Distelfalter

Invasion: Auf die Schmetterlinge folgen die Raupen

Auch Klaus Tormählen ist erstaunt über die vielen Raupen in Börnsen. Weil sie eigentlich am liebsten Distelgewächse futtern, wird der „Vanessa cardu“ auch Distelfalter genannt 

Auch Klaus Tormählen ist erstaunt über die vielen Raupen in Börnsen. Weil sie eigentlich am liebsten Distelgewächse futtern, wird der „Vanessa cardu“ auch Distelfalter genannt 

Foto: Denise A. Funke

Börnsen. Erst freuten sich Börnsener über die schönen Schmetterlinge, die im Ort umherflatterten. Jetzt kämpfen viele mit einer Raupen-Invasion.

Börnsen.  Vor wenigen Wochen waren viele Börnsener noch entzückt: Große Schmetterlingsschwärme schwirrten im Gebiet rund um die Straße Am Sachsenwald durch die Luft. Doch wer in Biologie aufgepasst hat, hätte ahnen können, was Einwohner der Gemeinde nun aufschreckt: Wo es viele Schmetterlinge gibt, gibt es kurz darauf auch viele Raupen.

Friedliche Invasion

Denn die grazilen Falter legen Eier, aus denen die Larven schlüpfen. Und diese kleinen, mit Haaren und Dornen besetzten Gesellen besiedelten nun weite Flächen der Straße Am Sachsenwald, Hauswände und Grünstreifen der dortigen Seniorenresidenz.

„Im Mai hatten wir Tausende Schmetterlinge bei uns. Die waren so schön anzusehen. Die vielen Raupen sind aber ganz furchtbar. Ekelig“, berichtet Helga Dragon, die in dem Awo-Seniorenheim lebt.

Raupen kriechen bis in zweiten Stock

In ihre Wohnungen seien die Raupen, die mit ihren 16 Beinen erstaunlich schnell unterwegs sind, nicht vorgedrungen. „Aber auf der anderen Hausseite sind die Raupen bis in den zweiten Stock auf die Balkone und teilweise sogar in die Wohnungen gekommen“, berichtet sie.

Herangekrabbelt kamen die Tiere offenbar von einem nahe gelegenen Feld, das durch die Zusammensetzung seines Wildwuchses interessant für sie ist. Disteln haben es den Larven besonders angetan – ein Umstand, dem die Raupen und späteren Schmetterlinge auch ihren Namen „Distelraupe“ beziehungsweise „Distelfalter“ verdanken.

Grüner Bürgermeister staunt

„So eine große Anzahl von Raupen habe ich noch nie gesehen“, sagt Klaus Tormählen. Und dabei kennt sich Börnsens Bürgermeister mit Naturphänomenen aus.

Seit mehr als 35 Jahren ist der Grünen-Politiker Mitglied des BUND, angesichts der Millionen von Raupen, die sich ihren Weg in Börnsen bahnten, kommt er aus dem Staunen kaum heraus.

Raupen sind nicht gefährlich

Wichtig zu wissen: Die pelzigen Raupen finden die meisten Anwohner des betroffenen Gebietes zwar nervig und eklig. Gefährlich sind die Larven, im Gegensatz zu den des Eichenprozessionsspinners, aber nicht. Klaus Tormählen appelliert darum: „Es sollte auf keinen Fall Gift gegen die Tiere eingesetzt werden.“

Der Einsatz von Vernichtungsmitteln könnte laut Börnsens Bürgermeister mit ein Grund dafür sein, dass die Raupen sich überhaupt in Wohnungen – unter anderem Zimmer des Seniorenheims – vorgewagt haben.

Chemiekeule raubt Tieren Nahrungsgrundlage

„Der Bauer hat auf dem angrenzenden Feld die Disteln weggespritzt. ob es daran liegt, dass die Raupen nun auf Nahrungssuche Richtung Seniorenresidenz gewandert sind, ist möglich“, sagt Tormählen, der sich mehrfach vor Ort ein Bild gemacht hat.

Aktuell ist die Raupeninvasion ein wenig abgeebbt, aber neue Falter – und dann auch Eier – sind zu erwarten. Denn: Die Raupen verpuppen sich und nach etwa zwei Wochen schlüpfen aus ihnen die nächsten Falter.

Auch diese zweite Generation wird dann Eier ablegen, die zu Raupen werden. Weil die Falter den Frost nicht überstehen, fliegt die dann folgende Generation wieder in wärmere Gebiete.

Experten: 2019 ist starkes Falterjahr

Angeflattert kamen die Edelfalter aus Nordafrika und Südeuropa über die Alpen bis nach Börnsen. Ihr Zugverhalten ist noch nicht ganz erforscht.

Bekannt ist, dass Distelfalter günstige Winde nutzen und sich von den Strömungen tragen lassen. So gelingt es ihnen, mit geringem Kraftaufwand weite Strecken zurückzulegen und bis in unsere Regionen zu gelangen.

Fast über gesamten Erdball verbreitet

Schmetterlingsexperten schätzen, dass in diesem Jahr mehrere Milliarden Tiere unterwegs sind. Den Distelfalter kann man in allen Teilen Europas, in Afrika, Asien, Nordamerika und sogar Australien entdecken. Er ist eine der wenigen Arten, die fast über den gesamten Erdball verbreitetet sind.