Wahlprogramme

Welche Verkehrswende für Bergedorf?

Seit Jahren typisch für Bergedorf: Schienenersatzverkehr Richtung Hamburg, weil die S-Bahn nicht fährt.

Seit Jahren typisch für Bergedorf: Schienenersatzverkehr Richtung Hamburg, weil die S-Bahn nicht fährt.

Foto: Büh, Florian (www.RTVP.de)

Mobilität ist ein großes Thema in Bergedorf. Wir fragen die Parteien im Bürgerschaftswahlkampf nach ihren Positionen.

Bergedorf. Kurz vor der Bürgerschaftswahl an diesem Sonntag fragen wir bei den Parteien nach: Wie wollen sie die wichtigsten Bergedorfer Themen in der Bürgerschaft umsetzen? Heute: Mobilität

Unsere vier Leitfragen: Reicht es aus, der DB AG mit der Kündigung des Vertrages für den S-Bahn-Verkehr zu drohen, um Verbesserungen für die S 21/S 2 durchzusetzen?

Wie wahrscheinlich ist es, dass Hamburg Hunderte von Millionen Euro für die Verlängerung der U 2 über Lohbrügge nach Bergedorf oder zur Anbindung von Oberbillwerder locker macht?

Was soll Hamburg zur Förderung des Radverkehrs tun, was besser unterlassen?

Die Zahl der Privat-Kfz ist in den vergangenen Jahren in Hamburg weiter gewachsen. Wie realistisch ist da der Gedanke, wichtige Teile der Stadt autofrei zu machen?

SPD

Wir machen keine einseitige Politik gegen die eine oder andere Gruppe von Verkehrsteilnehmern. Deshalb haben wir 2011 begonnen, den jahrelangen Sanierungsstau bei Straßen, Rad- und Fußwegen abzubauen. Die autofreie Innenstadt lehnen wir ab, neue Fußgängerzonen, z. B. am Jungfernstieg, finden wir gut.

Damit mehr Menschen Bus und Bahn fahren, senken wir die Preise: Schüler sollen künftig kostenlos Bus und Bahn fahren, Auszubildende nur einen Euro am Tag zahlen, das Seniorenticket gilt in der gesamten Tageszeit. Wir wollen neue Buslinien und 600 neue Haltestellen einrichten, die Busflotte mit 750 Elektro-Bussen um 50 Prozent vergrößern und eine neue U-Bahn quer durch die Stadt bauen.

Die S-Bahn-Pannen ärgern uns alle. Leider hat die Bahn Gleis- und Signalanlagen verkommen lassen. Wir haben durchgesetzt, dass sie die Anlagen jetzt mit Hochdruck repariert, die Zugfrequenz mit neuer Technik verbessert und die S 2 zur regelmäßig fahrenden Linie ausbaut.

CDU

SPD und Grüne haben tatenlos zugesehen, wie Bergedorf verkehrlich abgehängt wird. Daran ändern wortreiche Ankündigungen vor der Wahl nichts. Die Bergedorfer brauchen konkrete Lösungen: Für verlässliche und pünktliche Busse und Bahnen muss das erforderliche Geld investiert und der Druck auf die Bahn erhöht werden. Auch die Verlängerung der U2 über Lohbrügge nach Bergedorf ist sinnvoll und richtig. Aber eine solche Planung und Umsetzung wird viele Jahre in Anspruch nehmen. Deshalb braucht es vorher kurzfristige Verbesserungen, auch um die nicht gut erschlossenen Gebiete vernünftig an den ÖPNV anzuschließen.

Um den Radverkehr zu fördern, müssen sichere Radwege gebaut werden, statt gefährliche Fahrstreifen auf die Fahrbahnen zu malen. Es gibt Straßen, die autofrei sein können. Eine autofreie City, wie es die Grünen wollen, lehnen wir aber ab. Statt grüner Verbote setzen wir darauf, Bus- und Bahnfahren attraktiver zu machen und ein 365 Euro HVV-Jahrestickets einzuführen.

DIE LINKE

Ein Mobilitätskonzept für Bergedorf setzt eine zuverlässige S-Bahn und eine zweite, leistungsfähige Anbindung nach Westen voraus. Das können die Stadtbahn oder die Verlängerung der U2 sein. Beides scheint aber vom Senat nicht angestrebt zu werden. Hamburg muss massiv in den ÖPNV investieren. Es müssen das gesamte Streckennetz massiv ausgebaut, die Taktung verkürzt, die Fahrpreise gesenkt und die Betriebszeiten verlängert werden. Gleichzeitig müssen die Innenstadt und die Bezirkszentren, mit Ausnahmen für z. B. Handwerk und in der Mobilität eingeschränkte Menschen, autofrei gestaltet werden.

Für den Radverkehr erwarten wir, dass Hamburg zumindest seine Ankündigungen erfüllt und dann auch die Umgestaltung des Verkehrsraums zugunsten des Radverkehrs und der Fußgänger umsetzt.

FDP

Wir dürfen Menschen nicht gegeneinander ausspielen, wie sie zur Arbeit kommen oder ihren Einkauf erledigen, sondern müssen attraktive Alternativen zum Auto schaffen.

