Testlauf

Schlossstraße: Fußgängerzone mit vielen Fragezeichen

Wollen dauerhaft eine schönere Schlossstraße: Fatmir Salahi („Santa Lucia“), Karin Krenzien („La Cara“), Dine Marie Schiøtz („Alberte & Albertine“), Dina Herrmann („Juwelier Moriz“) und Torben Puttfarcken („Koffeinschmiede“, v. li.)  

Wollen dauerhaft eine schönere Schlossstraße: Fatmir Salahi („Santa Lucia“), Karin Krenzien („La Cara“), Dine Marie Schiøtz („Alberte & Albertine“), Dina Herrmann („Juwelier Moriz“) und Torben Puttfarcken („Koffeinschmiede“, v. li.)  

Foto: Jan Schubert

Ab 5. April soll die Parallelstraße vom Sachsentor testweise für eine halbes Jahr autofrei werden. Die Anlieger sehen es mit gemischten Gefühlen.

Bergedorf. Um das Zentrum Bergedorfs attraktiver und umweltfreundlicher zu gestalten, steht ein spannendes Projekt an: Die Bergedorfer Schlossstraße soll vom verkaufsoffenen Sonntag am 5. April bis zum 27. September Fußgängerzone werden und Platz für gastronomische, kulturelle und weitere Angebote im autofreien Bereich schaffen. Ausgedacht hat sich den Testlauf der Runde Tisch Einzelhandel.

Noch prüfen Bezirk und Polizei

Aktuell prüfen Bezirksamt und Polizei verschiedene Lösungen für den Lieferantenverkehr, Zufahrtszeiten für die fünf Garageneinfahrten privater Anlieger und die Verkehrsführung im Vinhagenweg. Ergebnisse und Kosten des Projekts werden im Hauptausschuss am 16. Januar (18 Uhr; Rathaus, Wentorfer Straße 38) vorgestellt und in der Bezirksversammlung am 30. Januar abgesegnet werden.

Gastronomen sind begeistert

Dabei ist die Meinung zu dem Vorhaben von Seiten der gewerblichen Anlieger durchaus unterschiedlich: Die Gastronomen Fatmir Salahi aus dem italienischen Bistro „Santa Lucia“ und Torben Puttfarcken von der „Koffeinschmiede“ freuen sich darauf, Sitzpaletten und Liegestühle dort aufzustellen, wo sonst Autos parken und fahren. „Das ist eine gute Idee. Wir gehen neue Wege und wollen etwas ausprobieren“, sagt Puttfarcken, Bisher verweigerte die Polizei aus Sicherheitsgründen die Palettengastronomie, womit die Möglichkeit der Außenbestuhlung an der Schlossstraße auf dem engen Gehweg sehr begrenzt war.

Feste und Kinderaktionen auf der Straße

Puttfarcken hat Ideen, wie die verkehrsberuhigte Straße gewinnbringend bespielt werden könnte: Federweißer-Fest, Kreidemalen für Kids oder sogar eine Freiluft-Modenshow seien denkbar.

Boutiquen-Betreiberin wünscht sich „mehr Aufenthaltsqualität“

Differenzierter sehen die Mitbewerber die temporäre Fußgängerzone. Der Ansatz sei richtig, findet Karin Krenzien, Chefin der Boutique „La Cara“. Die autofreie Schlossstraße könne aber nur ein Anfang sein: „Es geht ja um die Verschönerung der Straße, wir brauchen grundsätzlich mehr Aufenthaltsqualität“, meint die Mode-Fachfrau.

