Jugendliche wollen meist mehr als erlaubt

Haben wir zu viele Freiheiten?

Bergedorf. Alkohol und Zigaretten mit 14, Diskonächte mit 16, Schönheits-OPs mit 17 – Teenager wollen meist mehr, als erlaubt ist. Die Schülerinnen Helen Paust, Julia Hewelt, Mona Fischer und Jennifer Mangler sprachen mit Müttern und einer Psychologin:

Was die Jugendlichen laut Gesetz überhaupt dürfen, was ratsam ist und was nicht, das ist meist Eltern und ihren Kindern nicht oder nur begrenzt bekannt. Wir haben zwei Mütter von 15-Jährigen gegenübergestellt und die Hamburger Psychologin Annika Lohstroh nach ihrer Einschätzung befragt.

Das Interview:

Schülerinnen: Wann muss ihre Tochter unter der Woche und am Wochenende zu Hause sein?

Angelika (44): In der Woche 19.30 Uhr, am Wochenende 20.30 Uhr.

Ute (45): In der Woche 22 Uhr, bei Ausnahmen auch länger, wenn ich weiß wo sie ist. Am Wochenende um 23 Uhr, aber oft kommt sie um Mitternacht. Das dulde ich nur, wenn sie jemand nach Hause bringt.

Psychologin: Ich finde 19.30 Uhr vernünftig. So kann die Familie noch gemeinsam essen. 22 Uhr sollte eher eine Ausnahme sein, bei Feiern beispielsweise oder wenn die Kinder abgeholt werden können.

Wann muss ihre Tochter in der Woche im Bett liegen?

Angelika: Um 22 Uhr.

Ute: Das ist ihr überlassen. Hauptsache, sie kommt morgens aus dem Bett. Erfahrungsgemäß reguliert sie das für sich selbst sehr gut.

Psychologin: Wenn man bedenkt, dass Jugendliche rund acht Stunden Schlaf brauchen und manchmal schon um 6 Uhr aufstehen müssen, sollten sie um ca. 22 Uhr im Bett liegen.

Darf der Freund bei ihrer Tochter übernachten?

Angelika: Ja, er darf, aber nicht in einem Bett.

Ute: Ja, denn was sie nachts machen können, können sie auch am Tag.

Psychologin: Das sehe ich auch so: Sex können sie immer und überall haben. Also ist das Übernachten besser, so wissen die Eltern Bescheid. Die Jugendlichen sollten Verantwortung übernehmen, sollten aber aufgeklärt sein und selbstverständlich sollte rechtzeitig und intensiv über Verhütung gesprochen werden.

Wie alt darf der Freund ihrer Tochter sein?

Angelika: Höchstens 17 Jahre alt.

Ute: Meine Tochter hat das selber zu entscheiden. Ich will nur nicht, dass er jünger ist als 13. In die ältere Richtung ist mir das egal.

Psychologin: Der erste Freund sollte etwa gleichaltrig und nicht wesentlich älter sein. Am besten die Eltern kennen ihn oder möchten ihn kennen lernen.

Darf ihre Tochter Alkohol zu sich nehmen und wenn ja welchen?

Angelika: Nur wenn ich dabei bin oder ihr Vater darf sie Bier oder etwas Wodka trinken.

Ute: Ja. Sie tut es sowieso, egal was ich sage. Ich muss sagen, dass ich zu ihr ein großes Vertrauen habe. Ich verbiete ihr keinen Umgang mit Alkohol, denn sie weiß, dass sie es nicht übertreiben sollte.

Psychologin: Wodka mit 15? Bitte nicht! Klären Sie von Anfang an über die Auswirkungen von Alkohol auf. Auf dem Münchner Oktoberfest wurden beispielsweise sechs betrunkene Mädchen vergewaltigt. Damit Eltern Kontrolle haben, kann ein Glas Sekt oder ein Glas Wein zum Essen als Genussmittel erlaubt sein. Denken Sie immer daran: An Ihrem Vorbild lernt der Jugendliche den Umgang mit Alkohol!

Darf ihre Tochter Zigaretten rauchen?

