Wegen Corona

Physio- und Ergotherapie jetzt per Video möglich

Viele Physiotherapiepraxen haben derzeit noch geöffnet, doch die Patienten bleiben aus (Symbolfoto).

Viele Physiotherapiepraxen haben derzeit noch geöffnet, doch die Patienten bleiben aus (Symbolfoto).

Foto: Getty Images/iStock

Physio- und Ergotherapeuten sowie Logopäden sind verzweifelt. Viele Patienten sagen Termine ab. Praxen bieten Alternativmethoden an.

Geesthacht. Nicht nur Gastronomen, Friseure oder Buchhändler befinden sich in einer echten Existenzkrise. Auch Physio- und Ergotherapeuten sowie Logopäden und Podologen sind verzweifelt. Der Grund: Immer mehr Patienten sagen ihre Behandlungstermine ab. Sie haben Angst, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. Oder aber sie glauben, dass die Praxen aufgrund des Kontaktverbots geschlossen sind. Ein Irrglaube – wie zwei Praxisbetreiber unserer Zeitung nun bestätigen.

Carmen Mucha, die in Geesthacht und Schwarzenbek gemeinsam mit ihrem Mann
Johann drei Paxen betreibt, macht sich derzeit große Sorgen um die Zukunft. Sie sagt: „Für diesen und nächsten Monat ist die Finanzierung noch gesichert. Danach wird es schwierig.“ Für ihre 28 Mitarbeiter habe sie bereits Kurzarbeitergeld beantragt. Sie wolle das Gehalt aber noch etwas aufstocken. Dieser Schritt wäre nur bedingt notwendig, wenn die Patienten nicht ausblieben oder von der Politik für Heilmittelerbringer ebenfalls Soforthilfen in Aussicht gestellt werden würden, sagt sie.

Mucha denkt über Telefon- und Videotherapie nach

Wie Carmen Mucha haben viele Physiotherapie- oder Ergotherapiepraxen also derzeit geöffnet. Warum? „Weil wir es als unsere Pflicht ansehen, für unsere Patienten zu sorgen“, sagt sie. Zudem sind Heilmittelerbringer systemrelevant. Das heißt: Sie gehören ausdrücklich zum Kern der Gesundheitsversorgung wie Krankenhäuser, Ärzte und Apotheker. Sie dürfen und müssen – soweit möglich – weiterhin Patienten behandeln.

Für die Behandlung von Patienten in Corona-Zeiten, haben sich die Mitarbeiter vom Therapiezentrum Mucha Alternativen überlegt. „Wir haben über die Idee von Telefon- und Videotherapien nachgedacht. Der Vorschlag kam von den Krankenkassen“, so Carmen Mucha. Das könne beispielsweise bei der Ergotherapie und der Logopädie umgesetzt werden. Im ersten Fall brauche der Patient nur einen Telefonanschluss. „Im zweiten Fall wird ein Internetzugang per Smartphone, Tablet, Laptop oder PC mit Webcam und Mikrofon vorausgesetzt. Wir senden dann per SMS oder E-Mail einen Zugangscode, mit dem man sich zum vereinbarten Termin mit der App Sprechstunde.online einwählen kann“, erklärt die Therapeutin.

Patientenrückgang von mehr als 50 Prozent

Auch Andreas Cordes, Geschäftsführer und leitender Physiotherapeut von Physio Aktiv in Geesthacht, kennt diese Alternativen. Allerdings steht er diesen eher skeptisch gegenüber. „All das auf die Schnelle umzusetzen ist eine Illusion.“ Viele Patienten, die
zur Risikogruppe gehörten seien schon älter und hätten nicht das technische Know-how, um eine Videotherapiestunde zu absolvieren. Außerdem sei dies bei einer Krankengymnastik nur bedingt möglich.

Auch Andreas Cordes hat einen Rückgang von mehr als 50 Prozent seiner Patienten zu verbuchen. „Mit zunehmende Tendenz“, betont er. Es sei
beängstigend, wenn alles so plötzlich wegbreche. Auch seine 19 Mitarbeiter werden ab April in die Kurzarbeit gehen müssen.

Verband fordert finanzielle Soforthilfen für Therapeuten

Die Heilmittelerbringer Carmen Mucha und Andreas Cordes hoffen auf eine baldige finanzielle Unterstützung. Die Vorsitzende des Spitzenverbands der Heilmittelverbände (SHV), Ute Repschläger, sagt dazu: „Es muss einen weiteren Rettungsschirm für uns Therapeuten geben.“ Der Verband fordert finanzielle Soforthilfen der Krankenversicherer in Form von Ausgleichszahlungen. „Wenn wir keine Leistung erbringen können, entstehen den Krankenkassen keine Kosten. Ganz im Gegenteil: Sie profitieren finanziell von dieser Situation.“

Die Kosten für Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Podologie seien bereits im Haushaltsplan der Krankenkassen eingeplant. „Es bringt sie also nicht in finanzielle Schwierigkeiten, den Heilmittelerbringern eine Soforthilfe auszuzahlen, um deren Umsatzeinbußen auszugleichen“, so Ute Repschläger.