Untersuchung

Atommüllfässer warten in Krümmel auf Endlager

Geesthacht. 1165 Fässer mit radioaktiven Verdampferkonzentraten und Filterharzen lagern im Kernkraftwerk Krümmel und warten auf ihre externe Endlagerung. Nachdem im Dezember im Kraftwerk Brunsbüttel ein ähnliches Fass verrottet und leckgeschlagen war, sollten auch die Behälter in Geesthacht überprüft werden.

Ein gelbes Fass, vom Rost zerfressen: Als im Kernkraftwerk Brunsbüttel im Dezember bei einer Umlagerung eine völlig verrottete Tonne voll Atommüll ans Licht kam, war die Aufregung groß, ging die Angst um. Die Angst, dass in allen Kernkraftwerken im Norden viele Tausend Fässer voll mit strahlendem Müll lagern, die der Zahn der Zeit langsam in löchrige Behälter verwandelt. Schnell schwappte die Angst auch auf das seit 2007 stillstehende Kraftwerk Krümmel über, stehen doch in einem Lagerraum und zwei Kavernen noch 1165 Fässer mit radioaktiven Verdampferkonzentraten und Filterharzen, die in den Jahren des Betriebs angefallen waren – und dort auf eine Endlagerung warten.

Ein Auslöser der Angst: da insbesondere die Kavernen unter einer Werkstatt am Reaktorgebäude wegen der hohen Strahlung der Fässer nicht einfach so betreten werden können, war der aktuelle Zustand vieler Fässer unklar. Auch die Kieler Atomaufsicht forderte im März einen aktuellen Überblick an und ordnete eine Untersuchung an.

Betreiber Vattenfall nahm jetzt die ältesten Fässer in Augenschein, überprüfte die ohnehin schon aufwendige Dokumentation der Atommülltonnen – und gewährte auch unserer Zeitung Einblicke in die Lagerstätten. „Es gibt keine Hinweise auf irgendwelche Auffälligkeiten. Das ist unsere Erfahrung seit der Inbetriebnahme 1983“, betonte Wolfgang Schappert, Fachbereichsleiter Überwachung im Kernkraftwerk. Das älteste eingelagerte Fass sei von 1986, genau wie alle anderen hätte es keine Spuren von Rost. Die Fässer seien sogar in einem so guten Zustand, dass sie nach einer Reinigung wiederverwertet werden, betont man bei Vattenfall.

Auch die Atomaufsicht hat im Kernkraftwerk Krümmel in den vergangenen Wochen umfangreiche Untersuchungen vorgenommen. „Hierzu gehören Dokumentationsprüfungen, Inspizierungen vor Ort oder Begleitungen von Umfüllkampagnen – auch durch zugezogene Sachverständigen“, sagte Ministeriumssprecher Oliver Breuer auf Anfrage. „Bisher liegen der Atomaufsicht hieraus keinerlei Erkenntnisse vor, die auf eine Fassbeschädigung mit Integritätsverlust hinweisen.“ Allerdings seien noch nicht alle Überprüfungen abgeschlossen.

Im Kernkraftwerk Krümmel betont man die lückenlose Dokumentation. Rund sechs Seiten Informationen gibt es zu jedem einzelnen Fass – Dosisleistung, genauer Inhalt, Gewicht, Befülldatum. Per Videoüberwachung könne zudem der Zustand der 967 Tonnen in dem oberirdischen Fasslager jederzeit kontrolliert werden. Per automatischem Kran können einzelne Fässer sogar bewegt und inspiziert werden.

Anderes die Situation für die beiden Kavernen unter der Werkstatt, hier gibt es weiterhin keine Überwachung. Zudem herrscht hier eine Strahlung von zehn bis 400 Millisievert Strahlung pro Stunde – ein Arbeiter darf maximal 20 Millisievert Strahlung im Jahr ausgesetzt sein. „Auch herkömmliche Chip-Kameras würden durch die Strahlung rauschen“, sagt Schappert. Eine Lösung werde weiterhin diskutiert. Zudem ist der Zugang schwierig: Die Kavernen sind über einen schweren Deckenriegel zugänglich, der sich über den Werkstattboden zieht. Die Fässer können dann nur über den Kran der Werkstatt bewegt werden. Ein komplizierter Vorgang – der aber auch derzeit nicht zur Diskussion steht: Die nächste Umfüll-Kampagne für Atommüllfässer ist in Krümmel frühestens in zwei Jahren geplant.

Beim Umfüllen wird der strahlende Inhalt der gelben 200 Liter Fässer in einen großen Gusscontainer verpackt, der im Fachjargon Typ-6-Container heißt. Rund 14 Fässer passen dann in einen gelben Behälter. Der Grund für die aufwendige Umfüllaktion ist laut Vattenfall vor allem der Politik geschuldet: So erfüllten die gelben Fässer ursprünglich zwar die Annahmebedingungen des Endlagers Morsleben. Doch das ist seit 1997 geschlossen, derzeit gibt es kein Endlager. „Als unsere Anlagen in Betrieb genommen wurden, ist man davon ausgegangen, dass die Abfälle geordnet verbracht werden“, so Pieter Wasmuth, Generalbevollmächtigter von Vattenfall in Hamburg. Doch auf ein Endlager warten die Betreiber bis heute. „Die Fässer hätten alle abtransportiert werden dürfen, wenn Morsleben nicht einen Annahmestopp bekommen hätte“, so Schappert.

Für leicht und mittelstark radioaktiv belasteten Abfall soll nun ab 2019 Schacht Konrad bei Salzgitter als Endlager zur Verfügung stehen – allerdings dürfen hier keine 200-Liter-Fässer mehr, sondern nur die größeren Typ-6-Container angeliefert werden. Die Akw-Betreiber müssen also die aufwendigen Umfüllaktionen vornehmen. „Die Fässer sind damit leider nur noch ein Zwischenprodukt“, sagt Schappert.

Im vergangenen Jahr wurden mehrere Hundert Fässer umgefüllt, 15 Typ-6-Container stehen seitdem bereit. Für sie ist eine Genehmigung auf Abtransport per Lkw gestellt – sie sollen nach Brunsbüttel verbracht und dort weiter in einer großen Halle gelagert werden – bis es ein Endlager in Deutschland gibt.

Offen bleibt die Frage, warum in Brunsbüttel im vergangenen Jahr Fässer verrosten konnten, obwohl Inhalt und Lagerung vergleichbar mit den Fässern in Krümmel waren. Möglich wäre einer Restfeuchte oder ein fehlerhaftes Fass, aber auch ein Fehler beim Umfüllen. „Das darf man nicht verallgemeinern. Wir müssen das weiter untersuchen und aufarbeiten“, so Wasmuth.