Städtetouren

Geesthachter ist Star im Nachtwächter-Business

Er bläst auf dem Horn, um die Stunde anzusagen: Ingo Vierk vor der Deichstraße 27 in Hamburgs Altstadt. Vor dem Speichergebäude von 1780 startet er viele Touren

Er bläst auf dem Horn, um die Stunde anzusagen: Ingo Vierk vor der Deichstraße 27 in Hamburgs Altstadt. Vor dem Speichergebäude von 1780 startet er viele Touren

Foto: privat

Ingo Vierk führt seit fünf Jahren Besucher durch Hamburgs Alt-, Neu- und Speicherstadt. Wir stellen den 63-jährigen Gewürz-Experten vor.

Geesthacht/Hamburg. Wer in den Abendstunden rund um den Hamburger Michel spazieren geht, kann ihnen kaum entkommen: den Nachtwächtern. In unterschiedlichsten Verkleidungen führen sie Touristen und Alteingesessene durch die Stadt – und der heimliche Star dieser Spezies ist ein Geesthachter. Ingo Vierk ist „Soaven Paul“ und führt seine Gäste mit Signalhorn, Hellebarde und natürlich Laterne durch die Alt- und Neustadt.

Großes Hallo mit anderen Nachtwächtern

Startpunkt der Touren ist die Deichstraße 27. Das Haus wurde 1780 gebaut und gilt als das älteste Hamburger Speichergebäude. In unmittelbarer Nähe war 1842 der Große Brand ausgebrochen, der große Teile der Altstadt zerstörte, von der heute nur noch Reste übrig sind. „An der Deichstraße gibt es oft ein großes Hallo, wenn mehrere Nachtwächter aufeinandertreffen. Das ist für die Gäste immer ein Highlight“, sagt Vierk. Er wurde in Rothenburgsort geboren und darf sich sich als waschechter „Hamburger Jung“ bezeichnen – ein Titel, den nach einem ungeschriebenen Gesetz in Hamburg nur der tragen darf, dessen Familie seit mindestens drei Generationen in der Hansestadt lebt.

In der Speicherstadt fühlt sich der 63-jährige Vierk am wohlsten, und er ist ein Kenner der längst vergangenen Zeiten, als in den Speichern noch säckeweise Kaffee, Pfeffer und sonstige Gewürze eingelagert wurden, was sich in Zeiten der Containerschifffahrt überholt hat. „In der Speicherstadt herrschte früher ein unheimlich rauer Ton, aber da galt noch der Handschlag, und ein Wort war ein Wort. Es war die schönste Zeit meines Berufslebens“, erinnert sich Ingo Vierk.

Er arbeitete noch zusammen mit dem Worlée-Patriarchen

Gemeint ist die Zeit, als er noch mit Albrecht von Eben-Worlée in den Speichern die Gewürz-Lieferungen prüfte. Inzwischen ist der Patriarch über 95, dessen Unternehmen Standorte in Hamburg, Lübeck und Lauenburg hat und das weltweit sein Geld mit chemischen, kosmetischen und natürlichen Rohstoffen verdient. Und seit fast 20 Jahren hat sich auch die Rohstoff-Suche in der Speicherstadt überholt. Heute begutachtet Vierk in der Qualitätskontrolle in den Worlée-Lagern in Billbrook die Container mit Gewürzen. Der Zauber der Speicherstadt ist verflogen.

Umso lieber zieht sich Vierk schon seit fünf Jahren um. Mal als Gewürzhändler Jacob Lange, der in Mantel und Zylinder den Gästen seine alte Wirkungsstätte zeigt – oder eben als „Soaven Paul“ mit Dreispitz auf dem Kopf.

Nur die Henker und Totengräber waren schlechter angesehen

„Ich mache meine Touren wirklich aus Passion“, sagt der Geesthachter, der dabei gut zu tun hat. Bis Ende des Jahres sind die Nachtwächter-Touren, die nicht öffentlich sind, sondern nur von Gruppen gebucht werden können, schon ausgebucht. „Ich bin etwa vier- bis fünfmal die Woche unterwegs, mal mit Firmen, mal mit Privatleuten“, sagt der 63-Jährige. Zu erzählen hat er ihnen viele Anekdoten: „Die Nachtwächter waren ein versoffenes Völkchen und durften die Kneipen nur durch die Hintertür besuchen. Sie kamen bei den Berufen in Hamburg an dritter Stelle – aber nicht von oben, sondern von unten.“ Nur die Henker und Totengräber seien schlechter angesehen gewesen.

So erinnert der Geesthachter die Hamburg-Besucher an längst vergangene Zeiten, als die Menschen keine Armbanduhren und Smartphones hatten, auf denen sie die Zeit ablesen konnten. Sich selbst versetzt er in eine andere Zeit und genießt auch den Schnack mit seinen Kollegen, die teils professionelle Schauspieler sind. „Das sind alles sehr nette Jungs“, sagt er.

Wer sich für eine Tour mit dem Geesthachter und Hamburger Original interessiert, findet Infos auf www.speicherstadt-nachtwaechter.de.