AKN-Trasse

Zugverbindung zwischen Geesthacht und Bergedorf

Foto: lvs / Grafik: LVS

Bergedorf / Geesthacht. Die Landesweite Verkehrsservice-Gesellschaft (LVS) hat im Regionalausschuss des Kreises Herzogtum Lauenburg eine Voruntersuchung für eine Bahnverbindung zwischen Bergedorf und Geesthacht vorgestellt. In Hamburg dagegen herrscht Skepsis.

„Geesthacht ist die größte Stadt in Schleswig-Holstein, die keinen Bahnanschluss hat. Dabei hat die Stadt eine astreine Bahnstrecke“, so Verkehrsplaner Lukas Knipping. Die LVS will sich dafür stark machen, das derzeit nur von der Museumsbahn „Karoline“ genutzte Gleis zu reaktivieren. Im 20-Minuten-Takt könnten Züge vom Geesthachter Schwimmbad über Düneberg, Escheburg, Börnsen und Bergedorf-Süd bis zum S-Bahnhalt Nettelnburg verkehren. In 19 Minuten wäre der erreicht, in 45 Minuten – mit Umsteigen – Hamburgs Hauptbahnhof.

1997 wurde die Idee bereits untersucht – und verworfen. Die Kieler Planer haben nachgebessert, besser gestrichen: Statt Zehn-Minuten-Takt auf zwei Gleisen mit sechs Fahrzeugen soll ein 20-Minuten-Takt reichen, der wäre mit nur drei Fahrzeugen auf nur einem Gleis erheblich kostengünstiger realisierbar. Statt zweispurigem Ausbau wäre mit Hilfe zweier Parallelgleise in Escheburg und am Bahnhof Bergedorf-Süd ein Betrieb in beide Richtungen möglich.

„Wir haben mit solchen Projekten gute Erfahrungen gemacht, die Gemeinden würden profitieren“, so Knipping – und das fast zum Nulltarif: „Betrieb und Bau sind zu 100 Prozent Ländersache. Für die Kommunen bleiben nur Kosten für Fahrradständer oder Parkplätze.“

Der Verkehrsplaner schätzt die Rahmenbedingungen besser ein, als bei vielen anderen Bahnlinien, die der LVS die vergangenen Jahre reaktiviert hat. „Die Strecke von Geesthacht nach Bergedorf ist immer noch für den Personenverkehr gewidmet“, so Knipping. Aufwendige Planfeststellungs- und Genehmigungsverfahren seien unnötig. Zudem befinden sich die Schienen in gutem Zustand – sie wurden erst 1992 erneuert. Die geplanten acht Haltepunkte gelten zudem als barrierefrei – und könnten mit wenig Aufwand hergerichtet werden.

Die neue Verbindung möchte die LVS als mittelfristiges Ziel in den Nahverkehrsplan des Landes aufnehmen lassen, er wird gerade bis 2017 fortgeschrieben. Weitere Schritte sollen in einer Arbeitsgruppe diskutiert werden, in der Vertreter der anliegenden Kommunen, der Bezirk Bergedorf, sowie LVS und die AKN als Eigentümerin der Strecke sitzen.

Ein Selbstgänger ist das Projekt jedoch nicht. „Diese Idee lebt davon, dass die Trasse bereits gewidmet ist“, gibt sich Bergedorfs Bezirksamtsleiter Arne Dornquast diplomatisch. Für schwierig hält er den geplanten Umsteigepunkt Nettelnburg: „Die Geesthachter sollen dort doch wohl nicht über das ICE-Gleis zur S-Bahn laufen.“

Jede Schienenverbindung sei besser als keine, heißt es dagegen in der CDU. Hier wird jedoch eine Stadtbahnverbindung bis in die Bergedorfer City bevorzugt. „Wir möchten die Geesthachter ja auch gern als Kunden gewinnen“, sagt CDU-Kreischef Dennis Gladiator.

