Mobilität im Alter

Wenn der demente Vater noch mit dem Auto fährt ...

Nicht Open-air, „aber bei Info-Tagen in Hamburger Seniorentreffs nehme ich immer Herrn Maschke mit, um über Verkehrssicherheit zu sprechen“, sagt Oberkommissar Jörg Naused.

Nicht Open-air, „aber bei Info-Tagen in Hamburger Seniorentreffs nehme ich immer Herrn Maschke mit, um über Verkehrssicherheit zu sprechen“, sagt Oberkommissar Jörg Naused.

Foto: Anne Strickstrock / BGZ / Anne Strickstrock

Jörg Naused ist Seniorenbeauftragter der Hamburger Polizei. Er hat reichlich zu tun und fordert alternative Mobilitätskonzepte.

Bergedorf. Ups, der kam aber jetzt superschnell herangerauscht! Wie dicht muss ich eigentlich fahren, bis dieses komische Schild wirklich gut zu erkennen ist? Wahrnehmung, Kraft und Konzentration sind die Zauberworte im Straßenverkehr. Die „sichere Mobilität im Alter“ ist das Thema von Jörg Naused. Der 54-jährige Oberkommissar ist seit Anfang 2019 einer von zwei Seniorenbeauftragten der Hamburger Polizei – und hat reichlich zu tun, denn es mehren sich solche Anrufe: „Mein Vater ist dement und fährt noch Auto. Was können wir bloß tun?“

Ein knifflige Frage, die durchaus individuell zu beantworten ist, ohne dass monatelang der Haussegen schief hängt: „Ist doch verständlich, dass der Verlust des Führerscheins auch die Angst einer sozialen Vereinsamung mit sich bringt“, sagt Naused. Er ist mit Respekt und „nicht mit erhobenem Zeigefinger“ unterwegs. Er einen ganz praktischen Tipp hat, nämlich die Rückmeldefahrten“ in Fahrschulen: „Da fährt man im eigenen Auto und bekommt nach einer Stunde ein Feedback. Und der Fahrlehrer ist weder gegenüber der Polizei noch der Führerscheinstelle meldepflichtig.“

Rentner fahren im Schnitt maximal 3000 Kilometer

Das wird er auch am Freitag, 18. September, erzählen, wenn er auf Einladung des Bergedorfer Seniorenbeirates von 10 bis 14 Uhr vor St. Petri und Pauli informiert – gemeinsam mit der Landes-AG für behinderte Menschen und dem HVV, der mit einem Linienbus kommt, damit man mit Rollstuhl und Rollator das Ein- und Aussteigen üben kann.

19 Prozent aller Bergedorfer haben das 65. Lebensjahr erreicht. Solang sie noch im Berufsleben sind, tauchen sie selten in der Verkehrsunfallstatistik auf. „Aber ab 75 verursachen sie vermehrt Unfälle, und ab 80 gehen die Zahlen durch die Decke“, warnt Jörg Naused. Wichtig ist die Relationen: Junge Leute fahren jährlich bis zu 40.000 Kilometer (ein Berufskraftfahrer kann es auf 150.000 Kilometer bringen). „Aber Rentner fahren im Schnitt maximal 3000 Kilometer im Jahr, gerade mal zum Arzt, zur Apotheke, zum Markt oder zum Friedhof. Da fehlt Fahrpraxis.“ Besser sei, auf einen Taxifahrern zu setzen. „Und wer rechnet, zahlt im Taxi weniger als für Versicherung, Steuern, Benzin und Stellplatz“, so der Polizist. Er rät dazu, es zu genießen, stressfrei ans jeweilige Ziel zu gelangen.

Auf den Straßen dreimal mehr Fahrzeuge als im Jahr 1975

Da heute dreimal so viele Fahrzeuge auf der Straße sind wie noch 1975, empfiehlt er auch nicht jedem Senior, auf ein E-Bike umzusteigen: „Das kann eine gute Alternative sein, doch auch 25 Stundenkilometer sind schnell, wenn man spontan in die Eisen muss. Da hilft vorab ein Fahrtraining.“ Natürlich kenne er auch die Sorgen der Vier- und Marschländer, die vielleicht abends mal ins Hamburger Theater wollen. Da wäre ein Fahrdienst wie „ioki“ hilfreich, aber „die brauchen eine Telefon-Hotline, sollten nicht nur über App funktionieren“.

In jedem Fall dürfe Hamburg nicht allein aufs Radfahren setzen, brauche alternative Mobilitätskonzepte: „Vor zwei Wochen habe ich noch den HVV gefragt, ob Senioren ein Jahr lang kostenlos fahren dürften, wenn sie freiwillig den Führerschein abgeben.“ Sinnvoll seien auch „Mitfahrbänke“ wie im Alten Land oder ein Blick nach Uelzen: „Die Stadt bietet 9-Sitzer-Busse mit ehrenamtlichen Fahrern, die an festgelegten Punkten die Leute einsammeln“, erfuhr der 54-Jährige.

Mitfahrbänke und Busse, die von Ehrenamtlichen gefahren werden

Wenn er in Seniorentreffs eingeladen wird, bringt er auch seine Gitarre mit und das betagte Ehepaar Hiltrud und Wilfried Maschke, das wunderbar erklären, aber auch streiten kann. Die niedlichen Puppen helfen bei der Kommunikation – und machen deutlich, was viele Senioren die Polizei fragen: Warum nämlich die Fußgängerampel „immer viel zu kurz grün geschaltet“ ist. Das liegt an der Hamburger Null-Statistik: Noch keiner ist mitten auf der Straße angefahren worden, „die Auto-Ampel springt ja nicht sofort auf Grün um“, wissen Verkehrsprofis. Sie stimmen sich übrigens mit 25 Organisationen ab: Jörg Naused ist Vorsitzender des Arbeitskreises Senioren im Hamburger Forum für Verkehrssicherheit.