Expertenrat

Geesthacht: Hilfe für Kinder psychisch kranker Eltern

Helfen Kindern in Familien mit psychisch kranken Eltern: Michael Iburg, Sandy Hertel, Meike Franck, Antje Hawich, Cornelia Roth, Martina Koos und Dr. Ursula Schild vor dem KTS (v.l).

Helfen Kindern in Familien mit psychisch kranken Eltern: Michael Iburg, Sandy Hertel, Meike Franck, Antje Hawich, Cornelia Roth, Martina Koos und Dr. Ursula Schild vor dem KTS (v.l).

Foto: Eileen Meinke

In Deutschland leben anderthalb Millionen Kinder in Haushalten mit psychisch kranken Eltern. Eine Veranstaltung im KTS zeigt, wo es Hilfe gibt

Geesthacht . „Wir sind hier“, rufen die Kinder aus Anne Rothenburgs gleichnamigem Film den 218 Kinobesuchern des Kleinen Theater Schillerstraße zu. Die Kinder aus dem Film haben psychisch kranke Eltern und wollen das Thema und in die Öffentlichkeit bringen und gehört werden. Und das werden sie. Viele sind an diesem Abend gekommen, um an einer Veranstaltung teilzunehmen, die über psychisch kranke Eltern und die Auswirkungen auf Kinder informieren und aufklären will.

Die Problematik gilt als Tabuthema

Organisator ist der Geesthachter Verein „Vergissmeinnicht e.V“ mit Unterstützung des Evangelischen Familienzentrums und des Familienzentrums Kita Regenbogen. „Wir wollen aufklären und helfen“, sagt Cornelia Roth, die zweite Vorsitzende. Die Problematik gelte als Tabuthema, auch deshalb sei es so wichtig, auf die Not der Kinder aufmerksam zu machen. Allein in Deutschland seien anderthalb Millionen Kinder betroffen.

Dr. Ursula Schild hält einen Vortrag unter dem Motto „Und es bleiben Lücken – Veränderungen im familiären System durch psychische Erkrankung“. Schild ist Oberärztin in der Klinik für Kinder und Jugendpsychiatrie in Lüneburg und arbeitet schon viele Jahre mit dem Verein zusammen. Je nach Erkrankung des Elternteils können sich die Auswirkungen auf das Kind unterscheiden. So sei das Fürsorgeverhalten von Eltern mit Depressionen durch Antriebs- und Motivationsstörungen beeinträchtigt. Um dies darzustellen, liest sie eine Passage aus dem Buch „Eichhörnchenzeit“ von Brigitte Minne vor: „Eichhörnchen halten Winterschlaf und Mama auch“, stellt die Erzählerin, ein junges Mädchen, fest. „Die Kinder merken also, dass etwas nicht stimmt“, sagt Dr. Schild. Oftmals wüssten sie nur nicht, wie sie damit umgehen sollen.

Wenn die Mama „Winterschlaf“ hält

Jedes Kind habe ein Bedürfnis nach Bindung, Kontrolle und Orientierung, Selbstwert und Lustgewinn. Diese Grundbedürfnisse könnten durch Depressionen, Schizophrenie, Suchterkrankungen oder Traumata oft nicht erfüllt werden. „Dann kann es passieren, dass etwas im Inneren des Kindes in Schieflage gerät“, so Dr. Schild. Häufig zeige sich dies dadurch, dass sich das Kind verstärkt auf eines dieser Bedürfnisse konzentriert, da ein anderes fehlt. Kinder könnten etwa ein hohes Kontrollbedürfnis oder Verlangen nach Anerkennung entwickeln. Neben einer Therapie könne es für das Kind sehr hilfreich sein, sich in der Schule oder auch bei Freunden bewusst Zeit für sich zu nehmen. „Genau deshalb ist auch die Arbeit des Vereins ,Vergissmeinnicht’ so wichtig“, meint Dr. Schild. „Um weiter helfen zu können, brauchen wir aber noch Unterstützung“, sagt Cornelia Roth. Sowohl durch Mitarbeiter als auch finanziell: „Wir bekommen leider sehr unregelmäßig Spenden, und wissen oft nicht, wie es im nächsten Jahr weitergeht.“

Einfach mal wieder Kind sein

Aktuell organisiert der Verein jeden Montag von 16.30 bis 18 Uhr eine Spielgruppe, in der Kinder zusammenkommen, „um einfach mal wieder Kind sein zu dürfen“, so Roth. Betreut werden 17 Kinder zwischen vier und 14 Jahren. Gefordert werden mehr Therapieplätze und Unterstützung. „Das Angebot ist zurzeit noch zu rar“, sagt Sandy Hertel vom Familienzentrum Regenbogen. Außerdem wünsche sie sich systemorientierte Lösungen. „Ärzte, die psychisch kranke Menschen betreuen, fragen häufig nicht nach, ob auch Kinder involviert sind“, stellt Martina Koos (Leiterin des Familienzentrums Kita Regenbogen) fest.

Informationen: vergiss meinnicht-ev.de oder bei Cornelia Roth. Unterstützer können hier spenden: Verein Vergissmeinnicht e.V., Hamburger Volksbank, IBAN DE38 2019 0003 0011 4232 00