Schafrettung

Für „Ede“ schlief ihr Ehemann auf dem Sofa

Conny Burmester-Kühl mit dem Kamerun-Schafbock „Ede“.

Conny Burmester-Kühl mit dem Kamerun-Schafbock „Ede“.

Foto: Denise Ariaane Funke

Eine Geesthachterin zieht einen Kamerun-Schafbock per Hand auf. Seine Mutter kümmerte sich lieber um die Zwillingsschwester.

Geesthacht. Um ein Haar wäre es um den kleinen Ede geschehen. Als Fellbündel lag das Lamm vermutlich einige Stunden mutterseelenallein auf einer Wiese. Durch einen Zufall wurde ein Stallhelfer auf das Tier aufmerksam. Bevor der kleine Schafbock geboren wurde, brachte seine Mutter sein Zwillingsschwesterchen auf die Welt. Da Schafe Gewohnheitstiere sind, machte sich das Muttertier mit Edes Zwillingsschwester im Schlepptau auf, um pünktlich am Futtertrog zu stehen. Der kleine Ede blieb einfach zurück.

„Er war sehr schwach und ist wohl nicht schnell genug auf die Beine gekommen“, vermutet seine Besitzerin Conny Burmester-Kühl. Ihre Versuche, die Tierfamilie wieder zu vereinen, scheiterten. Dass Ede inzwischen zu einem fröhlichen 14 Kilo schweren Böckchen herangewachsen ist, hat er der Engelsgeduld seiner Ersatzmutter zu verdanken. Die nahm das unterkühlte, dehydrierte und nur zwei Kilo leichte Jungtier nämlich kurzerhand mit nach Hause und kümmerte sich.

Alle 20 bis 30 Minuten gab es die Flasche

Edes Leben hing am seidenen Faden. „Da ihm die Biestmilch fehlte, also die erste Muttermilch, bekam er noch eine Lungenentzündung. Zum Glück gab es noch einige andere Mutterschafe, die habe ich dann kurzerhand gemolken, später habe ich ihn mit Aufzuchtmilch gefüttert“, berichtet die Tierliebhaberin, die Ede fünf Monate lang das Fläschchen gab. „Im Internet ist zwar zu lesen, dass man frischgeborenen Lämmchen alle ein bis zwei Stunden Milch geben soll. Das ist so aber nicht richtig. Ich habe bei meinen Schafen beobachtet, dass sie anfangs alle 20 bis 30 Minuten säugen“, berichtet die Geesthachterin, die das pelzige Findelkind dementsprechend fütterte.

Darüber hinaus musste das schwächliche Fellbündel warmgehalten werden, deshalb durfte Ede die ersten drei Nächte seines Lebens im Bett von Conny Burmester-Kühl schlafen. Ehemann Rolf Burmester nahm es gelassen und bezog derweil auf dem Sofa sein Schlafquartier. „Danach schlief Ede in einer Hundetransportbox neben unserem Bett, schließlich musste er regelmäßig sein Fläschchen bekommen. Sobald ich nachts
das Schlafzimmer verließ, blökte er das ganze Haus zusammen“, erzählt Conny Burmester-Kühl und schmunzelt.

Einen Monat lang tippelte Ede frisch gewindelt durch das Haus, fuhr mit zum Einkaufen, ging mit Hündin Stella auf ihren Gassirunden und begleitete seine Ziehmutter, wenn diese Unterricht in ihrem Pferdestall gab. Das mühevolle Aufpäppeln hat dem Kamerunschaf gutgetan. Einen Monat später konnte er bereits nachts über bei den anderen Schafen stehen. „Um 23 Uhr bekam er sein letztes Fläschchen und um sechs Uhr die erste Milch. Ich bin dafür dann immer in den Stall gefahren“, berichtet Conny Burmester-Kühl.

Mittlerweile tollt Ede nicht nur zwischen 20 anderen Kamerunschafen umher, sondern besucht auch die Pferde und Hühner, die ebenfalls auf dem Gelände der Familie Burmester in der Hans-Meyer-Siedlung leben.

Ede wird zum Star bei Besuchern und Reitschülern

„Handaufzuchten haben einen schlechten Ruf. Es heißt, dass sie leicht bösartig werden und alles ,wegboxen’ was ihnen in die Quere kommt“, sagt Conny Burmester-Kühl. Sie wollte liebe auf Nummer sicher gehen und ließ Ede kastrieren.

Der Lammbock ist inzwischen zum Star der Anlage geworden. Wenn die Reitschüler zu Conny Burmester-Kühl kommen, erkundigen sie sich meistens zuallererst nach Ede, ebenso diejenigen, die ihn von seinen vielen Ausflügen kennen. „Eines ist sicher: Auch wenn hier mal das eine oder andere Kamerunschaf aus der Herde geschlachtet wird, Ede kommt uns nicht auf den Teller“, sagt seine Ersatzmama und drückt den kleinen Bock liebevoll an sich.

Ein Schaf ohne Wolle

Kamerunschafe stammen, wie der Name schon erahnen lässt, aus dem afrikanischen Staat Kamerun. Anders als die meisten Schafrassen haben sie ein Haarkleid ohne Wollbildung und müssen nicht geschoren werden. Die anspruchslose und widerstandsfähige Rasse wird ausschließlich zur Fleischgewinnung gezüchtet.