„Eine Verlängerung der U 3 von Billstedt bis Lohbrügger Markt würde uns mehr bringen“, sagt dagegen Bernd Schrum (SPD). Auch die Lärmbelastung für viele Anwohner der Trasse von der Landesgrenze über Pollhof und Bergedorf-Süd bis zum Neubaugebiet Güterbahnhof behagt dem Verkehrsausschuss-Vorsitzenden nicht. Ebenso wenig die Idee, dass von 31 Bahnübergängen einige geschlossen und viele mit Schranken versehen werden müssten: „Das wäre kaum zeitgemäß, könnte zudem im Herzen Bergedorfs ein ziemliches Verkehrschaos auslösen.“ Es besteht noch reichlich Diskussionsbedarf.

In 19 Minuten nach Nettelnburg - Verkehrsplaner überraschen mit neuen Ideen für alte Bahnverbindung

Wo heute ein paar Mal im Jahr Dampflok „Karoline“ Richtung Bergedorf schnauft, könnten schon in sechs bis acht Jahren moderne Dieseltriebwagen Pendler und Tagesausflügler zwischen Geesthacht und Nettelnburg hin und her kutschieren. Lange galt eine Bahnanbindung Geesthachts als teuer und unwirtschaftlich – jetzt hat das Land die Planung in die Hand genommen und drückt aufs Gas: Eine Arbeitsgruppe könnte noch vor Weihachten tagen, 2013 soll ein neues Gutachten in Auftrag gegeben werden. Voruntersuchungen hat es bereits gegeben – die Landesweite Verkehrsservicegesellschaft (LVS) sieht ein „hohes Potenzial“ für eine Schienenverbindung gen Hamburg. „Es gibt eine astreine Bahnstrecke, die nicht genutzt wird – und das im direkten Zulauf auf eine Metropole wie Hamburg“, sagte LVS-Verkehrsplaner Lukas Knipping jetzt im Regionalausschuss des Kreises.

In Geesthacht bewertet man den unerwarteten Vorstoß aus Kiel positiv – erst im Frühjahr hatte die Ratsversammlung beschlossen, die Planungen für einen Bahnanschluss wieder anzuschieben. „Wir haben jetzt einen klaren Rahmen. Ich bin sehr froh, dass man bei der LVS so offen an das Thema herangeht“, so Peter Junge, Fachbereichsleiter Umwelt und Bauen im Geesthachter Rathaus. „Natürlich müssen wir genau austarieren, wie die Bahn auf unser Busangebot abgestimmt werden kann. Aber dafür haben wir ja einen reellen Zeithorizont“, sagt Junge. Er hält einen zweiten ZOB am alten Geesthachter Bahnhof für möglich. „Der Teufel steckt hier jedoch im Detail. Eine Bahn kann die Busse nie ersetzen. Das muss genau untersucht werden“, sagt Andrew Yomi, Verkehrsplaner in der Kreisverwaltung.

Die Bahnverbindung könnte nach Vorstellungen der LVS auf der eingleisigen Strecke mit drei modernen Dieseltriebwagen realisiert werden. Die Kosten würden beim Land liegen. Einer im Frühjahr von der CDU aus Bergedorf und Geesthacht favorisierten Stadtbahn erteilt der LVS damit vorerst eine Absage: „Die Stadtbahn wäre wünschenswert. Aber es stellt sich die Frage, wie sie realisiert werden soll, denn die Pläne in Hamburg sind tot“, so Knipping. „Aber eine spätere Umrüstung auf die Stadtbahn wäre nicht ausgeschlossen.“

Als größtes Problem der Bahnverbindung gelten die 31 Bahnübergänge zwischen Geesthacht und Nettelnburg. Da die Triebwagen mit Tempo 80 unterwegs sein sollen, müssten sie alle mit automatischen Schranken ausgerüstet werden – oder ganz verschwinden.


Das ist eine einmalige Chance! - Kommentar von Kai Gerullis

Seit Jahren steht eine Bahnanbindung in Geesthacht ganz oben auf dem Wunschzettel. Doch alle Pläne galten als nicht finanzierbar. Jetzt meldet sich unerwartet das Land und präsentiert eine Lösung auf dem Silbertablett: einfach, pragmatisch – und für die Stadt fast kostenlos. Bleibt zu hoffen, dass Verwaltung und Parteien trotz Wahlkampf an einem Strang ziehen – und das Projekt nicht zerreden oder durch überzogene Forderungen im Keim ersticken. Denn eines ist sicher: So eine Gelegenheit gibt es nicht noch mal.