Interreligiöser Diskurs

Livestream: Werden wir eine multi-religiöse Gesellschaft?

Verändern wir uns von einer rein christlichen in eine multi-religiöse Gesellschaft? Darüber diskutiert der Verein für Völkerverständigung.

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Bergedorfer Verein für Völkerverständigung lädt zur Livestream-Diskussion – und besuchte den Hindu-Tempel der Afghanen.

Bergedorf.  Wer hinter die Marmorfassade an der Billstraße 77 in Rothenburgsort blicken will, muss erst seine Schuhe ausziehen und die Hände waschen. Dann geht es in den ersten Stock mit einer großen Küche und einen Saal, wo Hochzeiten mit bis zu 400 Gästen gefeiert werden. In der zweiten Etage findet sich der große Gebetsbereich des 1991 gegründeten Vereins der afghanischen Hindu-Gemeinde, die 2500 Hindus in Hamburg vertritt.

Viele Hindus leben im Bezirk Bergedorf

„Damit sind wir die größte Gemeinde in Norddeutschland. In Neuallermöhe, Nettelnburg und Lohbrügge leben viele afghanische Hindus, die mit der S 21 sonntags zum Tempel fahren“, erzählt Sanchit Sharma. Der 24-Jährige flüchtete als Siebenjähriger mit seiner Familie aus dem afghanischen Kandahar und wohnte zunächst auf einem Flüchtlingsschiff in Altona. Der Maschinenbau-Student wuchs anschließend in Bergedorf auf und lebt heute in Geesthacht.

Patenschaftsprogramm mit Flüchtlingen

In Bergedorf beteiligt er sich am „interreligiösen Diskurs“ des Vereins für Völkerverständigung, der in seinem Patenschaftsprogramm Ausflüge von Mentoren und Flüchtlingen plant, so Organisator Sebastian Schwerdtfeger: „Wir haben zunächst die Bergedorfer Moschee besucht und den Unterschied von Sunniten und Schiiten gelernt.“ In Afghanistan sind die Hindus eine verschwindend kleine Minderheit im streng muslimischen Land.

Der Unterschied von Protestanten und Katholiken

Zudem erklärte eine Lohbrüggerin das eritreische Christentum: Professorin Dr. Maija Priess lehrt an der Uni Afrikanistik und Äthiopistik. Weiter besuchte die Gruppe St. Petri und Pauli, wo Pastorin Gwen Bryde (Bergedorfer Marschen) und Pfarrer Markus Diederich (Pfarrei Heilige Elisabeth) das Christentum beleuchteten. Eigentlich war noch ein Gespräch Bergedorfs Aleviten geplant sowie ein Besuch der jüdischen Synagoge an der Hohen Weide – doch dann kam die Pandemie dazwischen. Wohl aber konnte noch der ganzjährig geöffnete Hindu-Tempel besucht werden.

Feuerkreise um Götterstatuen

„Viele Besucher bringen zur Zeremonie als Opfergabe Früchte mit. Wir treffen uns jeden Sonntag von 13 bis 16 Uhr“, berichtet Sanchit Sharma, der die Gesänge und Gebete liebt, und die Feuerkreise um die Götterstatuen: „Bis auf unseren Dialekt ist fast alles ähnlich wie beim Hinduismus in Indien.“ Und so achtet ein Shastriji (Priester) darauf, dass niemand mit dem Rücken zu den Gottheiten steht. Das würde Brahma, Vishnu oder den zerstörerischen Gott Shiva (stets mit Dreizack und Schlange dargestellt) unversöhnlich stimmen. „Ich bete meist zu dem Gott Ram, denn er hat meine Familie vor dem Krieg beschützt“, glaubt Sharma, der seine Religion im Alltag sehr häufig erklären muss: „Es ist sehr komplex, denn unsere Götter verkörpern Energiequellen, die Verzweiflung in Licht und Hoffnung umwandeln.“

„Die Vielfalt beibehalten“

Das Lichterfest Diwali ist schon in Deutschland bekannt, ebenso das bunte Holi-Fest. „Es bedeutet, dass wir unter unserer Farbe alle gleich sind“, sagt der 24-Jährige und ergänzt: „Viele Menschen und Religionen haben unsere Gesellschaft geprägt. Diese Vielfalt müssen wir beibehalten, gerade angesichts der aktuellen Rassismus-Debatte.“

Donnerstag den Live-Stream verfolgen

Verändern wir uns von einer rein christlichen in eine multi-religiöse Gesellschaft? Darüber diskutiert der Verein für Völkerverständigung am morgigen Donnerstag, 19 Uhr, mit drei Gästen im Bergedorfer Kulturforum. Für die Nordkirche spricht Pastor Dr. Sönke Lohberg-Fehring, dazu kommt Daniel Abdin vom Zentralrat der Muslime sowie Mitbegründer der Schura Hamburg (Dachverband der Moscheen). Dritter Mann ist Dr. Ulrich Dehn, der an der Uni Hamburg Religionswissenschaften lehrt. Mit NDR-Moderator Daniel Kaiser ist das Gespräch via Live-Stream unter www.bergedorfer-zeitung.de zu verfolgen. Die Akademie der Weltreligionen lässt zudem eine Dokumentation folgen.