Warnstreik

Wachpersonal des AKW Krümmel im Ausstand

Geesthacht. Ausstand am Atomkraftwerk Krümmel in Geesthacht: Gestern Morgen zum Schichtwechsel in dem weltweit größten Siedewasserreaktor legten mehr als 20 Wachmänner für Stunden ihre Arbeit nieder. Ihr Ziel: Ein einheitlicher Sozialtarifvertrag für alle 21 deutschen Atommeiler.

„Es geht uns um drei Punkte. Eine Altersteilzeit, weil im Zuge des von der Bundesregierung beschlossenen Atomausstiegs nicht mehr so viele Wachmänner benötigt werden wie im normalen Betrieb, eine Umschulung oder Qualifizierung jüngerer Mitarbeiter für andere Aufgaben in den Kraftwerken sowie einen Ausgleich für wirtschaftliche Nachteile bei einem drohenden Jobverlust“, erklärt Dieter Altmann, Landesbezirksfachbereichsleiter von Ver.di in Kiel.

Bisher haben die vier Wachunternehmen, die die deutschen Atomkraftwerke sichern, sechs Gesprächstermine als Arbeitgeber mit Ver.di abgelehnt. Bis zum 31. Mai gilt noch eine Notdienstvereinbarung zwischen Ver.di und dem Wachunternehmen Securitas, nach der das Wachpersonal vorerst zwingend nötige Positionen selbst an Streiktagen noch besetzt. Altmann: „Kommen wir nicht mit dem Bund der deutschen Sicherheitswirtschaft ins Gespräch, werden wir eine zweite Eskalationsstufe ausrufen. In einem solchen Fall werden wir kein Notdienstpersonal mehr einplanen. Dann müssen notfalls Kraftwerke abgeschaltet werden, denn die Betriebsgenehmigung schreibt bestimmte Aufgaben für den Wachschutz vor.“

Securitas und drei andere Unternehmen bewachen die deutschen Atommeiler, wobei Securitas etwa 60 Prozent Marktanteil hat und in Schleswig-Holstein auch die Sicherheit am Atomkraftwerk Brokdorf gewährleistet. „Gerade in Brokdorf könnte es nach dem Ablauf der Notfallvereinbarung spannend werden. Noch steht die Anlage dort still, aber man will wieder anfahren. Im Streikfall wird das nicht gehen“, sagt Altmann. Er hält es für sinnvoller, dass die Arbeitgeber an den Gesprächen mit Ver.di teilnehmen, statt viel Geld in die Abmilderung von Streikmaßnahmen zu investieren. Zuletzt war der Bundesverband der Sicherheitsunternehmen vor dem Berliner Arbeitsgericht mit einer einstweiligen Verfügung gescheitert, mit der die Warnstreiks verhindert werden sollten.

„Hier in Krümmel sind heute durch den Warnstreik einige Positionen unbesetzt. Normalerweise haben wir pro Schicht 18 oder 19 Kollegen im Einsatz, jetzt sind es nur zwölf“, berichtete Axel Kleinwächter, der der Tarifkommission angehört und in Krümmel für Securitas arbeitet. Durch den Ausstand der Wachmänner mussten unter anderem Lieferanten länger auf Einlass warten, weil die Pforte nicht so besetzt 'war wie gewohnt.

Kommt es zum Streit ohne Notfallvereinbarung, müsste wahrscheinlich die Polizei für die Sicherheit sorgen. „Es ist das Anliegen aller Bewacher der Kraftwerke, einen einheitlichen Sozialtarifvertrag zu verhandeln. Bis dahin ziehen sich Streiks durch die Republik“, so Kleinwächter.

Im Kernkraftwerk an der Elbe arbeiten noch immer 300 Menschen – Sie haben viel zu tun

Es ist ruhig geworden in der Maschinenhalle. Strom wird hier nicht mehr produziert, der riesige Generator steht still. Früher waren hier Ohrenstöpsel Pflicht, jetzt kann man sich in dem riesigen Raum der parallel zur Elbe verläuft, sogar unterhalten. Vieles hat sich also verändert im Kernkraftwerk Krümmel, seitdem die Bundesregierung vor nunmehr einem knappen Jahr den Ausstieg aus der Atomkraft und damit auch das sofortige Aus für den Meiler an der Elbe beschloss. „Wir sind aber weiterhin gut ausgelastet. Unsere Ingenieure sorgen dafür, dass wir auf den Stillstandsbetrieb optimal vorbereitet sind“, sagt Kraftwerksleiter Torsten Fricke (44). Mehr als 300 Menschen sind weiterhin im Kernkraftwerk Krümmel beschäftigt, vor einem Jahr war es noch 350. „Zum Glück konnten wir auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten. Aber einige Mitarbeiter haben uns freiwillig verlassen, weil sie ,ihr’ Kraftwerk nicht selbst demontieren wollten“, sagt der Geesthachter, der im vergangenen Jahr die Leitung übernahm. „Wir müssen das, was vor uns steht, aber akzeptieren. Der Rückbau gehört zum Kraftwerksbetrieb genauso dazu wie der Aufbau und die Betriebsphase. Nur der Zeitpunkt war so nicht geplant“, sagt Fricke.

Weiterhin herrscht auf den Gängen, in den Werkstätten und in der Fahrzeugschleuse reges Treiben. „Wir haben zum Teil neue Aufgaben gefunden“, sagt Kraftwerksleiter Fricke. So bauen die Ingenieure in der so genannten heißen Werkstatt – in der es zwar nicht wirklich heiß ist, die aber zum Sicherheitsbereich gehört – gerade eine so genannte Dekontaminationskabine auf. „Das ist ein sehr wichtiges Projekt für uns“, sagt Fricke. Hier soll die alte Turbine des Kernkraftwerks, die bereits 2005 stillgelegt wurde, dekontaminiert, gereinigt – und anschließend für die Entsorgung vorbereitet werden. „Der Auftrag sollte ursprünglich an eine Fremdfirma vergeben werden. Jetzt leisten wir das mit Eigenpersonal“, so Fricke.

Auch an der Fassade des Kraftwerks herrscht emsiges Treiben – hinter einer bunten Plane werden weiter Fassadenplatten erneuert, die Arbeiten sind fast abgeschlossen. Trotz der Stilllegung sind die Arbeiten nötig, denn das Gebäude wird noch über Jahre bestehen bleiben.

Wie lange genau, das ist weiter offen. Denn zum Thema Rückbau gibt es weiterhin keinen offiziellen Zeitplan. Hauptproblem ist derzeit der Mangel an Castor-Behältern, in denen die genutzten Brennstäbe gelagert werden können. 20 Stück werden in Krümmel benötig – doch die beiden Herstellerfirmen kommen kaum hinterher. So lange verbleiben die Brennelemente im Lagerbecken über dem Reaktor. Der ist seit März frei von Kernbrennstoff.