Kreuzfahrt und Corona

Auf Umwegen zurück nach Geesthacht

Foto: Repro Funke

Ehepaar ist mit dem Kreuzfahrtschiff MS „Amera“ unterwegs. Aufgrund der Coronakrise dauert ihr Urlaub 42 anstatt 25 Tage.

Geesthacht. Sie lieben Kreuzfahrten, und diese sollte ein ganz persönliches Highlight werden: Die Geesthachter Hans-Peter und Christel Schmidt hatten beim Kreuzfahrt-Spezialisten Phönix­reisen eine 25-tägige Süd­amerikatour an der Bord der MS „Amera“ gebucht. Das Schiff ist Fernsehzuschauern auch durch die ARD-Serie­ „Verrückt nach Meer“ bekannt.

Der Törn startete am 24. Februar im argentinischen Buenos Aires, führte über die Hauptstadt Uruguays, Montevideo, nach Rio de Janeiro und Salvador Bahia in Brasilien den Amazonas hinauf bis nach Manaus. Eigentlich sollte das Ehepaar schon längst wieder zurück sein, doch aufgrund der Coronakrise ist ihr Schiff derzeit vor der französischen Küste unterwegs. Weil der geplante­ Rückflug ausfiel, kamen­ das Paar und die übrigen 600 Passagiere noch in den Genuss einer Atlantik-Passage.

Passage über den Atlantik statt Rückflug

„Das Schönste an einer Kreuzfahrt ist, dass man unterschiedliche Häfen ansteuert und dabei so unendlich viel zu sehen bekommt“, schreibt das Ehepaar per E-Mail­. Bis Brasilien stimmte diese Einschätzung auch noch. Dann spitzte sich die Coronakrise weltweit zu. „Wir bekamen mit, dass einige Kreuzfahrtschiffe nicht mehr in Häfen in Südamerika einlaufen durften“, berichtet das Paar. Die MS „Amera“ hatte allerdings­ Glück, denn das Passagierschiff war bereits länger in brasilianischen Gewässern unterwegs und galt für die Behörden zunächst als „virusfrei“. Die geplante Route­ konnte im Vergleich zu anderen Kreuzfahrern (siehe Infokasten) fortgesetzt werden. Obwohl die beiden 65-Jährigen­ ihren Urlaub weitestgehend genossen, hielten sie sich dennoch auf dem Laufenden, was die Coronapandemie betrifft. „Die meisten Passagiere sind aus Deutschland. Wir informieren uns hauptsächlich über die Tagesschau.“

Am Abend des 17. März, also drei Tage vor dem geplanten Urlaubsende, kam dann doch eine Planänderung seitens der Reederei. „Kapitän Elmar Mühlebach und der Kreuzfahrtdirektor Christoph Schädel informierten die Passagiere darüber, dass die ab Manaus geplanten Rückflüge wahrscheinlich gecancelt werden“, so Hans-Peter Schmidt. Und tatsächlich: Als das Schiff einen Tag später vor Manaus festmachte, hieß es „lock down“. Das Kreuzfahrtschiff wurde von der Land- und Wasserseite von Sicherheitskräften abgeriegelt. Wegen der verschärften Einreisebedingungen durfte niemand das Kreuzfahrtschiff verlassen.

Bordpartys statt Kontakt-Einschränkungen

In Belem wurde das Schiff schließlich mit Diesel aufgetankt und die Ladeluken mit Lebensmitteln gefüllt. Der Grund: Man wolle nun mit dem Schiff über den Atlantik nach Deutschland fahren, informierte Kapitän Elmar Mühlebach die 600 Passagiere und rund 400-köpfige Crew. „Für uns war diese Entscheidung nicht so schlimm. Die Stimmung ist bei allen Gästen nach wie vor entspannt. Schließlich ist auch keiner auf dem Schiff an Corona erkrankt. Zum Glück“, schreibt das Geesthachter Ehepaar: „Wenn alles gut läuft, sind wir am Montag wieder in Geesthacht. Also fast 14 Tage später als geplant.“ Trotz dieser ungewollten Urlaubsverlängerung fühlt sich das Ehepaar rundum wohl. Es schreibt: „Es wurde bisher immer sehr umsichtig gehandelt. So hat der Bordarzt etwa in Brasilien noch Medikamente besorgt, die den Passagieren aufgrund der Verlängerung fehlten.“

