Geesthacht

„Ich halte diese Sekte für gefährlich“

Bruno-Gröning-Freundeskreis Expertin warnt: Irrglaube kann zum Tode führen

Geesthacht. Gerrit Pfennig und
Denise Ariaane Funke

Der Bruno-Gröning-Freundeskreis zählt nach eigenen Angaben weltweit 80 000 Anhänger, übersetzte seine „Infomaterialien“ in verschiedene Sprachen und hielt bereits in 120 Ländern seine Veranstaltungen ab. Ab und an fällt die Aufmerksamkeit der Gruppe auf den Kreis Herzogtum Lauenburg. Sie gastierte schon in Mölln und war jetzt im Gasthaus Hagen in Geesthacht zu Gast. Hier will sie an zwei Terminen auch im städtischen Oberstadttreff einen Film zeigen, durch den angeblich Kranke geheilt wurden. Ursula Caberta, Sekten-Forscherin aus dem Landkreis Harburg, warnt eindringlich davor: „Ich halte diese Sekte für gefährlich.“ Sie mache sich mit ihren falschen Heilsversprechen im Grunde strafbar, so Caberta.

Sekten-Führer starb selbst an Magenkrebs

Der Freundeskreis bezieht sich auf Bruno Gröning (1906-1959), der nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland für Aufsehen sorgte, es sogar auf die Titelseite des „Spiegel“ schaffte. Gröning hatte die Vorstellung, einen von Gott gesandten „Heilstrom“ an Kranke weiterleiten zu können. Zu vielen seiner Veranstaltungen kamen mehrere Tausend Menschen. Es gab Berichte von Gelähmten, die angeblich wieder laufen konnten, Blinde, die sehen und Taube, die wieder hören konnten.

Bereits zu Lebzeiten liefen mehrere Prozesse gegen ihn. Er wurde unter anderem wegen fahrlässiger Tötung und Verstoßes gegen das Heilpraktiker-Gesetz verurteilt. Hintergrund des Prozesse war der Tod der 18-jährige Ruth Kuhfuß, die an den Folgen einer nicht ärztlich behandelten Tuberkulose Erkrankung verstarb. Gröning erlebte das Urteil in dem Fall nicht mehr – er konnte sich offenbar selbst durch seinen „Heilstrom“ nicht heilen und starb an Magenkrebs.

Dennoch behielt er viele Anhänger. So gründete Grete Häusler 1979 den Verein „Kreis für natürliche Lebenshilfe“, der bis heute Träger des Freundeskreises ist. Häusler war bis 2007 Vereinsvorsitzende, anschließend übernahm ihr Sohn Dieter den Vorsitz. Über einen eigenen Verlag vertreibt der Verein seine eigenen Infoschriften.

Wie der Freundeskreis betont, würden Tausende Ärzte seine Lehren vertreten. So stand in Geesthacht vor den Zuhörern Dr. Ulrich Meyding, ein Zahnarzt aus dem niedersächsischen Kreis Verden, der angibt, seit 24 Jahren dem Freundeskreis anzugehören. Im Gasthaus Hagen forderte Meyding seine Gäste auf, die Arme im Sitzen auf den Oberschenkeln abzulegen und die Handflächen nach oben zu öffnen – nur so sei es möglich, den „Heilstrom“ zu empfangen, den Gröning angeblich aus dem Jenseits nach wie vor aussende. Im Hintergrund lief dazu meditative Musik. Anschließend berichteten Teilnehmer von ihren „wundersamen Heilungen“ bei Blasen- oder Rückenleiden.

Expertin: Der Staat ist gegenüber Sekten blind

Der Irrglaube könne schlimmstenfalls zum Tod führen: „Die Gefahr besteht, dass Menschen, die verzweifelt sind, weil eine medizinische Behandlung, etwa bei einer Krebserkrankung, nicht sofort anschlägt, den Arztbesuch meiden“, warnt Caberta. Die 67-Jährige war jahrelang für Behörden der Hansestadt Hamburg als Expertin für die amerikanische Scientology-Sekte zuständig und setzt sich bis heute für deren Verbot ein. Sie veröffentlichte 2010 das „Schwarzbuch Esoterik“, in dem sie auch den Bruno-Gröning-Freundeskreis aufgreift.

In den 1990er-Jahren habe es in Deutschland gerade in rechten und nationalistischen Kreisen einen großen Aufschwung bei der Esoterik gegeben, in den Caberta auch die Gröning-Anhänger einordnet. Bestimmte Verschwörungstheorien, esoterische Ideen und faschistische Tendenzen – bis hin zu politischen Parteien – hingen zusammen. „Das fällt nicht vom Himmel, sondern ist eine Entwicklung“, betont die Sekten-Forscherin.

An sich sei dies ein Thema, das bundesweit vom Verfassungsschutz beleuchtet werden müsste, allerdings handele es sich teilweise um Einzelgruppierungen, die die Verfassungsschützer als irrelevant erachteten. „Dabei gibt es auch kleine islamistische Einheiten, die beobachten werden“, so Caberta. Im Fall der Gröning-Anhänger komme hinzu, dass sie quer durch das Land touren und kaum feste Anlaufpunkte haben. „Es gab einmal einen Hof bei Flensburg, der als Anlaufpunkt diente. Wir haben damals ein Ehepaar beraten, das sich von der Sekte abgewandt hat“, berichtet Caberta.

Die Harburgerin bekommt bis heute viele Anrufe von Betroffenen, die aus einer Sekte aussteigen möchten und nicht wissen, wohin sie sich wenden sollen. „Es gibt solche Anlaufstellen aber weder in Niedersachsen noch in Hamburg oder Schleswig-Holstein“, berichtet sie. Sie müsse dabei auf Vereine wie die Beratungs- und Informationsstelle Sekten-Info in Essen verweisen (www.sekten-info-nrw.de) oder die Aktion Bildungsinformation in Stuttgart, die auf www.abi-ev.de („Psychogruppen/Sekten“) Kontakte vermittelt.