Fehler im Amt

Lohbrüggerin (80) irrtümlich für tot erklärt

Sie musste zuletzt fünf Monate ins Krankenhaus, weil sie in einem bremsenden Bus gestürzt war. „Aber tot bin ich noch lange nicht“, sagt die 80-jährige Hannelore Graupmann.

Sie musste zuletzt fünf Monate ins Krankenhaus, weil sie in einem bremsenden Bus gestürzt war. „Aber tot bin ich noch lange nicht“, sagt die 80-jährige Hannelore Graupmann.

Foto: Anne Strickstrock / BGZ / Anne Strickstrock

Hannelore Graupmann muss um Rente, Medizin und ihr Bankkonto kämpfen.

Lohbrügge.  Nach ihrem Schlaganfall fühlt sie sich vielleicht nicht mehr wie das blühende Leben, aber „ich bin noch lange nicht tot“, sagt Hannelore Graupmann. Und das will und muss die 80-jährige Witwe jetzt der ganzen Welt beweisen – denn nach Mitteilung des Bergedorfer Amtsgerichtes ist sie am 6. November vergangenen Jahres verstorben.

Benachrichtigung vom Nachlassgericht

„Ich war ganz verdaddert, als ich am 16. Dezember einen Brief vom Nachlassgericht bekam“, erzählt Sohn Andreas Wissner. Ebenso erging es seinem Bruder Jens, der sofort von Bergedorf-West nach Lohbrügge fuhr, wo Mama indes ganz friedlich und vergnügt am Küchentisch saß – Gott sei Dank! Schwester Petra und Schwiegertochter Brünja sind ebenso glücklich – auch sie wollte das Gericht im Zuge der Testamentseröffnung noch anschreiben. Immerhin heißt es zu dem Testament: „Auffälligkeiten wurden nicht festgestellt.“

Tote Frau in Altona

Die Aufregung war groß, wie konnte das passieren? „Wir haben gleich beim Gericht angerufen und die haben sich tausendmal entschuldigt“, berichtet Andreas Wissner. Er vermutet, dass der Fehler beim Standesamt in Altona passierte: „Da ist wohl eine Frau in einem Altersheim in Altona gestorben, die genauso hieß.“

Konto gesperrt

Natürlich können Fehler passieren, wo Menschen arbeiten. Bloß hat die überlebende Hannelore Renate Margot Graupmann gerade große Probleme damit: Das Geld wird knapp, denn ihre Rente wurde bereits im November zurückgebucht. Kurz nach Weihnachten folgte die nächste Überraschung: „Da stellte ich fest, dass mein Konto bei der Sparkasse gesperrt ist.“ Auch die Gesundheitsversorgung macht ihr zu schaffen: „Es gibt offiziell keine Medikamente auf Rezept, weil Mutti bei der AOK abgemeldet ist“, klagt der Sohn (55), der schon einen Anwalt einschalten wollte: „Aber allein dessen Schreiben würde schon 137 Euro kosten.“

„Ein Albtraum“

Hannelore Graupmann konnte nicht mehr ruhig schlafen: „Es war ein Albtraum für mich“, sagt die Totgeglaubte, die bei der Verbraucherzentrale anrief und bei der Versorgungsanstalt der Deutschen Bundespost in Stuttgart, um ihre Betriebsrente zu sichern. Zudem lieh sie sich Geld von ihrem Sohn, um die Miete bezahlen zu können. Immerhin versprach die Haspa, ihr spontan 150 Euro zu leihen – wenngleich das Konto bis heute gesperrt ist.

Krankenversicherten-Karte wurde ebenfalls gesperrt

Auch die Hausärztin sprang ein, schrieb Rezepte für Herztabletten und Blutverdünner, obwohl die Karte der AOK nicht mehr einzulesen ist. „Zum Glück kommt der Pflegedienst kulanterweise noch jeden Morgen, obwohl das Pflegegeld über die Krankenkasse eingestellt wurde“, sagt die 80-jährige.