Sorge um Kunden, die mit Pkw vorfahren

Ob dieses Ziel durch das Projekt erreichbar ist, bezweifelt Dina Herrmann von Moriz Juweliere. „Verschönern ja, aber die Straße für Monate dicht zu machen, das geht nicht.“ Ihre Begründung: „Wir leben von Stammkunden, die gern mal vor der Ladentür parken und sich Zeit nehmen. Diese Parkplätze fallen dann ja weg.“ 25 Stellflächen, davon zwei für Behinderte, wären nach ihrer Rechnung betroffen. Zudem sei der „Informationsfluss zäh“, kritisiert sie, „wir wissen bislang nichts Genaues.“

Boutiquen und Juwelier wünschen sich eher eine dauerhafte Aufwertung der aus ihrer Sicht zu wenig bekannten Parallelstraße des Sachsentors. Dazu nennt Dina Herrmann (Moriz Juweliere) einen wichtigen Punkt: „Die Durchgänge vom Sachsentor aus müssen dringend schöner und heller gemacht werden, damit sich die Leute auch hierher trauen.“ Herrmann und ihre Nachbarn wünschen sich für ihre Geschäftsstraße mehr Licht, hübsche Bänke und die Anpflanzung von Bäumen. Doch ein entsprechendes Konzept eines Architekturbüros vom Jahresbeginn 2016 wurde bisher nie umgesetzt.

„Positive Atmosphäre“ in der Nähe des Rathauses

Dass eine autofreie Zone mit ansehnlichem Design sehr wohl Gastronomen wie Einzelhändler als auch Wohnanlieger glücklich machen kann, zeigte 2019 das Hamburger Pilotprojekt „Stadtraum für Menschen“ der Initiative „Altstadt für alle“ in der Kleinen Johannisstraße/Schauenburgerstraße im Rathausquartier in der City. Dieser Bereich wurde vom 1. August bis zum 31. Oktober 2019 für den Autoverkehr gesperrt.

Florian Marten, Sprecher der Initiative, informierte zuletzt die Bergedorfer Politik darüber. Sein Gesamturteil: „Das Projekt wird befürwortet, hat eine positive Atmosphäre im Quartier erzeugt. Es ist eine Art Nachbarschaftsgefühl entstanden.“

Aufpasser für unerlaubten Privatverkehr

Dabei hätten insbesondere die ortsansässigen Gastronomen Umsatzsteigerungen erzielt. Aus einer Online-Befragung mit 804 Teilnehmern sowie Einzelgesprächen mit Akteuren aus dem Quartier zeigte sich laut Marten die Zustimmung: 93 Prozent der Befragten, darunter Grundeigentümer, Gastronomen, Händler und Berufstätige, wünschen sich eine Fortsetzung an der Kleinen Johannisstraße.

Insgesamt fielen im Projektzeitraum 60 Parkplätze im rathausnahen Quartier weg und schufen Platz für Gastrotische, Kunstinstallationen, Haustürkonzerte, mobile Gärten und vieles mehr. Auch ein Grund für den Erfolg sieht Florian Marten darin, dass Regelungen eingehalten wurden: Lieferanten und Anwohner mit Sondergenehmigung hatten von 23 bis 11 Uhr freie Fahrt. Von 8 bis 11 Uhr habe die „Schleusenlösung“ gegriffen, dabei sei der private Autoverkehr durch „personalintensives Eingangsmanagement“ (Florian Marten) reguliert worden. Mit Erfolg: „Wir mussten nicht ein einziges Auto abschleppen.“ 180.000 Euro kostete die Umsetzung des Projekts – finanziert vom Bezirksamt, Initiativen und Spendern.

Appell: Alle müssen an einem Strang ziehen

„Wichtig ist das Einvernehmen aller Beteiligten und die Betonung, dass es sich um ein temporäres Projekt handelt“, sagt Marten. Anderenorts fehlt offenbar diese Akzeptanz: Auch die Ottensener Hauptstraße wird seit September 2019 für ein halbes Jahr autofrei erprobt. Hier herrscht dauerhaft Zwist: Anwohner betonen die Steigerung der Lebensqualität. Einige Gewerbetreibende dagegen klagen über massive Umsatzeinbußen. Immer wieder soll es zu Auseinandersetzungen zwischen Fußgängern und jenen Autofahrern gekommen sein, die sich nicht an die Regelung hielten.