Geesthacht.

Die „Faszination für Abgründiges“

GewaltMedien  Psychologe warnt vor schnellen Verboten und fragt stattdessen nach Intention der Handlung

Geesthacht.  Nach dem umstrittenen Computerspiel Fortnite nun ein Gewaltvideo, das unter Jugendlichen über den Messengerdienst WhatsApp kursiert und Misshandlungen von etwa sechs Monate alten Kleinkindern zeigt. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen wird an Schulen der Region vor digitalen Gewaltdarstellungen gewarnt. Angesprochen auf Auswirkungen dieser Art Medien auf das Verhalten von Kindern und Jugendlichen mahnt Ronald Orth, Leiter der Erziehungsberatungsstelle in Geesthacht, allerdings zur Vorsicht: „Bevor man sich einseitig auf eine Tendenz einschießt, sollte man den Blick auf das Ganze richten. Der Ruf nach Verboten kommt oft zu schnell.“

In der Erziehungsberatungsstelle im Geesthachter Gesundheitsamt setzen sich der Diplom-Psychologe und sein Team täglich mit der Verbesserung von Eltern-Kind-Beziehungen auseinander. Sie unterstützen verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche beim Lösen von Problemen. Mehr als 500 Beratungen zählen die Fachleute jedes Jahr.

Orths Erfahrung: Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 habe sich unsere Gesellschaft und ihr Umgang mit vermeintlichen Bedrohungen stark verändert. „Seitdem scheint die gefühlte Bedrohung oft größer als die wirkliche – und die Medien spielen dabei eine große Rolle“, sagt der Psychologe und nennt Beispiele: In den 1970er- und 80er-Jahren hätten Kinder mit Holzschwertern gespielt und Erwachsene beim Brettspiel „Risiko“ Steine gesetzt – beides mit dem Ziel, den Gegner zu erledigen.

Heute schrillen bei Erwachsenen schnell die Alarmglocken, wenn Jugendliche am Computer Gegner „eliminieren“, wie es bei Fortnite das Ziel ist. Schulsozialarbeiter Geesthachts thematisierten im November per Elternbrief, dass Schüler teils „exzessiv“ Szenen aus dem Computer- und Online-Spiel nachstellten. Kinder und Jugendliche könnten teils „Realität und Spielewelt nicht mehr auseinanderhalten“, würden „im Streit ihr Gegenüber eliminieren wollen“ und Tänze aus dem Spiel kopieren, um andere zu erniedrigen. Die Empfehlung der Schulsozialarbeiter: Das Spiel sollte erst ab 14 Jahren und maximal 90 Minuten am Tag gespielt werden sollte. Freigegeben ist es ab zwölf Jahren.

„Ich finde es gut, wenn Eltern und Schule die Kinder heute beim Umgang mit den Medien eng begleiten. Was mich bedenklich stimmt, ist, dass Online-Spiele immer als Bedrohung für unsere Kinder gesehen werden. Gleichzeitig gehören Krimis wie ,Tatort’ und ,Polizeiruf’ heute zur Hochkultur. Und in diesen Filmen, die auch von sehr jungem Publikum gesehen werden, ist das Ausmaß an Gewalt sehr hoch“, sagt Orth, der zudem zu bedenken gibt, dass in Nachrichtensendungen und Zeitungen täglich abgebildet werde, was in der Welt wirklich geschieht – auch Gewalttaten wie eben Anschläge.

Wichtig sei immer die Einordnung. Eltern seien zum einen gefordert, zu sehen, ob die Kinder Realität und Fiktion auseinanderhalten können. Wenn Kinder Verhaltensweisen aus Computerspielen kopieren oder sich gewalttätige Filmszenen anschauen, stehe das Gespräch vor der Schlussfolgerung. So wisse er aus Gesprächen mit Jugendlichen, dass sie den Fortnite-Tanz beispielsweise nicht zur Erniedrigung anderer, sondern „als großen Spaß für alle“ aufführten.

„Es ist wichtig zu wissen, welche Intention hinter der Handlung steht“, sagt Orth und betont, dass es statistisch die absolute Ausnahme sei, dass es allein durch mediale Einflüsse zu fatalen Gewalttaten kommt. Grundsätzlich sei die Kernfrage, die nach der Stabilität des Kindes. Orth: „Kinder und Jugendliche werden immer Wege finden, an solche Darstellungen heranzukommen. Die Faszination für Abgründiges ist bei uns allen zweifellos vorhanden.“