Geesthacht

Helfer sorgen sich um Deutschkenntnisse ihrer Schützlinge

Wulf Kühne unterrichtet Flüchtlinge in Deutsch mit Händen und Füßen. Hier macht er den Uhu vor, es geht um das Wort „wenden“.

Wulf Kühne unterrichtet Flüchtlinge in Deutsch mit Händen und Füßen. Hier macht er den Uhu vor, es geht um das Wort „wenden“.

Foto: Dirk Palapies

Seit Mitte Juli gibt es in Geesthacht ein neues Angebot für Geflüchtete. Ihre Sprachkenntnisse sollen wieder gefördert werden.

Geesthacht. Die Geesthachter Flüchtlingshelfer machen sich Sorgen um die Deutschkenntnisse ihrer Schützlinge. Durch die Corona-Krise sind die Treffen zum Erhalt der Sprachfähigkeit geschlossen worden und noch nicht wieder offen. „Sie verlernen alles wieder, das geht schnell,“ hat die Schriftführerin Uschi Rösler von der Geesthachter Flüchtlingshilfe e. V. festgestellt.

Immerhin gibt es nun seit Mitte Juli ein neues Angebot für Geflüchtete, um bereits erworbene Sprachkenntnisse zu fördern. „Alle an Bord!“ ist in Schleswig-Holstein ein Projekt, an dem sich unter anderem die Handwerkskammer Lübeck beteiligt. Zu den Beratungs- und Unterstützungsangeboten gehört auch der Ausbau der Sprachkenntnisse – Ziel ist, die Flüchtlinge fit für das Berufsleben zu machen.

Lehrer ist ein Pädagoge im Ruhestand aus Wentorf

Das Projekt für die freiwillig Teilnehmenden findet dank entsprechendem Hygienekonzept seit dem 9. Juli wöchentlich donnerstags von 18.30 Uhr an in Geesthacht in den Räumen der Flüchtlingshilfe an der Geesthachter Straße 59 statt. Wer hier mitmacht, hat den Basis-Kursus A 1 für den Spracherwerb durchlaufen. Der Unterricht soll auch die Sommerferien nicht pausieren. Wie lange das Angebot indes existieren wird, ist unklar. „Es gibt von den Trägern immer eine Jahresfinanzierung“, sagt Karl Hermann Rosell. Der Vorsitzende der Geesthachter Flüchtlingshilfe kritisiert, dass „die Versorgung mit offiziellen Sprachkursen ausgesprochen unkoordiniert ist.“ So fordere das Jobcenter die Teilnahme an Sprachkursen, gebe selbst aber keine Auskunft, wo sie zu absolvieren seien. Er wisse von einer Frau, die für einen fortgeschrittenen C1 Kursus regelmäßig drei Stunden mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Geesthacht aus nach Ratzeburg unterwegs sei. Und ein Afghane habe ein Jahr auf einen Anschlusskursus warten müssen.

Bei der Sprachnachhilfe in den Räumen der Flüchtlingshilfe haben sich am vergangenen Donnerstag sechs Schüler versammelt. Zehn dürfen es werden. Wenn es mehr werden, gäbe es die Möglichkeit zu zwei bis drei weiteren Kursen.

Viele nachgefragte Begriffe kommen aus dem Arbeitsrecht

Lehrer ist der Wentorfer Wulf Kühne, Pädagoge im Ruhestand seit 2010. Zuletzt war er tätig an der damaligen Haupt- und Realschule. „In diesem Kursus sind keine Anfänger“, sagt er. Er sei gedacht für bereits Berufstätige. So kommen viele Begriffe, die nachgefragt werden, aus dem Arbeitsrecht. Wörter wie Gleitzeit, Schichtarbeit, Nachtschicht, aber auch Aufstiegsmöglichkeit sind an die linke Seite der Tafel geschrieben. Die Zahlenkolonnen auf der anderen Seite stammen von Karl Hermann Rosell. Er unterrichtet hier Rechnen.

Wulf Kühne spielt über einen Bluetooth-Lautsprechen ein Lied von Max Raabe ab. Es erklingt „Heute mache ich rein gar nichts.“ „Der Neffe meiner Frau spielt in dessen Palast Orchester Saxofon“, berichtet Kühne. Der Text wird anschließend Wort für Wort „aufgedröselt“. Er bringt immer Beispiele, vor allem geht es ihm um die Doppeldeutigkeit von Worten. Vom im Lied besungenen „noch einmal umdrehen im Bett“ kommt er zum Wenden des Halses bei einer Eule. Am Ende ist er beim Uhu und legt die Finger kreisförmig vor die Augen. Sein Unterricht ist extrem lebendig.

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„Die Wolken ziehen“ erklingt aus dem Lautsprecher. „Da haben wir schon wieder so ein Wort – ,ziehen’“, sagt Wulf Kühne. „Ich kann mich anziehen, umziehen.“ Es schreibt es an die Tafel. „Der Zug zieht auch“, sagt eine Frau. Wulf Kühne lächelt. Sie hat verstanden.

Aus solchen Momenten zieht er sein persönliches Erfolgserlebnis: „Alle gehen fröhlich nach Hause und kommen gern wieder.“