Spritpreise

Seltsame Preis-Explosion an Geesthachts Tankstellen

Gähnende Leere bei Aral an der Hansastraße und den anderen Tankstellen in Geesthacht am Sonntag.

Gähnende Leere bei Aral an der Hansastraße und den anderen Tankstellen in Geesthacht am Sonntag.

Foto: Timo Jann

Geesthacht. 1,60 Euro für Diesel, 1,90 Euro für Super - Wahnsinnspreise an den Zapfsäulen in Geesthacht: Spielte ein Algorithmus verrück?

Geesthacht. Hat ein technischer Fehler die Preis-Explosion an Geesthachts Tankstellen ausgelöst? Am Sonntag war der Sprit in der Stadt 40 bis 50 Cent teurer als im Umland. Zeitweise war die Differenz noch größer. Auch am Montagvormittag gab es noch große Preisabweichungen. An den Zapfsäulen der Stationen herrschte gähnende Leere, viele Autofahrer wichen zum Tanken nach Lauenburg, Schwarzenbek oder Bergedorf aus.

„Das ist hier ja totale Abzocke“, ärgerte sich Uwe Rick, nachdem er am Sonntag 65 Liter Diesel (1,56 Euro je Liter) in seinen Audi getankt hatte. Er hätte in Schwarzenbek fast 30 Euro sparen können.

Tankstellenpächter können Preise nicht steuern

Was hinter den örtlichen Rekordpreisen von zeitweise mehr als 1,60 Euro für einen Liter Diesel und über 1,90 Euro für Super steckt – darüber wird gerätselt. „Das weiß kein Mensch“, räumte Thorsten Chors, Betreiber der Esso-Tankstelle an der Geesthachter Straße, am Montag ein. „Kunden sind verärgert, tanken weniger oder fahren woanders hin“, berichtete er.

Auf die Preistafel hat er selbst keinen Einfluss. „Das wird von der Zentrale gesteuert“, so Cohrs. Die Mitbewerber der Aral und der HEM nur wenige Meter entfernt hätten ihn schon angerufen und gefragt, was los sei. Alle rätseln, aber überall war es teuer.

Kundenansturm bei Classic in Schwarzenbek

„So etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagte Christina Kothen, die einen ordentlichen Kundenansturm auf ihre Classic-Tankstelle in Schwarzenbek erlebte. Bei ihr kostete Diesel 1,18 Euro, in Lauenburg bei Aral 1,15 Euro, ebenso in Büchen an der freien Tankstelle. An der Unitol-Tankstelle in Ratzeburg und in Reinbek waren es 1,19 Euro.

Sebastian Kaya stoppte nur zur Autowäsche an der Aral im Geesthachter Zentrum. „Das ist ja eine Frechheit, was die hier für Sprit verlangen“, sagte er. „Ich nutze eine Spar-App und fahre damit sehr gut, weil man die Preise vergleichen kann und weiß, wo es günstig ist“, sagte er. Nico Lindenberg biss in den sauren Apfel und tankte, allerdings nur 18 Liter für seinen Smart. „Das ist ziemlich heftig hier, aber ich muss natürlich gerade jetzt tanken“, ärgerte er sich.

Unmut bei der Wirtschaftlichen Vereinigung

Auch bei der Wirtschaftlichen Vereinigung Geesthacht (WVG) regt sich Unmut. Der Vorsitzende Jürgen Wirobski berichtet von Anfragen der Mitglieder ob er wisse, was da los sei. „Interessant wäre zu wissen, ob es da ein System gibt“, meinte Wirobski. Das System hinter den Preisen war bisher zumindest örtlich immer gut erkennbar: Die HEM in Geesthacht war grundsätzlich etwa günstiger als Esso und Aral, die Tankstellen in Schwarzenbek und Lauenburg waren meist noch einen Tick billiger.

„Wir äußern uns grundsätzlich nicht zu Preisen“, sagte Karoline Köster von der EG Group, die die rund 1000 Esso-Tankstellen in Deutschland betreibt, auf Anfrage. Möglich sei aber ein Defekt an einer Preistafel, auf den dann im Zuge der Anpassung der Preise automatisch durch die Mitbewerber reagiert wurde, meinte sie. Algorithmen prüfen ständig automatisch die Benzinpreise, sodass sich die Preistafeln eigentlich immer sehr ähnlich sind. Mögliche technisch bedingte Ausreißer könnten so Einfluss auf alle Preise in der Stadt haben.

Auch Marion Menken, Sprecherin des HEM-Betreibers Tamoil, hat keine Erklärung für die Preisausreißer in Geesthacht.

ADAC: Zeigt, wie anfällig unsere digitalisierte Welt ist

Auch der ADAC rätselt, was in Geesthacht los sein könnte. „Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas möglich wäre“, sagte ADAC-Hansa-Sprecher Christian Hieff auf Anfrage. Preisschwankungen zwischen Zapfsäulen an Hauptstraßen und denen in abgelegenen Gewerbegebieten etwa seien üblich, aber Ausschläge wie in Geesthacht nicht. Hieff: „Wenn es ein Defekt ausgelöst haben sollte, würde es zeigen, wie anfällig unsere digitalisierte Welt ist. Dann müsste doch bei den Konzernen aber jemand händisch eingreifen.“

Für einen Fehler in der Technik könnte sprechen, dass am Montagmittag die Preise wieder deutlich fielen. „Da ist wohl jemand aufgewacht, der auf einem Schalter geschlafen hatte“, unkte ein Autofahrer.