Geesthacht.

Lichtspiele, die Erinnerungen wecken

Demenz Interaktive Projektionen fördern Bewegung und Emotionen von Erkrankten

Geesthacht. Neugierig blicken Horst Sumof und Felicina Caloia auf die Platte des ovalen Tisches, an dem sie mit vier weiteren Senioren Platz genommen haben. Als auf dem weißen Tischtuch dann buntes Laub erscheint, ist das ruhige Sitzen Geschichte. Beide greifen nach den Blättern, schieben sie raschelnd mit den Händen beiseite und zeichnen lächelnd mit den Fingern den Lauf von Marienkäfern nach, die plötzlich unter dem Laub hervorrennen.

„Schau mal, der Kleine... Los, lauf...“, kommentiert Olga Peeters, die ebenfalls zur Spielrunde zählt, entzückt in Richtung eines flitzenden Käfers. Er zieht die ganze Runde in seinen Bann – und das ist an dem Tisch im Wichernweg besonders wertvoll. Denn in der Hausgemeinschaft der Paritätischen Pflege Schleswig-Holstein gGmbH (Pflege SH) leben ausschließlich Menschen mit Demenz.

„Das Spiel ist eine tolle Möglichkeit, wie wir die Leute aus ihrer Demenz herausholen können“, sagt Britta Kieck, die die Hausgemeinschaft leitet, in der 14 Personen leben. Die Einrichtung ist eine der ersten in dieser Region, die mit der so genannten „Tovertafel“ arbeiten. Kieks Mitarbeiterin Jutta Möller hat das Multimedia-Produkt, das betreuungsbedürftige Kinder, Erwachsene und ältere Menschen durch interaktive Lichtprojektionen anregen soll, bei einem Rätsel des holländischen Herstellers „Active Cues“ gewonnen.

Das Prinzip ist einfach: Der Projektor wird unter der Decke montiert und projiziert von dort unterschiedliche intuitive Spiele auf Tisch oder Boden. Die Bewohner am Wichernweg können so zum Beispiel die Marienkäfer unter buntem Laub suchen. Eine andere Möglichkeit: Die Tovertafel projiziert kleine, leuchtende Sterne auf den Tisch. Wenn die Spieler einen funkelnden Stern berühren, sprüht dieser nicht nur Funken. Zeitgleich zur Berührung ertönt ein heller Glockenton. „Zisch... und ab! Wer hat sich das nur ausgedacht“, fragt Ilse Stüben, während sie fasziniert einer verglühenden Sternschnuppe hinterherschaut.

Gespielt wird immer unter Anleitung von geschultem Pflegepersonal – nur so können alle Vorteile der interaktiven Beschäftigung ausgeschöpft werden. Am Wichernweg ist Yvonne Imort heute die Spielleiterin. Per Knopfdruck wechselt sie die Spiele und animiert per direkter Ansprache die Demenzerkrankten. Allein durch das Farbenspiel auf der Tischplatte lassen sie sich noch nicht aus der Reserve locken.

„Oh schau mal, Frau Peeters. Ist das nicht eine schöne Margarite?“, fragt sie in Richtung einer Seniorin mit welligem weißen Haar. Die schaut verdutzt auf die Blumenprojektion, die direkt neben ihrem Wasserglas erscheint – und greift zu. Mit den Fingern berührt sie die kleine weiße Blüte und beginnt auf dem Lichtspiel mit der Hand zu kreisen. So wie es Horst Sumof zuvor gemacht hat, der ihr gegenüber sitzt,. Je länger sie auf der Tischplatte reibt, umso größer wird die Blüte – und umso breiter wird auch das Lächeln im Gesicht der alten Dame.

„Wir haben auch ein Spiel mit Sprichwörtern – die kommen meistens gut an“, sagt Britta Kieck und wirft ihrer Kollegin Yvonne Imort wissende Blicke zu. Diese hatte gerade Horst Sumof passend zum Blüten-Spiel nach seiner Lieblingsblume gefragt. Kieck: „Das ist toll. Die Leute werden durch den visuellen Reiz nicht nur auf vielfache Weise körperlich aktiviert. Wir können mit ihnen auch Biografiearbeit machen.“

Nach zehn bis 15 Minuten brauchen die Bewohner eine Pause. Kein Wunder, in der kurzen Zeit werden Erinnerungen geweckt, Hör- und Sehvermögen genutzt, Beweglichkeit, Konzentration, Kommunikation sowie Reaktionsschnelle gefordert und Emotionen ausgelöst – das kostet Energie. „Die Bewohner werden dann einfach müde“, sagt Yvonne Stresow, die für die ambulanten Dienste von Pflege SH im Kreis Herzogtum Lauenburg zuständig ist.

Entwickelt wurde die Tovertafel im Rahmen einer Doktorarbeit an der Technischen Universität in Delf. Ihr langfristiger Effekt wird aktuell in Studien erforscht. Klar sei inzwischen laut Hersteller aber: Die interaktiven Projektionen können Passivität und Apathie, die sich im Verlauf einer Demenz steigern, durchbrechen helfen.

In Deutschland leiden etwa 1,5 Millionen Menschen an Demenz. Beim Fortschreiten der Erkrankung, die den Charakter der Betroffenen stark verändert, sind sie zunehmend auf Hilfe angewiesen. Sie verlieren unter anderem Orientierung, Zeitgefühl, Gleichgewicht, Worte und eben die Erinnerung – an die eigene Geschichte, Orte und auch an geliebte Menschen.