Geesthacht

Wilde Flucht bis ins fremde Schlafzimmer

Hier unter dem Schlafzimmerfenster lag er: Abdurrahim A. zeigt die Stelle, wo sich der Eindringling in der Dunkelheit versteckt gehalten hat.

Hier unter dem Schlafzimmerfenster lag er: Abdurrahim A. zeigt die Stelle, wo sich der Eindringling in der Dunkelheit versteckt gehalten hat.

Foto: Dirk Palapies

Frühmorgens steigt bei Familie A. ein Fremder durch das Kippfenster ein. Er erzählt der Polizei eine seltsame Geschichte

Geesthacht. Es ist 4.30 Uhr am Sonnabendmorgen, als die Tochter von Abdurrahim A. erwacht. Vor der Tür in ihrem Schlafzimmer erkennt die 26-Jährige im fahlen Licht eine schemenhafte Gestalt. „Das ist doch nicht Papa“, denkt sie und greift zum Handy auf dem Nachttisch. Die junge Frau leuchtet mit der Taschenlampenfunktion den Fremden an. Der nimmt zum Glück die Beine in die Hand, rennt zur Wohnungstür und sprintet aus dem ersten Stock die Treppe hinunter, um in der Fußgängerzone der Bergedorfer Straße zu verschwinden.

Der Familienvater sucht im Handyschein den Balkon ab

Dieses Fluchtszenario vermutet jedenfalls Abdurrahim A. Denn gesehen hat er den Vorgang nicht. Der Vater wird erst durch Rufe und Getrampel im Flur auf den Tumult aufmerksam. Im Abstellraum ist ein Fenster zum Hochbalkon ausgehebelt, auf dem Sims sind Matschspuren zu erkennen.

Ob da noch mehr Einbrecher sind? Notdürftig bekleidet sucht der 55-Jährige in der Kälte den großen Dachbalkon ab. Er scheint menschenleer zu sein. Den Mann, der dort im tiefen Schatten unter dem Schlafzimmerfenster liegt, sieht er nicht im schwachen Schein seines Handylichtes. Den entdecken erst die alarmierten Polizeibeamten und nehmen ihn mit zur Wache. Klarer Fall, ein Einbrecher, denkt Abdurrahim A.

Für die Polizei ist es nur ein Hausfriedensbruch

Aber als so klar stellt sich der Fall nun doch nicht heraus. Ermittelt wird nur wegen Hausfriedensbruchs, teilt ein Polizeisprecher mit. Sofern der Mann strafrechtlich ein unbeschriebenes Blatt sei, könne er womöglich mit einer Einstellung des Verfahrens rechnen.

Ausgangspunkt der seltsamen Aktion war wohl das Besäufnis einer Gruppe von jungen Männern in einer Kneipe in der Geesthachter Innenstadt. Der Promilleexzess überforderte offenbar einen von ihnen. Ein 28-Jähriger bekam Verfolgungswahn, hatte pure Angst ums eigene Leben.

Der auf der Terrasse aufgefundene Geesthachter teilte der Polizei mit, sich von einer Gruppe von Südländern bedroht gefühlt zu haben. Sich in Lebensgefahr wähnend, sei er in Panik in einen Innenhof geflüchtet und schließlich über eine Mülltonne auf das Dach. Er habe dann gedacht, in einen Schuppen einzusteigen. Der Alkoholtest ergab 1,5 Promille.

Der Eindringling gibt an, Angst um sein Leben gehabt zu haben

Die Polizei findet die Angaben glaubwürdig. Der Mann habe einen Filmriss gehabt und sei über sein Verhalten aufrichtig zerknirscht gewesen. Die Beamten gehen davon aus, dass nur der aufgefundene Geesthachter in die Wohnung ein- und dann auch wieder ausstieg.

Für Abdurrahim A. ist die Geschichte „eine Ausrede“, für ihn handelt es sich um einen Einbruch. Er will sich jetzt beraten lassen, um die Wohnung sicherer zu machen. Damit nicht demnächst der nächste „Angsthase“ im Schlafzimmer steht.