Radverkehr

Schutzstreifen spalten die Gemüter in Geesthacht

Über den Radverkehr in Geesthacht wird diskutiert – nicht nur über Radfahrstreifen. Wo diese fehlen, wird häufig kreuz und quer gefahren, wie hier am Eingang der Fußgängerzone.

Über den Radverkehr in Geesthacht wird diskutiert – nicht nur über Radfahrstreifen. Wo diese fehlen, wird häufig kreuz und quer gefahren, wie hier am Eingang der Fußgängerzone.

Foto: Timo Jann

Geesthacht. Radverkehr soll gestärkt werden. Doch die Fahrradschutzstreifen sorgen für Diskussionen. Polizeichef äußert sich kritisch.

Geesthacht. Autofahrer, die Radfahrern den neuen Schutzstreifen an der Schillerstraße zuparken, und Geschäftsleute, die sich über aufgehobene Parkplätze an der Rathausstraße ärgern. Kurz nach der Umsetzung neuer Projekte zur Förderung des Radverkehrs in Geesthacht läuft noch längst nicht alles rund – und die Stimmung ist durchaus gereizt.

„Das in der Stadt so schnell etwas umgesetzt wurde, habe ich noch nicht erlebt“, wundert sich Christian Thal. Er ist einer von mehreren Geschäftsleuten, die durch die neuen Verkehrsregelungen jetzt um Kunden bangen.

Durch Fahrradschutzstreifen fallen Parkplätze weg

Thal betreibt einen Printshop an der Rathausstraße 69-71. Durch die Markierung neuer Fahrradschutzstreifen auf der Fahrbahn hat er Stellplätze für Kunden eingebüßt. „Direkt vor meinem Geschäft habe ich drei bis vier Parkmöglichkeiten, die sind wichtig , zumal ich auch mehrmals in der Woche sperrige Warenlieferungen erhalte“, beschreibt der Geschäftsmann die Situation.

Seine Kunden würden den Komfort, direkt vor der Tür parken zu können, schätzen. „Es kommen auch viele ältere Menschen zu mir, die nicht so gut zu Fuß sind, um beispielsweise Fotokopien anfertigen zu lassen. Auf der anderen Straßenseite ist ein Parkverbot“, sagt Thal.

Restaurant und Copy-Shop fürchten um Kunden

Und auch seine ehrenamtliche Arbeit als Feuerwehrmann bei den Geesthachter Brandschützern sieht der Unternehmer durch die Maßnahmen der Stadt beeinträchtigt. „Gewöhnlich parke ich direkt vor dem Geschäft, da an unserem Wohnhaus lediglich eine Parkmöglichkeit in der Nacht und bis zum frühen Morgen besteht. Bei einem Einsatz zählt jede Minute. Wenn ich dann erst einmal das Auto holen muss, vergeht kostbare Zeit“, erklärt Thal. Die seinem Geschäft schräg gegenüber in einer Parkbucht liegenden Stellplätze der Stadtbücherei seien meistens durch Bücherei- oder Volkshochschulnutzer belegt – keine Ausweichmöglichkeit also für Thal und seine Kunden.

„Nur um die zehn Radler pro Tag“

Auch Roul Kapur, der gleich neben dem Copy-Shop das indische Restaurant Namaste betreibt, ist nicht begeistert von den Fahrradschutzstreifen, die an der Rathausstraße entstehen sollen: „Es kommen pro Tag nur so um die zehn Radfahrer durch die Rathausstraße.“ Dafür umso mehr Autofahrer: „Viele meiner Gäste sind nicht so gut zu Fuß und parken daher direkt vor dem Restaurant“, sagt der Gastronom, der zudem auf Lieferverkehr hinweist. Einmal in der Woche würden für sein Restaurant Getränke angeliefert. „Das wird dann zum Problem, ebenso meine anderen Lieferungen“, sagt Kapur.