Wir brauchen unbedingt eine Entlastung für die S 21/S 2. Der Betrieb auf der Strecke ist am Anschlag. Der Ausbau der U 2 ist unumgänglich.

Autoverkehr verbraucht viel Raum in einer wachsenden Stadt, wo der Platz knapp ist. „Autofrei“ ist sicher keine Alternative, und der Begriff ist irreführend: Selbst die Fahrradstadt Kopenhagen ist nicht autofrei, sondern hat gut 30 Prozent Autoverkehrsanteil.

Priorität für die Entwicklung von guten Radwegen muss ein sicheres Schulwegekonzept sein. Erst einmal soll jedes Kind zur Schule radeln können, dann planen wir von hier aus weiter. Wenn es uns pragmatisch gelingt, einen Großteil des ruhenden Verkehrs von der Straße zu holen, etwa über Quartiersgaragen, wäre schon viel gewonnen.

Die Grünen

Wir haben ein großes Interesse daran, dass die S-Bahn endlich besser funktioniert und nutzen derzeit alle uns zur Verfügung stehenden Daumenschrauben. Der laufende Vertrag wurde von der SPD 2011 ausgehandelt und die Frage, wie ein solcher künftig auszusehen hat, steht im Raum. Ob eine ausgesprochene Kündigung zu einer unmittelbaren Besserung im Betrieb führte, bleibt fraglich. Und eine Verlängerung der U 2 von Mümmelmannsberg nach Bergedorf steht in der Hamburger Priorisierung weit hinten.

In Sachen Radverkehr wollen wir die Velorouten fertigstellen und um Radschnellwege und Komfort-Routen ergänzen. Wir werden auch die bezirklichen Radverkehrskonzepte umsetzen und die Schulwege genauer betrachten. Unser Ziel für die Verkehrswende: 100 km neue Radverkehrsanlagen pro Jahr. Dafür werden wir dem Autoverkehr Platz wegnehmen.

Eine autofreie Hamburger Innenstadt ist unser erklärtes Ziel. Zwar steigt die Zahl der zugelassenen Kfz, aber auch die der hier wohnenden Menschen. Die Zahl der Kfz pro 1000 Einwohner ist konstant.

AFD

Ohne Oberbillwerder würde der Druck auf die S 21/S 2 nicht so stark steigen. Die DB steht in der Pflicht, ihre Taktung dem Bedarf anzupassen.

Wegen des Ausbaus der U 5 (nach Steilshoop) ist voraussichtlich in naher Zukunft kein Geld für ein anderes Projekt, die Verlängerung der U 2 nach Bergedorf, frei.

Die Verlegung des Radverkehrs auf die Fahrbahnen ist gefährlich und sofort zu beenden. Radwege auf dem Bürgersteig sind zu sanieren und auszubauen. Gleichzeitig muss Schluss sein mit der Diskriminierung der Autofahrer. Gerade mobilitätseingeschränkte Bürger sind oft auf das Auto angewiesen. Parkplatzabbau muss sofort beendet werden, Parkplatz-Suchverkehr belastet Anwohner und Umwelt.

ÖDP

Der ÖPNV muss im Bergedorfer Gebiet deutlich ausgebaut werden. Wir wollen eine regelmäßigere Taktung der Abfahrmöglichkeiten im gesamten Gebiet, Barrierefreiheit, zuverlässige S-Bahn-Verstärker und den Ausbau von Bushaltestellen, um den Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel auch im ländlichen Gebiet attraktiv zu gestalten.

Die ÖDP spricht sich ebenso für kostenloses P+R, kostenlose Fahrradparkplätze, intelligente Ampelschaltung, verkehrssicheren Ausbau des Radwegenetzes sowie dessen Räumung im Winter aus.

Die Stadt der schnellen Wege ist unser Ziel: Der Hauptbahnhof soll durch neue Tangentialverbindungen entlastet werden. Vor einem Ausbau der U-Bahn stehen für uns kurzfristig zu realisierende Systeme wie die Stadtbahn.

FREIE WÄHLER

Es reicht nicht, der Bahn mit der Kündigung des Vertrages für die S-Bahn zu drohen, um die Situation der S 21/S 2 zu verbessern. Wir fordern die Regress- und Schadenersatzansprüche auch gegen Lieferanten zu prüfen. Ferner ernsthaft neue S-Bahn-Partner zu suchen und aktuell alle Ausfälle oder Verspätungen in einem Transparenzportal quartalsweise zu veröffentlichen. Unabhängig davon macht es großen Sinn, sich um die Verlängerung der U 2 nach Bergedorf zu kümmern.

Gleichzeitig muss Radfahren sicherer, schneller und bequemer werden. Wir wollen Fahrradbrücken und -übergänge über große Kreuzungen wie den Deichtorplatz bauen und das Veloroutennetz schnell ausbauen. Auf die Straße gepinselte Radschutzstreifen lehnen wir ab.

Wir unterstützen die neue Volksinitiative „Klimawende jetzt – Autos raus aus der Hamburger Innenstadt” in ihrem Ziel der autofreien City.