Niederlassungen

So kann Geesthacht für neue Ärzte attraktiver werden

Ein niedergelassener Arzt will einer Patientin Blut abnehmen.

Ein niedergelassener Arzt will einer Patientin Blut abnehmen.

Foto: DAK Gesundheit

Erlaubte Stellen bedeuten noch keine Ärzte, meint die KVSH-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Monika Schliffke. Sie nennt wichtige Standortfaktoren

Geesthacht. Die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) sieht Bedarf für mehr niedergelassene Ärzte in der Region. 100 Niederlassungserlaubnisse vor allem für Hausärzte, Psychotherapeuten und Nervenärzte wurden für ganz Schleswig-Holstein erteilt. Der größte Posten davon entfällt mit der Hälfte der Stellen auf Hausärzte, 12,5 davon gehen nach Geesthacht. Hinzu kommen 1,5 Stellen für einen Kinderarzt für den Kreis Herzogtum-Lauenburg und 1,5 Stellen für einen Neurologen beziehungsweise Psychiater.

12,5 Stellen für Hausärzte gehen nach Geesthacht

„Wenn wir derartig viele Niederlassungserlaubnisse bekommen, dann klemmt es doch offensichtlich aktuell erheblich“, meint Kathrin Bockey (SPD). Die Sozialausschussvorsitzende fragte sich, wie diese Schieflage entstanden ist und ob die Stadt Geesthacht etwas tun kann, um die Situation zu verbessern. Bockey bat die KVSH-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Monika Schliffke, selbst Fachärztin für Allgemeinmedizin, für einen Bericht über die Hintergründe und zur Ärztesituation zur Ausschusssitzung.

„Eine gute ärztliche Versorgung muss ein Kernanliegen einer Kommune sein. Dass wir als attraktive Stadt mit einer hervorragenden Infrastruktur hier Probleme haben, Hausärzte zu gewinnen, ist nicht gut“, meinte Bockey. Und die Zeit läuft. Denn das Durchschnittsalter der aktiven Ärzte in Geesthacht ist hoch.

Der Frauenanteil unter jungen Ärzten liegt bei 70 Prozent

Ob Geesthacht aber aus der Sicht von jungen Medizinern so anziehend ist? Dr. Schliffke führte im Referat aus, welche Kriterien Nachwuchsärzten bei der Standortwahl wirklich wichtig sind. „Denn Stellen schaffen noch keine Ärzte“, meinte sie.

Demnach liege der Frauenanteil unter jungen Ärzten mittlerweile bei 70 Prozent. Und bei denen seien eher Angestelltenverhältnisse gefragt. „Die junge Hausarztgeneration möchte nicht mit Schulden in den Beruf starten“, sagt sie. Bis Ärzte sich niederlassen können, dauere es je nach finanziellem Hintergrund zehn bis 15 Jahre, im Schnitt seien sie dann 43 Jahre alt. Das führe zum nächsten Problem, so Dr. Schliffke. Denn dafür benötige man am Standort ausreichend Arbeitgeber. Außerdem ist Teilzeitarbeit stark nachgefragt. Dies aber bedeute mehr Köpfe, mehr Köpfe bedeuten mehr Raum. Und mehr Raum sei gerade bei Praxenübergaben nicht vorhanden, denn viele dieser Praxen sind überaltert und zu klein, berichtete Dr. Schliffke.

Die KVSH zahlt Investitionsbeihilfen

Die KVSH sucht deshalb Gespräche mit Investoren und Kommunen zur Bereitstellung moderner, bezahlbarer Räume, die groß genug sind für Teams von drei bis fünf Ärzten sowie Personal. Gezahlt werden Investitionsbeihilfen von bis zu 50.000 Euro pro Arzt für eine moderne Praxisausstattung. Auch kleinere Kommunen ließen sich etwas einfallen. So gäbe es Gemeinden, die geeignete Immobilien ankaufen würden zur Vermietung von Praxisräumen.

„Und auch gute Kitas und Schulen sind mitentscheidend für die Standortwahl“, weiß die KVSH-Vorstandsvorsitzende. Zudem ist der Nahverkehr, vor allem mit der Bahn, eine ganz wichtige Komponente. „Er wird immer wieder erfragt, um nach Geesthacht zu kommen.“

Hinzu kommen weitere Wünsche wie gute Jobmöglichkeiten für den Partner, günstige Immobilienpreise, Freizeit- und Einkaufsmöglichkeiten und die Breitbandversorgung.

Offensiver um Ärzte werben

„Diese Kenntnisse hätten wir nicht gehabt, wenn Dr. Schliffke nicht eingeladen worden wäre“, meinte Kathrin Bockey als Resümee. „Wir müssen offensiver um Ärzte werben und uns überlegen, welche Fördermaßnahmen wir unternehmen“, fordert sie. Eine erste, schnelle Idee hat sie schon für die Stadt: Unbedingt die Möglichkeit zur Präsentation auf der KV-Webseite nutzen. Und einen von der KVSH empfohlenen dauerhaften Ansprechpartner zu ernennen, etwa aus dem Bereich der Wirtschaftsförderung.

Den Hintergrund für die neuen 100 Niederlassungserlaubnisse bildet das starke Bevölkerungswachstum in der Metropolregion Hamburg seit 2017. Deutschland ist in Versorgungsregionen aufgeteilt. Verhältniszahlen bestimmen dabei, wie viele Einwohner von wie vielen Ärzten zu versorgen sind. Diese Versorgungsregionen hat die KVSH unter dem Eindruck des veränderten Bedarfs neu organisiert.

Auskunft, Vermittlung von Arztterminen und Hilfe bei akuten Fällen gibt es unter 116117, der Nummer des Patientenservice. Diese Nummer gibt es auch als App fürs Handy bei Google und Apple.