Pilotprojekt

Bergedorf wird Vorreiter für die digitale S-Bahn

Fröhlich gestimmt auf dem Weg zur Digitalisierung: Senator Michael Westhagemann (links) und S-Bahn-Chef Kay-Uwe Arnecke in der Betriebszentrale.

Fröhlich gestimmt auf dem Weg zur Digitalisierung: Senator Michael Westhagemann (links) und S-Bahn-Chef Kay-Uwe Arnecke in der Betriebszentrale.

Foto: Jan Schubert

Millionen-Projekt: Nach ersten Ergebnissen könnten mit der Digitalisierung Fahrgastzahlen und Kapazitäten deutlich erhöht werden.

Bergedorf. Die S-Bahn setzt weiter auf die Digitalisierung und hofft damit, aktuelle und kommende Probleme im Fahrgastbetrieb in den Griff zu bekommen. Bisher investierten das Unternehmen, die Stadt Hamburg und Siemens 60 Millionen Euro. Nun gibt Hamburg weitere 1,5 Millionen Euro dazu, damit das Vorzeigeprojekt weiterentwickelt, später ins gesamte Hamburger S-Bahn-Streckennetz und danach idealerweise deutschlandweit eingebunden werden kann.

Neue Stellwerke, mehr Fahrgäste, höhere Taktung, technische Vereinheitlichung und weniger Störanfälligkeit: „Die Digitalisierung“, betont Hamburgs S-Bahnchef Kay-Uwe Arnecke, „ist der Nukleus unserer Erneuerungsstrategie.“

Eingriff nur noch bei Störungen

Dabei fällt ausgerechnet der Bergedorfer S-Bahn-Strecke (S 21/2), auf der es regelmäßig aus diversen Gründen zu Verspätungen und Zugausfällen kommt, zwischen Berliner Tor und Aumühle die Vorreiterrolle zu. Hier soll rechtzeitig zum ITS-Kongress („Intelligent Transport Systems“) im Oktober 2021 in der Hansestadt das Pilotprojekt starten, bei dem vier vollautomatische Züge im Fahrgastbetrieb eingesetzt werden. Dabei an Bord bleibt der Lokführer, der sich während der computergesteuerten Fahrt nicht mehr um das Anfahren und Bremsen sowie die Türbedienung, sondern „nur“ noch um eventuelle Störungsfälle kümmern muss. S-Bahn-Chef Arnecke findet das wichtig, „gerade auch, weil die Lokführer Ansprechpartner für Kunden bleiben werden“.

Im Bergedorfer Bahnhof indes werden die digitalisierten Züge auf einer 1000 Meter langen Strecke unbemannt und automatisch zwischen Gleis und Abstellanlage hin und her pendeln.

150.000 Menschen täglich mit S21/2 unterwegs

Die Digitalisierung soll auch neue Möglichkeiten eröffnen. Durch die neue Technik rechnet die S-Bahn mit etwa 20 bis 30 Prozent mehr an Kapazitäten und mit 50 Prozent mehr Fahrgästen bis zum Jahr 2030. Dazu sollen bald die neuen Linien S 4 (Altona - Bad Oldesloe) und S 32 (Holstenstraße – Osdorfer Born) auf die Schiene gebracht werden. „Das bekommen wir nur mit engeren Taktungen, mehr und längeren Zügen hin – und das geht nur mit digitalem Betrieb“, meint Michael Westhagemann, Senator für Wirtschaft, Verkehr und Innovation.

Zurzeit nutzen etwa 750.000 Menschen täglich die S-Bahn-Linien – davon etwa 350.000 die Harburger Verbindungen S 3/31, 250.000 sind auf den innerstädtischen Linien S 11 und S 1 unterwegs, während 150.000 Fahrgäste auf der Bergedorfer Linie S 21 plus Verstärkerlinie S 2 verkehren. Laut den Prognosen könnte die Anzahl an Fahrgästen täglich auf eine Million steigen.

Stellwerk in Bergedorf bereits modernisiert

Die digitale Zukunftsperspektive der Hamburger S-Bahn wird ihren Ursprung in Bergedorf nehmen. Auf den Linien S 21 und S 2 sollen im Herbst 2021 die ersten computergesteuerten Züge fahren. Christoph Dross, Sprecher der S-Bahn, meint: „Darauf können die Bergedorfer stolz sein, denn es ist ja geplant, dass diese Technologie irgendwann mal in ganz Deutschland im S-Bahn-, Regional- und Fernverkehr eingesetzt wird.“

Dazu gehört in Hamburg auch die Modernisierung aller 17 Stellwerke im S-Bahn-Netz. Allerdings sind diese teilweise bis zu 100 Jahre alt. Neben Ohlsdorf wurde bislang nur das Stellwerk in Bergedorf erneuert und mit moderner Signaltechnik versehen.

Strafzahlungen wegen Verspätungen und Ausfällen

Die Digitalisierung bleibt aber nicht das einzige Projekt, damit der Fahrbetrieb stabiler und zukunftsorientierter aufgestellt wird. Derzeit setzen S-Bahn und Stadt Maßnahmen des Sieben-Punkte-Plans für eine „Starke Schiene“ um. Zum Beispiel diese: Im November setzten S-Bahn-Geschäftsführer Kay-Uwe Arnecke und Senator Michael Westhagemann (parteilos) an der Wilhelm-Bergner-Straße/Chrysanderstraße das erste Zaunelement ein, das verhindern soll, dass Unbefugte wie Flaschensammler, Obdachlose oder sonstige Personen die Gleise betreten. Die S-Bahn will bis Ende 2021 die störanfälligen Strecken von Bergedorf und Neugraben bis zum Hauptbahnhof komplett einzäunen.

Insgesamt, so gaben Arnecke und Westhagemann zu, sei das vergangene Jahr „schwierig“ gewesen, die vertraglich vereinbarte Pünktlichkeit von 94 Prozent sei verfehlt worden. Deshalb muss die Bahn Strafzahlungen in noch unbekannter Höhe an die Stadt leisten. Eine Malaise ist aber beseitigt: Mittlerweile sollen die Software-Probleme mit den Fahrzeugen der neuen 490er-Baureihe behoben sein.