panik durch meinen Garten, direkt auf mich und meinen Neffen zu“, sagt Fischer-Cohen. Im letzten Moment konnten sie beiseite springen. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Tier auf die Straße und vor ein Auto läuft und ein wirklich schwerer Unfall passiert.“

Als der Bock am Mittwochabend zehn Meter von ihrer Terrasse entfernt äste, bat die Glinderin Jagdaufseher Siegmund Meyer um Hilfe: Er möge das Tier von seinen Qualen befreien. In einem Wohngebiet ist ihm das Schießen zwar verboten. Eine Ausnahme ist aber möglich, wenn ein Tier so krank oder stark verletzt ist, dass es von seinem Leiden erlöst werden muss. Ein erster Versuch des Jägers am Mittwochabend, das kranke Tier zu erlegen, schlug allerdings fehl. Der Bock flüchtete in das morastige Mühlenteichgelände. Seitdem wurde er nicht mehr gesehen. Ob das Tier noch lebt, kann Meyer nicht sagen. „Verletzte Tiere ziehen sich in einen Unterschlupf zurück“, erklärt der 67-Jährige.

Spaziergänger, die das kranke Tier sehen, melden sich bitte umgehend bei der Polizei (Tel: 040/710 90 30) oder bei Siegmund Meyer (040/71 09 55 21). Das Tier sollte in Ruhe gelassen werden, und Hundebesitzer sollten ihre Tiere an die Leine nehmen.

UPDATE: Der Rehbock ist inzwischen gefunden und erschossen worden

Jagdpächter Siegmund Meyer ist in den vergangenen Tagen oft am Mühlenteich auf der Pirsch gewesen. Auch ihm ging der Rehbock mit der Gehörnwucherung (Perückenbock) nicht aus dem Sinn. Nachdem er ihn einmal verfehlt hatte, war das Tier zunächst verschwunden. Am Sonntag, den 15. April um 16.15 Uhr standen sich die beiden am Kupfermühlenweg gegenüber und der Jäger konnte ihn erlösen. „Er stand vor der Böschung, so dass ich ihn auch am Tage gefahrlos schießen konnte“, sagt Meyer.