Recycling

Zigarettenkippen werden in Bergedorf jetzt zum Wertstoff

Wolfgang Kemener (li.) und Ercan Dalgic sammeln jetzt Zigarettenstummel.

Wolfgang Kemener (li.) und Ercan Dalgic sammeln jetzt Zigarettenstummel.

Foto: Foto / Anne Strickstrock

Im Bootshaus am Schillerufer werden die Stummel in einer Box gesammelt. Eine Firma aus Köln lässt die giftigen Kippen recyceln.

Bergedorf. Das nervt einfach: „Nachts lungern sie hier herum, und morgens muss ich immer leere Flaschen und Zigarettenstummel aufsammeln“, ärgerte sich Wolfgang Kemener, der das Bootshaus am Schillerufer betreibt. Und pfiffig ist: Denn viel Plastikmüll wird nun von den Leuten eingesammelt, die kostenfrei ein „Green Kajak“ ausleihen. Und für die giftigen Kippen fand er jetzt via Internet auch eine Lösung: Seit Anfang Juli gibt es eine Sammelstelle. „Ich will den Leuten ja keine schlechte Stimmung machen, weise sie jetzt aber darauf hin, die gerauchten Zigaretten in die Box zu werfen und bitte nicht in die Bille.“

Der Clou: Die Box wird kostenfrei eingesammelt, ihr Inhalt recycelt. Im Spritzgussverfahren oder per 3-D-Druck werden aus den Kippen kleine Aschenbecher gefertigt. Die Idee stammt von Mario Merella aus Köln, der 2018 den Verein „TobaCycle“ gründete, der inzwischen knapp 600 Mitglieder zählt.

„Zweite Chance“ für die Kippen

„Gib deinen Kippen eine zweite Chance“, lautet das Motto des Unternehmers, der Datenverarbeitungskaufmann gelernt hat, zudem Optiker-Meister ist. „Aber jetzt habe ich die Vision von Nachhaltigkeit. Und diese Aufgabe ist bei mir gut aufgehoben“, meint der 56-Jährige, der selbst etwa 15 Zigaretten am Tag raucht.

„Die trockenen Kippen werden staubfein gemahlen, bei 60 Grad mit ökologischem Kunstharz aus Norwegen vermengt und als Füllstoff für Granulat verwendet“, erklärt Merella. Auf die Weise bestünden die kleinen Aschenbecher derzeit zu fünf Prozent aus recycelten Kippen.

Er kooperiert mit der TU Aachen und einer Biogasanlage in Polen, habe inzwischen auch Anfragen aus Kanada und Südkorea. In Deutschland allein würden sich bereits 600 Unternehmen beteiligen, wurden bereits 12.000 Kilogramm Kippen gesammelt. Der Geschäftsmann betont: „TobaCycle ist das Sammelsystem, wir sind nicht der Verwerter.“

4300 Milliarden Zigaretten werden jährlich produziert

Das Ziel der Pionierarbeit sei die rückstandsfreie Verwertung, auch von Asche, Giftstoffen und Papier. „Die Fertigung von Produkten aus recycelten Zigarettenkippen wurde bisher noch nicht im industriellen Maßstab umgesetzt“, sagt Mario Merella – und nennt diese Fakten: 4300 Milliarden Zigaretten werden pro Jahr weltweit produziert. 80 Prozent hiervon werden achtlos in die Umwelt geworfen. Allein in Deutschland kommen jährlich rund 40.000 Tonnen Abfall an Zigarettenkippen zusammen, ihre Filter enthalten Giftstoffe wie Nikotin, Vinylchlorid, Teer, Formaldehyd, Hydrazin, Ammoniak, Kohlenmonoxid, Benzol, Polonium, Blausäure und Arsen.

„Zigarettenkippen sollten also als Problemabfall oder Sondermüll eingestuft werden und das Wegwerfen in die Umwelt mit entsprechenden Strafen geahndet werden“, fordert Merella von der Politik. Tatsächlich bestrafen in Hamburg die „Waste Watcher“ bereits auch das Wegwerfen von Kippen. Forscher untersuchen noch, ob eine Kippe 100 oder 500 Liter Wasser kontaminieren kann.

Man möge bitte noch Geduld haben, fertige Produkte seien noch nicht zu kaufen: „Wir investieren derzeit hauptsächlich in weitere Forschungsarbeit für den völlig neuen Wertstoff Zigarettenkippe. Denn auch Biogasanlagen kommen infrage, wo die Giftstoffe durch Keime eliminiert werden können. Ein dritter Weg wären Pyrolyse-Anlagen, also die Gasstoff-Verwertung“, erklärt der Kölner – und hofft auf weitere Unterstützer wie Kommunen oder große Firmen, die ihre Zigarettenkippen gesammelt abgeben.

Sammelboxen gibt es bereits in Bremen oder Berlin

Wer 20 Euro im Jahr bezahlt, kann auch Mitglied werden im nicht eingetragenen Verein (n.e.V.). Zur Erklärung: Der wesentliche Unterschied besteht in der fehlenden Haftungsbeschränkung. Der Vereinsvorstand kann daher grundsätzlich mit seinem Privatvermögen haftbar gemacht werden.

Nicht nur in Köln und Hamburg, auch auf Borkum und Norderney, in Bremen und Berlin gibt es bereits Sammelstellen – und jetzt eben auch in Bergedorf.

„Ich habe zum Glück vor einer Zahn-OP mit dem Rauchen aufgehört“, sagt Kanu-Verleiher Wolfgang Kemener. Nicht so sein Nachbar Ercan Dalgic von der Gastronomie „Locanda Riva“: „Ich rauche gern und sammel die Kippen ein. Auch die, die hier jeden Morgen auf den Wegen am Schillerufer liegen.“