Und wie lebt es sich auf einem 205 Meter langen und 29 Meter breiten Kreuzfahrtschiff, während Zuhause das Leben still steht? Darin sind sich Hans-Peter und Christel Schmidt einig: „Es geht recht fröhlich zu. Trotz der Coronakrise versuchen wir, uns aktuell nicht die Laune zu verderben. Das geht aber auch nur, weil es glücklicherweise keine Corona-Verdachtsfälle an Bord gibt.“ Die Passagiere können sich wie gewohnt auf neun Decks vergnügen. „Der Kapitän spendierte uns allen für die Fahrt über den großen Teich sogar freies WLAN.“

Schmidt ist Mitglied bei der Niederdeutschen Volksbühne

Und während auf dem Festland das kulturelle Leben eingefroren ist, ist an Bord noch alles machbar: Kartenspiele, Dart-Turniere, Bingo, Gesangsnachmittage zum Mitmachen oder Kino. Wer es sportlich mag, kann Aerobic machen, schwimmen oder im Fitnessstudio trainieren. Auch die Shows und Tanzveranstaltungen gehen weiter.

„Die gesamte Crew hätte eigentlich schon seit 14 Tagen Urlaub. Wir Passagiere haben uns zusammengesetzt und beschlossen, dass deshalb nicht mehr so viel Aufwand betrieben werden soll. Statt einem Büfett gibt es jetzt nur noch eine kleine Auswahl an Gerichten “, berichtet Schmidt, der viele Jahre eine Sanitärfirma in Geesthacht führte und sein handwerkliches Geschick mittlerweile als Bühnenbauer bei der Niederdeutschen Volksbühne einbringt.

Auch Christel Schmidt jucken bei dem vielen Nichtstun auf dem Schiff so langsam die Finger. Am liebsten würde die Geesthachterin in der Bord­küche helfen. „Das geht aus versicherungstechnischen Gründen aber nicht“, sagt sie.

Rückkehr am Sonntagabend nach Bremerhaven

Wenn die MS „Amera“ am Sonntagabend in Bremerhaven festmachen wird, geht es von dort aus mit einem Bus weiter nach Hamburg und mit dem Taxi zurück nach Geesthacht. Dann muss sich das Ehepaar erst einmal an die geltenden­ Coronaregeln gewöhnen: „Natürlich machen wir uns Sorgen“, so die Schmidts: „Als Christoph Columbus 1492 lossegelte, wusste er nicht, was ihn in einer neuen Welt erwartet. Genauso wenig wissen wir es jetzt mit der alten Welt. Unser Wunsch ist, dass alles wieder so wird, wie es war.“

Odyssee der Kreuzfahrtschiffe: Für die bisher boomende Kreuzfahrtbranche bedeutet die Coronakrise einen tiefen Einschnitt: Häfen verweigern das Anlegen, Rückflüge sind oft wegen vor Ort erlassener Reisebeschränkungen kaum möglich. Schiffe wurden wegen Coronafällen an Bord unter Quarantäne gestellt wie die „Diamond Princess“, die zwei Wochen im japanischen Yokohama lag: Wurde zunächst nur einer von 3700 Passagieren und Crewmitgliedern positiv auf das Virus getestet, waren es am Ende 619. Laut Reisejournalist Franz Neumeier (www.cruisetricks.de) liegen mittlerweile die meisten der weltweit etwa 400 Kreuzfahrtschiffe in oder in der Nähe von Häfen. Etwa 15 Schiffe sind noch unterwegs: Abenteuerlich gestaltete sich die Heimreise von „Vasco da Gama“ und „Columbus“: Weil Thailand das Anlegen verweigerte wechselten 239 Passagiere auf hoher See die Schiffe. Während die „Vasco da Gama“ mit australischen und neuseeländische Gästen bereits in Fremantle angelegt hat, wird die vorwiegend mit Briten belegte „Columbus“ am 13. April im britischen Tilbury zurück erwartet. Tipp: Unter www.marinetraf fic.com lassen sich alle Schiffsbewegungen beobachten.