Ähnlich verärgert wie die Geschäftsleute ist Manfred Kreutzfeld, der an der Rathausstraße wohnt und dort Wohnungen vermietet: „So langsam wird das in Geesthacht zum Fahrradwahn. Radwege sind ja schön und gut, aber nur dort, wo sie wirklich gebraucht werden, und nicht wie hier nur geschäftsschädigend sind.“ Der Geesthachter versteht den Handlungsbedarf an der Rathausstraße grundsätzlich nicht. „Bisher hat es alles gut geklappt hier mit den Radfahrern und Autos“, sagt der Rentner.

Autofahrer parken Schutzstreifen an Schillerstraße zu

Der neue Fahrradschutzstreifen an der Rathausstraße, der wie die anderen Maßnahmen vom Bauausschuss genehmigt worden ist, soll Radler sicher zu einer bereits markierten roten Aufstellfläche an der Kreuzung Rathausstraße/Berliner Straße/Rosenblöcken leiten. Ähnlich wie an Norder- und Sielstraße praktiziert, sollen Radfahrer von dort aus mit den Autos im Rücken einen sicheren Start auf die stark frequentierte Kreuzung haben.

„Nur fährt hier so gut wie niemand mit dem Fahrrad. Und wenn, dann fahren die vor der Ampel auf den Fußweg, um die Berliner Straße am Fußgängerüberweg und nicht zusammen mit den Autos queren zu müssen“, hat Thal beobachtet. Eine Einschätzung, die sich auch mit Beobachtungen anderer Geesthachter an Norder- und Sielstraße deckt.

Radfahren entgegen der Einbahnstraße

An der Schillerstraße – zwischen Bergedorfer Straße und Mühlenstraße – sind sieben Parkplätze zugunsten eines Schutzstreifens weggefallen. Radfahrer sollen auf diesem Spur entgegen der Einbahnstraße in Richtung Schillerplatz fahren können. Immer wieder stehen aber zahlreiche Autos auf dem neu markierten Schutzstreifen, der Radfahrern vorbehalten ist. Alte Gewohnheit oder Ignoranz? „Wo soll ich denn sonst parken“, meinte ein auf die neue Regelung angesprochener Volvo-Fahrer und ging in die Fußgängerzone.

Fahrradschutzstreifen: So verhalten Autofahrer sich richtig

Fahrradschutzstreifen wurden in den vergangenen Jahren in vielen Bereichen der Elbestadt markiert. Sie sind Teil des Radwegekonzeptes, das Radfahren in Geesthacht Schritt für Schritt komfortabler und sicherer machen soll. Die Fahrradschutzstreifen werden durch ein Fahrrad-Piktogramm markiert und durch eine weiße gestrichelte Linie von der Fahrbahn abgetrennt.

Laut Straßenverkehrsordnung (Paragraf 42/2) dürfen Autofahrer diesen Schutzstreifen nur bei Bedarf überfahren. Dabei darf der Radverkehr nicht gefährdet werden: Wie bisher auch schon, müssen Autofahrer sich also bei Gegenverkehr hinter den Radfahrern einordnen und warten, bis dieser vorbei ist. Danach können sie überholen, dürfen aber anschließend nicht wieder den Schutzstreifen nutzen, sondern müssen – sofern möglich – mittig auf der Straße fahren. Wichtig: Parken ist auf dem Streifen nicht erlaubt.

Geesthachts Polizeichef äußert sich kritisch

Unumstritten sind die Schutzstreifen auch unter Experten nicht. Während Vertreter des Geesthachter Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) immer wieder für die Einrichtung weiterer Fahrradschutzstreifen werben, hat sich Geesthachter Polizeiwachenleiter Andreas Dirscherl im jüngsten Hauptausschuss kritisch geäußert: „Eine optische Begrenzung ist so ein Schutzstreifen immer. Aber leider ist noch nicht so verbreitet, was man dort darf.“ Gerade in engen Straßen könne ein Schutzstreifen auch eine Sicherheit vermitteln, die faktisch nicht da sei. „Das ist aber meine ganz persönliche Meinung“, sagt Andreas Dirscherl.