Accessoires

Beerben Lisa und Lena die Diddl-Maus?

Hoch die Haarbürsten: Die Zwillinge Lisa und Lena (beide 16) mit Produkten aus ihrer „J1MO71“-Linie.

Hoch die Haarbürsten: Die Zwillinge Lisa und Lena (beide 16) mit Produkten aus ihrer „J1MO71“-Linie.

Foto: Depesche Verlag

Geesthacht. Der Depesche-Verlag setzt nach seiner Kultfigur auf die Social-Media-Stars, die Geesthacht im Sturm erobert haben.

Geesthacht.  Es war eine Erfolgsgeschichte made in Geesthacht: Nachdem der Zeichner Thomas Goletz 1990 erstmals die Diddl-Maus mit ihren riesigen Ohren und Füßen gezeichnet hatte, trat Depesche aus der Elbestadt in die internationale Verlagsliga ein. Am Ende gab es mehr als 1000 Produkte, die die Geesthachter in 48 Länder vertrieben – bis sie 2014 die Markenrechte abgaben. Kommt jetzt der große Nachfolger aus Fleisch und Blut? Die Vorzeichen stehen bestens, denn ab kommenden Montag wird die Linie „J1MO71“ der Social-Media-Stars Lisa und Lena in die Kaufhäuser geliefert, mit der die Geesthachter für Furore sorgen wollen.

Depesche-Gründer und Geschäftsführer Kjeld Schiøtz ist begeistert: „Das ist etwas ganz Neues, eine Marke, die nur im Netz entstanden ist. Ganz anders als Diddl damals.“ Depesche springt quasi auf einen fahrenden Zug auf, denn die Zwillingsschwestern sind seit 2017 mit ihrer gleichnamigen Modelinie erfolgreich und gelten mit 14 Millionen Followern auf Instagram zu den großen Online-„Influencern“, die gerade auch auf dem Markt der Mode und Accessoires immer wichtiger werden.

„Der wahre Influencer heißt Instagram“

So schreiben Online-Magazine immer häufiger Artikel wie „Das tragen die Influencer“. Gleichzeitig ist der Begriff des „Beeinflussers“ aber längst nicht nur an künstlich ausgeleuchteten Studios gebunden, in denen Social-Media-Stars mit ihrem Publikum kommunizieren. Auch Prominente wie Großbritanniens Herzogin Meghan gelten heute nicht als Vorbilder, sondern als Influencer, landen bei den Hitlisten der Trendsetter aber hinter Social-Media-Profis wie Kim Kardashian, die ihr gesamtes Leben öffentlich vermarktet, selbst mit vermeintlich zufälligen Schnappschüssen. Allein auf Instagram gibt es über 612 Millionen Beiträge unter dem Hashtag #fashion – schon 2018 titelte der Redaktionsleiter vom Magazin „Business Punk“ so: „Der wahre Influencer heißt Instagram“

Doch zurück zu Lisa und Lena: Laufen sie jetzt Diddl den Rang ab, die der Stadt Geesthacht einst hohe Gewerbesteuereinnahmen einbrachte? Ganz so weit will Kjeld Schiøtz (noch) nicht gehen: „Diddl war Ende der 1990er Jahre ein Phänomen ohnegleichen. Das Glück hat man eigentlich nur einmal im Leben, aber wer weiß...“

Diese Zwillinge verzaubern nicht nur Geesthacht

Die beiden Teens wurden zuerst durch ihre Clips erfolgreich. Zu Playback-Songs auf der damaligen App „musical.ly (heute „Tok Tok“) sangen und tanzten die Mädchen und begeisterten damit viele Nutzer. 2017 brachten sie dann ihre eigene Modelinie mit legeren Pullis unter dem Namen „J1MO71“ heraus. „Jimo“ heißt auf Haiti „Zwilling“, die „71“ ist das umgedrehte Geburtsdatum der beiden, die am 17. Juni 2002 zur Welt kamen.

Und genau auf diese Modelinie wurde Depesche aufmerksam, berichtet Annette Bonsack, die beim Verlag als „Head of Brands“ über die Marken wacht. „Wir waren gleich begeistert von den Zwillingen, weil der Spirit von Lisa und Lena in ihren Produkten zu finden ist. Für uns sind sie deshalb auch keine Influencer, die irgendwelche Produkte bewerben, sondern Social-Media-Stars“, sagt Bonsack.

Zwillingen kannten Depesche aus ihrer Kindheit

Depesche schrieb die Stuttgarterinnen, die bei Warner Music unter Vertrag stehen, an und hatte prompt Erfolg. „Die beiden erinnerten sich an ihre Kindheit, in der sie mit unseren TOPModel-Malbüchern gezeichnet haben“, erzählt Annette Bonsack. Die Produktlinie „TOPModel“ vertreibt Depesche bereits seit 2008. Das zugehörige Magazin, das monatlich erscheint und in Geesthacht erstellt wird, bringt es nach Verlagsangaben inzwischen auf bis zu 170.000 verkaufte Exemplare, 146.000 im Schnitt. „Für ein Jugendmagazin ist das ein herausragender Wert“, betont Wiebke Wolf vom Depesche-Marketing.

Schnell kam das erste Treffen im vergangenen Sommer zustande. Zusammen mit ihrer Mutter und dem Management von Warner wurden Lisa und Lena an der Vierlander Straße vorstellig und wickelten sofort den Geschäftsführer Kjeld Schiøtz, der das Unternehmen 1985 in Hamburg gründete, um den Finger: „Das war beeindruckend, wie die beiden in ihrem jungen Alter hier vier Stunden saßen und mit uns konzentriert und professionell diskutierten – ohne dabei abgehoben zu sein“, erzählt der gebürtige Däne.

„Ob so etwas klappt, weiß man vorher nie“

Schiøtz und seine Kollegen mussten nicht lang überlegen: Sie setzten sich mit den beiden Jugendlichen zusammen und entwickelten eine Produktlinie mit Merchandise-Artikeln – von Schul-Schlampern, Haarbürsten und Taschen – bis hin zu Metallic-Stickeralben und To-Go-Bechern in knalligen Farben. „Ob so etwas klappt, weiß man vorher nie“, betont Annette Bonsack. Aber in diesem Fall sei alles rasend schnell gegangen.

So werden die Produkte in Europa und darüber hinaus ausgeliefert – seit neuestem vertreibt Depesche auch in die Mongolei. In Deutschland werden viele Schreibwarenläden und Kaufhäuser wie Karstadt, Müller oder Nanu-Nana beliefert. „Unsere Kunden waren sofort begeistert. Selbst die, die gar keine Kinder haben, waren gleich Feuer und Flamme für Lisa und Lena“, sagt Wiebke Wolf.

Depesche: Der Verlag

Depesche hat insgesamt rund 320 Mitarbeiter, davon 220 an seinem Hauptsitz in Geesthacht. Dazu kommen 60 Vertriebsmitarbeiter in Deutschland sowie 40 weitere im Ausland wie Großbritannien, den Niederlanden, Belgien, Österreich und Spanien. Seit Januar hat das Unternehmen auch eine eigene Firma in Frankreich, für die zehn Mitarbeiter tätig sind. Zuvor war der Verlag beim Vertrieb in Frankreich auf Zwischenhändler angewiesen. Aktuell vertreibt das Unternehmen seine Produkte mit Marken wie „Princess Mimi“, „Miss Melody“ und „Dino World“ in 41 Ländern. Darunter sind nach wie vor die Grußkarten, mit denen einst alles anfing, und Artikel wie Plüschtiere.