Angelika: Nein, auf keinen Fall.

Ute: Nein, denn ich möchte nicht, dass sie abhängig wird.

Psychologin: Nein. Die Probezigarette sollte die letzte sein.

Darf ihre Tochter illegale Drogen wie Speed zu sich nehmen?

Angelika: Nein, auf keinen Fall.

Ute: Ich sehe das hier genauso wie beim Alkohol.

Psychologin: Nein. Genau wie das Rauchen sind Drogen tabu. Und auch, wie starker Alkohol und Zigaretten, gesetzlich für 15-Jährige verboten.

Legen Sie Wert auf die gesunde Ernährung?

Angelika: Ja, aber ich bin berufstätig, daher kocht sie selbstständig.

Ute: Ich bin berufstätig, aber ich gebe ihr viel Obst und Gemüse mit zur Schule und lege Wert darauf, dass wir mindestens zweimal in der Wochen zusammen essen.

Psychologin: Gesunde Ernährung ist sehr wichtig, nicht nur um Übergewicht vorzubeugen. Auch der soziale Aspekt ist für den Familienzusammenhalt entscheidend: Möglichst einmal am Tag sollte die Familie gemeinsam am Tisch sitzen, wie ein Ritual. Das Essen kann von allen vorbereitet werden, man kann den Tag besprechen oder lockere Rate-Spiele spielen. Ich kenne aus meiner Praxis Familien, die machen zweimal pro Woche einen ganzen Familienabend.

Was halten Sie davon, wenn Ihre Tochter eine Schönheits-OP an sich machen lassen wollte?

Angelika: Ich finde, dass man mit Makeln leben können muss. Ich würde so etwas nie erlauben, um einem Schönheitsideal zu entsprechen. Wenn jemand einen Unfall hatte und das Gesicht müsste beispielsweise rekonstruiert werden, dann ist das etwas anderes.

Ute: Ich würde das meiner Tochter niemals erlauben. Ich finde, dass jeder so bleiben soll, wie er auf die Welt gekommen ist. Durch eine Schönheitsoperation würde man sein Ich verändern.

Psychologin: Davon halte ich gar nichts. Ausnahme ist hier, wenn ein extremes Leiden vorliegt, welches vom Gutachter bestätigt werden würde. Dann zahlt übrigens auch manche Krankenkasse. Aber eine Brustvergrößerung, wenn die Brüste noch wachsen, ist unakzeptabel. Mit 15 ist jeder Teenager mit sich unzufrieden, Schönheits-OPs erscheinen als so einfach und effizient. Doch für die Psyche ist es wesentlich besser, die kleinen „Makel“ zu akzeptieren: Das stärkt das Selbstbewusstsein. Motto: Ich bin anders als die anderen – und das ist gut so!

Gibt es Konsequenzen, wenn eine Regel nicht eingehalten wird?

Angelika: Ich rege mich darüber auf, dass sie zum Beispiel zu spät ist. Wir unterhalten uns über die Konsequenzen wie zum Beispiel Computerverbot.

Ute: Wir reden darüber und versuchen, es ordnungsgemäß zu klären.

Psychologin: Konsequenzen müssen sein, müssen aber auch im Verhältnis stehen. Wenn das Kind beim Rauchen erwischt wurde, ihm aber schon speiübel ist, dann ist das Strafe genug.
Fragen Sie immer nach dem WARUM, wenn eine Regel nicht eingehalten wurde. Beim ersten Mal kann man manches auch noch mit mündlichen Ermahnungen und Verständnis durchgehen lassen, allerdings sind Lügen generell tabu.
Bei allen Freiheiten ist die Beziehung, der Kontakt zwischen Eltern und Kindern sehr wichtig. Natürlich sollten Kinder lernen, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen.
Wer also eine Markenjeans haben möchte, muss sich eben die Differenz im Vergleich zur normalen Jeans dazuverdienen. Viele Eltern haben Angst oder keinen Nerv für Auseinandersetzungen – und geben lieber nach. Aber die Kinder wollen und brauchen diese Differenzen für ihre Entwicklung.