Bergedorf

Architekten fordern mehr Qualität im Wohnungsbau

Haus an Haus an Haus: So wie hier an den „Glasbläserhöfen“ wird vielerorts dicht gebaut.

Haus an Haus an Haus: So wie hier an den „Glasbläserhöfen“ wird vielerorts dicht gebaut.

Foto: Foto: / NEWS & ART

Aufwand für Planung und Technik steigt. Wie kann trotzdem lebenswerter Wohnraum entstehen? Ausstellung im CCB soll Debatte anregen.

Bergedorf.  Mit Skepsis blicken viele Hamburger auf die Baustellen dieser Stadt: Wo neue Wohnungen entstehen, wird oft zu dicht gebaut, mit klotzigen Einheitsgebäuden, in denen noch dazu hohe Mieten verlangt werden. Der Bund Deutscher Architekten (BDA) in Hamburg sieht die Entwicklung ebenfalls mit Sorge – und hat nun eine Debatte angestoßen.

Eine kleine Ausstellung, die jetzt im CCB zu sehen ist („Qualität im Wohnungsbau ist… eine Investition in die Zukunft!“, bis 16. März auf der Gastrobrücke), zeigt nicht nur die Vorstellungen von BDA-Architekten zum Thema guter Wohnungsbau. Sie will auch die Betrachter anregen, auf Mitmachwänden mitzudiskutieren – für eine neue Qualitätsdebatte.

Baunormen widersprechen sich

Kosten, Bauvorschriften und auch das Anspruchsdenken der Menschen hätten sich zu einem Knäuel von Problemen entwickelt, bedauerten Daniel Kinz, 1. Vorsitzender des BDA Hamburg, und Vorstandsmitglied Tobias Münch im Bergedorfer Stadtentwicklungsausschuss. Etwa die Bauvorschriften: „Es gibt DIN-Normen, die widersprechen sich", stellte Tobias Münch fest.

Er nannte ein Beispiel: So seien auf einer Baustelle, wie gefordert, Schallschutzfenster und -türen eingebaut worden. Da die Türen aber notwendigerweise eine Schwelle hatten, waren die Wohnungen nun nicht mehr barrierefrei. Also anderes, dickeres Glas. „Das aber wäre für Menschen im Rollstuhl nur schwer zu öffnen.“ Konsequenz: Nun musste auch noch ein elektrischer Türöffner eingebaut werden.

Steigende Kosten und Einheitswohnblocks

„Solche Kettenreaktionen haben wir jeden Tag“, sagt Münch. Die Folge: immer weiter steigende Kosten für Bau, Planung, Technik – und später für die Miete. Hinzu kommt: Manche Investoren sparen gern an anderer Stelle oder bauen gleich Einheitswohnblocks.

Doch auch die Erwartungen der Menschen trügen ihren Teil dazu bei, dass immer anspruchsvoller gebaut wird. „Wir müssen die Komforterwartungen unterbrechen“, mahnte BDA-Vorsitzender Daniel Kinz.

Alte Häuser mit Charme

Die stets leise, wohltemperierte, barrierefreie Wohnung sei nicht das einzig Erstrebenswerte. Im Gegenteil: In vielen alten Häusern in Quartieren wie Eppendorf sei es auch mal laut, auch mal kalt „und doch sind es Gebäude, in denen man seit 100 Jahren gerne wohnt“. Diese geliebten Quartiere, die auch von der Kleinteiligkeit ihrer Gebäude lebten, könnten heute „so aber gar nicht mehr gebaut werden“, weil es die Vorschriften nicht erlauben.

Akteure sollen an einem Strang ziehen

Alle Akteure – Politik, Verwaltung, Bauherren – müssten deshalb für mehr Qualität an einem Strang ziehen, fordert der BDA. Dass die Flut an Vorschriften das Bauen teuer und kompliziert macht und manche Investoren dazu einlädt,Einheitsbauten zu errichten, sehen auch die Bezirkspolitiker als Gefahr.

„Wir sehen das in Bergedorf in einigen Neubaugebieten. Die sind teilweise ganz schön monoton“, bedauert Liesing Lühr (Grüne). „Immer die gleichen Rechtecke“ seien da gebaut worden, etwa am Schleusengraben. „Doch wie können wir daran arbeiten, davon wegzukommen?“

Gestaltungsspielraum ist zu gering

Der finanzielle Gestaltungsspielraum ist zu gering für Kreativität, meinen die Architekten. Der Grund sind hohe Grundstückspreise, hohe technische Anforderungen – an denen wiederum die Zulieferer ein Interesse haben – und auch ein höheres Anspruchsdenken der Bewohner.

Dabei seien die kleinteiligen, historisch gewachsenen Quartiere ein gutes Beispiel dafür, dass es früher anders ging: „Da gibt es Gebäude, die seit 120 Jahren erhalten und geliebt werden“, obwohl sie vielen modernen Anforderungen nicht genügten, so Tobias Münch vom BDA. Gebe es doch mal Reparaturen, profitiere das lokale Handwerk, „nicht die Industrie“.

Richtlinien stehen im Weg

Die vom BDA geforderte „gemeinsame Anstrengung“ für eine neue Debatte will die Bezirkspolitik annehmen. „Richtlinien können wir jedoch nur bedingt aushebeln“, sagt Paul Kleszcz, SPD-Fraktionschef und Stadtplaner.