„Wir haben jetzt eine Art Lebensbescheinigung“

Auf Anraten des Bergedorfer Amtsgerichts fuhr Andreas Wissner schließlich am Montag mit seiner Mutter zum Einwohnermeldeamt: „Wir haben jetzt eine Art Lebensbescheinigung“, berichtet der Maler. Auf dem amtlichen Dokument steht: „Die Person hat hier persönlich vorgesprochen.“ Und seit gestern ist nun auch klar, wie der folgenschwere Irrtum zustande kam.

„Das passiert sehr selten“, meint Sandra Perlet, Beraterin beim Bestattungsunternehmen Münzel an der Vierlandenstraße, zu dem Verwechslungsfall. „Der Arzt, der die Todesbescheinigung ausstellt, hat doch in der Regel den Personalausweis vorliegen. Wenn es keine Angehörigen gibt, ruft das Altenheim einen Bestatter an. Der wendet sich an den Friedhof Öjendorf. Dort gibt es eine Stelle, die versucht, Angehörige zu finden.“

Innerhalb von drei Tagen das Standesamt benachrichtigen

Dirk Bakker, Leiter des Bergedorfer Standesamtes, erklärt das übliche Vorgehen: „Bei einem Todesfall muss die Einrichtung, also das Krankenhaus oder Pflegeheim, innerhalb von drei Tagen das Standesamt benachrichtigen. Dazu gehören Dokumente wie die Geburtsurkunde sowie Informationen darüber, ob es Angehörige gibt und ein Testament.“ Zuständig sei das nächste Standesamt – also nicht unbedingt jenes im Wohnort des Verstorbenen. „Im Regelfall bringt der Bestatter die Unterlagen zum Standesamt und kümmert sich darum, die Angehörigen zu informieren“, sagt Bakker.

Zahlreiche Automatismen laufen an

Von einem Todesfall werde die Rentenversicherung sowohl von Behörden als auch Bestattern oder Angehörigen informiert, sagt Katja Braubach vom Bund der Deutschen Rentenversicherung. Sobald die Versicherung vom Tod Kenntnis erhält, werden die Zahlungen eingestellt. Überzahlte Beträge werden zurückgefordert. Auch bei Banken läuft ein Automatismus an, erfahren sie vom Tod eines Kunden: Sie sperren den Online-Zugang sowie die Bankkarten des Verstorbenen und führen das Konto als Nachlasskonto: Erteilte Daueraufträge und Lastschriften werden dadurch immerhin zunächst weiterhin ausgeführt.

Und noch ein Automatismus: „Um Testamenten zur Geltung zu verhelfen, gibt es ein Zentrales Testamentsregister, das von den Standesämtern stets Mitteilung über den Todesfall erhält. Ist ein Testament hinterlegt, wird das Nachlassgericht eingeschaltet“, erläutert Dr. Kai Wantzen, Sprecher des Hanseatischen Oberlandesgerichts. Das Nachlassgericht eröffnet das Testament und setzt sich – wie im Fall Hannelore Graupmann – mit den Erben in Verbindung.

Fehler vermutlich im Standesamt passiert

Und wie ist es nun zu dem Fehler gekommen? Offenbar nicht im Bergedorfer Amtsgericht. Die Daten der im Altonaer Standesamt ausgestellten Sterbeurkunde stimmen genau mit Hannelore Graupmann aus Lohbrügge überein. „Die tatsächlich verstorbene Frau Graupmann hatte aber einen anderen Vornamen. Da muss wohl jemand in Altona beim Eintrag des Todes ins Melderegister schlichtweg in der Zeile verrutscht sein“, vermutet Kai Wantzen.

Hannelore Graupmann trägt das inzwischen mit Fassung. So viel Aufregung hatte die 80-Jährige, die seit 55 Jahren in derselben Lohbrügger Wohnung lebt, lange nicht: „Ich will jetzt noch ganz gemütlich 100 werden.“