Neuer Tarifvertrag

Bergedorfs Jugendamt protestiert gegen Tarifeinstufung

Eines von vier Protest-Plakaten an der Außenfassade des Bergedorfer Jugendamtes.

Eines von vier Protest-Plakaten an der Außenfassade des Bergedorfer Jugendamtes.

Foto: Anne Strickstrock / BGZ / Anne Strickstrock

Mitarbeiter werden in geringerer Lohngruppe eingestuft - zeitgleich starten die Bezirksämter eine Image-Kampagne zur Personalgewinnung.

Bergedorf. Keine 20 Minuten lang hingen die vier Bettlaken vor den Fenstern des Bergedorfer Jugendamtes. „Ist der Hamburger Kinderschutz weniger wert?“ oder „Grün und Rot spart Jugendamt tot“, war von der B 5 aus zu lesen. „Wenig später kam die Security, hat die Dienstaufsicht die Plakate an der Außenfassade abgehängt“, sagen die protestierenden Mitarbeiter des Jugendamtes, die anonym bleiben wollen: Der Protest sei ihnen vorab schriftlich unter Androhung personalrechtlicher Konsequenzen verboten worden.

Zentrale Anlaufstelle für Krisensituationen

Ständige Überlastung und Personalmangel („derzeit sind bei uns zehn Stellen unbesetzt“) sind die Dauerthemen beim Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD), der die zentrale Anlaufstelle ist für Familien in Belastungs-, Krisen- und Notsituationen. Mit dem Jahreswechsel bringt jetzt der neue Tarifvertrag des Sozial- und Erziehungsdienstes das Fass zum Überlaufen: Hamburg hat seine Mitarbeiter in eine niedrigere Entgeltgruppe eingestuft. Dabei war es 2012 noch als Erfolg gefeiert worden, dass die ASD-Kollegen eine „Tätigkeit mit besonderer Schwierigkeit“ haben und hochgestuft worden waren – zur Anerkennung und Wertschätzung ihrer Arbeit.

„Bewerber haben abgesagt“

Dieser Anreiz fällt nun wieder weg: „Das sind zunächst nur 80 Euro brutto weniger. Aber durch die längere Stufenlaufzeit kann das später eine fünfstellige Summe ausmachen“, fürchten die Mitarbeiter – und ahnen, dass entlastende Kollegen absehbar kaum in Sicht sind: „Vier Bewerber haben bereits abgesagt, sind lieber nach Lübeck, Bargteheide und Lüneburg gegangen.“

Dauernd Stellen ausgeschrieben

Zwar sei die Fluktuation von 40 auf zwischenzeitlich 25 Prozent zurückgegangen, so Bergedorfs Sozialdezernentin Sabine Steffen, „aber wir haben dauernd Stellen ausgeschrieben, weil in absehbarer Zeit wieder Mitarbeiter in Elternzeit gehen“. Sie verfügt derzeit über 41 Vollzeitstellen – und würde sich angesichts des Personalmangels nicht wundern, bald wieder eine Überlastungsanzeige auf dem Tisch zu haben.

Dabei ist der Kinderschutz in Hamburg ein hochbrisantes Thema, war es doch schon vielfach zu tragischen Vernachlässigungen gekommen. Und es sind nun mal die ASD-Mitarbeiter, die Hilfen zur Erziehung bewilligen, Schutzmaßnahmen bei Kindeswohlgefährdung gewähren, bei psychischen Problemen ebenso beraten wie bei Gewalt in der Familie, Drogen- und Alkoholproblemen, Scheidungsfragen und sexuellem Missbrauch.

Gewerkschaft unterstützt den Protest

Auch in anderen Hamburger Jugendämtern wurde gestern protestiert: „Lasst uns die Zeit vor der Wahl gemeinsam nutzen und der aktuellen Regierung zeigen, dass ASD und Amtsvormundschaften jetzt noch mehr unter dem Fachkräftemangel leiden“, hieß es. Auch Verdi hat sich eingeschaltet und lädt für Montag, 17. Februar, ins Gewerkschaftshaus am Besenbinderhof 60. Von 16.30 Uhr an heißt es: „Wir wollen die falsche Eingruppierung nicht hinnehmen und zeigen mögliche Handlungsoptionen auf.“

Bezirksämter wollen mit Work-Life-Balance um Personal werben

Und als wäre Zynismus im Spiel kündigte gestern die Finanzbehörde eine neue Image-Kampagne zur Personalgewinnung an, will auf Litfaßsäulen und Bussen und in U-Bahnen mit der „Einzigartigkeit und Qualität der Arbeitsplätze“ werben. Die Arbeit in den sieben Hamburger Bezirksämtern ließe sich mit den vier Merkmalen „Vielfalt, Sinnhaftigkeit, Bürgernähe, Work-Life-Balance“ charakterisieren.